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Celeste Ng „Ich habe meinen Sohn im Koffer gelassen“

Die amerikanische Schriftstellerin Celeste Ng über Mütter, Donald Trumps Familienpolitik und eine wirkungsvolle Methode, Online-Trolle zum Schweigen zu bringen.

Celeste Ng
„Hillary Clinton hätte das Selbstbewusstsein junger Frauen sicher gestärkt“, sagt Celeste Ng. Foto: Kevin Day

Frau Ng, was macht eine Mutter zu einer guten Mutter?
Wüsste ich eine Antwort darauf, hätte ich einen anderen Roman geschrieben. Es wird schon kompliziert, wenn man sich fragt, was eine Mutter überhaupt zu einer Mutter macht. Biologie? Sicher. Aber eben nicht nur. Einfacher ist die Frage zu beantworten, wer bestimmt, was eine gute Mutter ist. Das ist zweifellos die Gesellschaft. Und in der hatten bisher hauptsächlich Männer das Sagen.

Männer kommen in „Kleine Feuer überall“ durchaus vor. Aber die Hauptrolle spielen junge Frauen und Mütter, während im Hintergrund die Lewinsky-Affäre über die Fernsehschirme flimmert. Weshalb haben Sie Ihren Roman in den 1990er Jahren angesiedelt?
Ich erinnere mich noch gut an die Hoffnungsstimmung dieser Zeit. Wir hier in den USA dachten, wir hätten die größten Probleme der Vergangenheit bewältigt und befänden uns auf dem besten Weg in eine ideale Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt sind, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Vermögen. Mich interessiert die Grenze zwischen Idealismus und Selbstbetrug. Wir haben uns viel zu lange der bequemen Illusion hingegeben, die Realität werde unseren guten Absichten irgendwann schon entsprechen. Wie wir heute sehen, ist genau das Gegenteil der Fall: Wenn den guten Absichten keine Taten folgen, landen wir in einem Land, das einen Mann zum Präsidenten wählt, der seine Verachtung für Frauen, für Minderheiten, für überhaupt jede Form von Würde und Anstand offen zur Schau stellt.

Ist Ihr Roman als Ohrfeige für Donald Trump gedacht?
Nein. So arbeite ich nicht. So entsteht keine gute Literatur. Aber es ist klar, dass alles was ich schreibe, von meinen Erfahrungen geprägt ist. Und das sind die Erfahrungen einer Frau, einer Mutter und Tochter chinesischer Immigranten, also einer Angehörigen einer Minderheit. Im heutigen Klima machen diese Faktoren mich zu einer politischen Autorin. Und ich gebe zu, dass die gesamte Trump-Regierung sich in moralischer Hinsicht in einem komplett anderen Universum zu bewegen scheint als ich.

Ein Thema in „Kleine Feuer überall“ ist Abtreibung. Die Trump-Administration will der gemeinnützigen Organisation Planned Parenthood die Unterstützung entziehen. In vielen US-Bundesstaaten würde dies das Ende für Abtreibungen bedeuten. Was halten Sie davon?
Schwangerschaftsabbrüche bilden nur einen Bruchteil der Leistungen, die Planned Parenthood erbringt. In Wirklichkeit reitet die Regierung eine Attacke gegen das Gesundheitswesen für Frauen an sich. Frauen werden damit um die Kontrolle über ihre medizinische Versorgung gebracht. Empfängnisverhütung, der Schutz vor Geschlechtskrankheiten, Krebsarten, von denen vor allem Frauen betroffen sind: Millionen von uns stünden ohne eine Organisation wie Planned Parenthood völlig hilflos da. Diese Pläne zeigen, wie Trump und die Seinen Frauen überhaupt sehen. Nämlich nicht als Gleichgestellte, sondern als Sexobjekte. So hat es Trump ja auch formuliert: Frauen sind dazu da, um an die Muschi gefasst zu werden.

Sie sprechen von Donald Trumps Kommentaren in dem Access-Hollywood-Video, das während der Präsidentschaftswahlen bekannt wurde…
Tragisch ist, dass Trump verabscheuungswürdiges Verhalten legitimiert. Frauenfeindlichkeit ist ein Übel, an dem jedes Land unterschwellig zu kranken scheint. Unter unserer Regierung darf man sich nun aber damit brüsten.

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