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Carson McCullers Demut im traurigen Café

Poesien der Schonungslosigkeit: Die Schriftstellerin Carson McCullers wurde vor 100 Jahren geboren. Mit der berühmten „Ballade vom traurige Café“ hat die im 50. Lebensjahr Verstorbene vollends den Blues.

Carson McCullers auf einem Foto von 1955. Foto: imago/United Archives International

Der Vater schenkt ihr eine Schreibmaschine. Das Mädchen ist 14 Jahre alt und beginnt umgehend mit der Niederschrift eines Dramas. „Voll mit Wahnsinn, Blutschande und Mord“, wie die Autorin später berichtet. Für die Schublade im Jugendzimmer ist das Ganze nicht gedacht: Inmitten des bürgerlichen Wohnzimmers werden die jüngeren Geschwister in Szene, alle Schwungräder der Phantasie in Bewegung gesetzt.

Lula Carson Smith wird am 19. Februar 1917 durch Geburt in die Welt des nordamerikanischen Südens entlassen. Columbus im Staat Georgia gilt als typische Kleinstadt jenseits der Mason-Dixon-Linie: Baumwollverarbeitung, herrschaftliche Anwesen im Verfall, Armut, Rassentrennung, sommerliche Hitze. Wohlbehütet soll sie aufgewachsen sein, von Talenten gesegnet – die erste, im Dezember 1936 veröffentlichte Erzählung ist „Wunderkind“ überschrieben. Nicht ohne Grund, durchaus vorausschauend.

Heute, ein Jahrhundert nach ihrer Geburt, ist Carson – verheiratete – McCullers eine legendäre Person der amerikanischen Literatur. Als wäre sie einer ihrer Erzählungen entstiegen. Noch immer ist der Mythos um das „Mädchen aus dem Süden“ so lebendig, dass – beispielsweise – die populäre Musikerin Suzanne Vega zu einem Rollenspiel gereizt wird. Das kürzlich erschienene Album „Lover, Beloved“ basiert auf einem eigens verfassten Theaterstück: Vega, ihrem Publikum die Carson-Wiedergängerin gebend, folgt hier biografischen Stationen, besingt Glanz und Leid, lässt rührselig ausklingen, was einen härteren Zugriff verdient hätte.

Ehrgeiz und Sendungsbewusstsein ist jener 18-Jährigen nicht abzusprechen, die 1935 in der „magischen Stadt“ eintrifft: New York, Ort der Sehnsucht, wo sie zum ersten Mal Schnee sieht, ein bisschen studiert, kellnert, ihre Barschaft einbüßt. Dem Klaviervirtuosentum schließlich ein Adieu zuruft, das Schreiben als gemäßes Ausdrucksmittel erwählt. Carson McCullers – und das ist aller Ehren wert – hat zu keiner Zeit ihrer entbehrungsreichen Existenz an der eigenen Sprachkraft, den eigenwilligen Sujets, dem moralischen Anspruch ihrer Imaginationen gezweifelt. Mit diesem inneren Vermögen ließ sich sogar die stete Gegenwart des Todes aushalten.

Drei Jahrzehnte des Schreibens sind begleitet von Schlaganfällen, Lähmungen, körperlichem Verfall. Sie geht am Stock, fährt im Rollstuhl, liegt auf der Trage, dem Operationstisch, im Bett. Ihre zweimal durch Eheschließung bekräftigte Beziehung zu Reeves McCullers unruhig zu nennen, wäre eine schamlose Verniedlichung: Da wird nachts gewürgt und gezecht, eine Unzahl von Zigaretten inhaliert, geneidet, gelitten und leidenschaftlich geliebt. In Paris wird das Paar einmal auf Krankenliegen ins Flugzeug gehoben – er im Delirium, sie vom Schlaganfall gezeichnet. Auf vielen Fotografien sehen wir die Schriftstellerin lachend, dennoch. Ihre unvollendet gebliebene Autobiografie „Illumination and Night Glare“ beginnt so: „Mein Leben war, dem Himmel sei Dank, fast vollständig ausgefüllt mit Arbeit und Liebe. Die Arbeit war nicht immer einfach, die Liebe auch nicht.“

Seit dem 4. Juni 1940 darf Carson McCullers eine öffentliche Erscheinung genannt werden. Ihr erster Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ hievt die 23-Jährige in die oberste US-Schriftstellerliga. Sie wird von Presseleuten umworben, in den Arm genommen von Tennessee Williams, Annemarie Schwarzenbach, Klaus und Erika Mann, dem Ehepaar Bowles, der Ferkel züchtenden Margot von Opel sowie tausend anderen mehr oder minder Namhaften. Gore Vidal liegt wohl nicht falsch, wenn er meint, ihr Ruhm sei auch ein Werk der Reklame gewesen. Dem überschaubaren Gesamtwerk – es lässt sich spielend in einen Kinderrucksack packen – hat der Rummel nicht geschadet. Die wenigen Romane, Novellen und Erzählungen sind einzigartig, Poesien der Schonungslosigkeit.

Gerne wird den Dämonen und Schattenwesen Einlass gewährt. Über und unter den Figuren – Außenseiter, Verstörte, Kämpfende allesamt – flirrt es unentwegt. McCullers’ Southern Gothic lässt keine Schlupflöcher: Wer hier auftritt, zahlt die Zeche. Von zeitloser Gültigkeit sind zudem ihre beiden Essays zum literarischen Schreiben und zur Südstaaten-Literatur. „Sowohl in den Südstaaten wie im alten Russland findet sich die Billigkeit des Menschenlebens auf Schritt und Tritt“, heißt es in einer dieser Standortbestimmungen. Auch wenn der Homo sapiens in unserer mitleidlosen Welt nicht mehr „als eine Fuhre Heu“ gilt, bleibt die demokratische Ordnung eine bindende Verpflichtung: „Das ist der Atem des amerikanischen Ideals.“

Lange hat man die politischen Aspekte ihrer Arbeit nicht sehen wollen, den im Debüt integrierten Lobgesang auf Karl Marx als Spinnerei abgetan. 1941, die Vereinigten Staaten marschieren in den Krieg und McCullers’ Gesundheit gerät vollends in Schieflage, erscheint mit „Spiegelbild im goldnen Auge“ der am meisten kritisierte und unterschätzte Roman ihrer Laufbahn. Ihn wieder zu lesen, macht hellwach. 90 Seiten lang wandelt sich eine Garnison in Friedenszeiten zu einem Seelenkerker, in dem Brustwarzen mit einer Gartenschere abgeschnitten und homoerotische Sehnsüchte mit todbringenden Schüssen gekontert werden.

Und Carson McCullers erzählt es deutlich, sehr sacht, in aller Klarheit. Wenige Sätze genügen, um die derangierten Charaktere und unheilvollen Situationen anzuordnen. – Da bedarf es keines ausschweifenden Fabulierens auf aberhunderten von Seiten, keiner aufgesetzten Raubauzigkeit.

Mit der berühmten – wahrscheinlich das einzige ihrer Bücher, das in Deutschland ein paar Leser gefunden hat – „Ballade vom traurige Café“ hat die im 50. Lebensjahr Verstorbene vollends den Blues. Der staubige Vorhang hebt sich in traumverlorener Langsamkeit, und eine von Zigaretten und Schnaps brüchig gewordene Stimme schleppt uns vor jenes windschiefe Haus, dessen Fenster- und Türöffnungen seit langem vernagelt sind.

„Ohne den Whisky“, so einer dieser lange nachklingenden Sätze, „wäre es vielleicht nie zu einem Café gekommen.“ Der Ku-Klux-Klan-Mantel des Bräutigams wird umstandslos zerschnitten, um „Tabakpflänzchen damit zuzudecken“, auch ist es „allmählich Zeit, von Liebe zu sprechen“. Wir greifen in Hosentaschen und finden neben dem „getrockneten und eingepökelten Ohr eines Mannes“ oder dem „stets verbotenen Marihuanakraut“ noch weitere delikate Kostbarkeiten, dutzendfach. Keine Frage: Ein kleines Buch von himmelweiter Schönheit.

Nach 47 Tagen im Koma stirbt Carson McCullers am 29. September 1967, 9.30 Uhr. Unweit ihres im Südstaaten-Stil gehaltenen Hauses („in der Farbe von Vanilleeis“) und des Flusses Hudson wird der Oak Hill Cemetery von Nyack zur letzten Station. Vom Schriftsteller hat sie „Demut, Liebe und großen Mut“ verlangt, uns Nachlebenden den Weg vom traurigen Café zur trostlosen Landstraße gewiesen. Dort sind Kettensträflinge – „sieben schwarze und fünf weiße Burschen aus unserer Gegend“ – bei der Arbeit, singend. „Es ist eine Musik, die einem das Herz aufschließt.“ Und am Ende, ganz einfach: „Bloß zwölf sterbliche Menschenkinder, die zusammengehören.“

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