Lade Inhalte...

Carlo Rovelli Der Narr auf dem Hügel

Auch wenn es einen schwindelig macht, ist es eine Lust, dem Physiker Carlo Rovelli in sein Universum zu folgen. Zeit, wie wir sie uns vorstellen, gibt es darin nicht.

Orionnebel
„Denn wir sehen, dass nichts von nichts entstehen kann“, schreibt Lukrez. Orionnebel mit jungen Sternen. Foto: European Southern Obvservatory/afp

Carlo Rovelli wurde 1956 in Verona geboren. Seit 2015 ist er der seltene Fall eines weltberühmten Quantengravitationsphysikers. 2014 war sein Buch „Sieben kurze Lektionen über Physik“ beim italienischen Verlag Adelphi erschienen. Im Jahr darauf kam das Buch auf Englisch, Französisch und Deutsch heraus. Inzwischen wurde es in 41 Sprachen übersetzt, mehr als eine Million Exemplare wurden verkauft. Das Buch erklärt auf weniger als einhundert Seiten Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie, Max Plancks Quantenmechanik, die Entstehung des Universums, schwarze Löcher, Elementarteilchen, die Raumzeit und Rovellis eigenes Arbeitsgebiet, die Loop-Theorie.

Wer jetzt sagt, das sei unmöglich, der hat natürlich recht. Aber es ist – während Sie Rovelli lesen – wie bei einem Roman: Sie glauben, dem Autor auch noch in die entlegensten Schlupfwinkel seiner Handlung folgen zu können. Erst wenn Sie das Buch beiseite legen und über das Gelesene nachdenken, dämmert Ihnen, dass Sie doch nicht verstanden haben, was diese schwarzen Löcher sind, respektive was für ein Kerl Jean Valjean ist.

Carlo Rovelli gehörte 1976 zu den Begründern von Radio Alice in Bologna. Das war am 9. Februar, die aufbegehrenden Genossinnen und Genossen hatten einen alten Militärsender zweckentfremdet. Am 12. März 1977 intervenierte die Polizei und machte dem ersten freien Radio Italiens ein Ende. Danach gelang es den jungen Leuten, den Sender noch zwei Jahre illegal laufen zu lassen. Der Sender wurde zu einer europäischen Berühmtheit, weil er Kochrezepte mit Militanz, Yoga-Lektionen und Arbeiterbewegung zu verbinden verstand.

In seinem Buch „Und wenn es die Zeit nicht gäbe?“ (als Taschenbuch im Mai bei Rowohlt erschienen) schreibt Carlo Rovelli: „Auf halbem Weg meines Studiums fühlte ich mich verlorener als je zuvor; ich hatte das bittere Gefühl, dass die Träume, die von so vielen geteilt wurden, im Begriff waren, sich schon wieder zu verflüchtigen. Ich hatte keinen Schimmer, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Den Weg des sozialen Aufstiegs einzuschlagen, Karriere zu machen, Geld zu verdienen und einen Zipfel der Macht zu ergreifen, erschien mir allzu öde. Das war nicht mein Ding. Aber es gab die ganze Welt zu erforschen, und jenseits der Wolken stellte ich mir stets einen grenzenlosen Horizont vor. Die wissenschaftliche Forschung war damals meine Rettung – hier fand ich einen unbegrenzten Freiraum, ein Abenteuer, ebenso außergewöhnlich wie uralt.“

Carlo Rovelli entdeckte, dass nicht nur die Gesellschaft anders war, als er sie sich gedacht hatte. Auch die Natur ist anders. Selbst die Naturgesetze sind nicht ewig. Mit diesen Entdeckungen macht er uns jetzt durch seine Bücher vertraut. Sie nehmen die Rolle ein, die einst Radio Alice hatte. Im November erschien in Italien ein Buch mit den Zeitungskolumnen, die Rovelli inzwischen auch schreibt. Es geht darin um Einstein und Nagarjuna, Rovelli schreibt über Hitlers „Mein Kampf“ und gegen eine Beteiligung Italiens an der Bombardierung des Irak.

Tagebücher eines Verführers

Rovelli liebt die Abenteuer, die ihm die Welt nicht nur in einem anderen Licht zeigen, sondern sie umstürzen. Er ist Revolutionär geblieben. Wie alle Revolutionäre will auch Rovelli nicht allein bleiben. Er will uns alle mitnehmen auf seinen Trip. Carlo Rovelli ist ein Lockvogel, der uns hinüberzwitschern möchte aus dem Reich der Fake News zur Wahrheit. Seine Veröffentlichungen sind die Tagebücher eines Verführers.

Einer der Helden Rovellis ist der griechische Philosoph Anaximander. Er lebte im 6. vorchristlichen Jahrhundert in Milet. Anaximanders Kernthese war eine wissenschaftliche Revolution: Die Erde steht auf keinem Boden. Sie ist nirgendwo befestigt. Sie schwebt durchs All. Der Himmel ist nicht mehr nur über, er ist auch unter uns. Der von Rovelli so geliebte „unbegrenzte Freiraum“ war eine Erfindung Anaximanders. Nein, es war, so Rovelli, keine Erfindung, sondern eine Einsicht, ein erstes Verständnis für die Natur des Universums.

Eine Welt ohne Zeit

Von der handeln Rovellis Bücher. Handeln ist das richtige Wort, denn Rovellis Universum ist selbst dynamisch. Wie er es schafft, einem das deutlich zu machen und doch gleichzeitig versucht, einem die Idee der Zeit auszureden, das ist mir völlig unverständlich. Wie ich auch den Kern seiner Ausführungen, das, worum sich alles dreht, definitiv nicht verstanden habe. Ich kann mir, so sehr ich mich bemühe, eine Welt ohne Zeit, ohne vorher und ohne nachher, nicht vorstellen.

Auch ein Zustand, in dem es keine Zeit gibt, ist doch kein ewiger Zustand. Ihm ist ein anderer vorangegangen und ihm folgt ein anderer. Ich kann anders nicht denken. Ich kann noch nicht einmal sagen, an welcher Stelle von Rovellis Argumentation ich mich ausklinke. Wenn Rovelli in „Die Ordnung der Zeit“ Aristoteles’ und Newtons Raumbegriff einander gegenüberstellt und deutlich macht, dass Newtons Vorstellung eines leeren Raumes eine Abstraktion ist, da es in jedem Raum elektrische und magnetische Felder sowie ein kontinuierliches Gewimmel von Quantenteilchen gibt, bin ich ganz bei Rovelli. Wenn er dann sagt, das gleiche träfe auch auf die Zeit zu, es gebe keine „absolute, wahre und mathematische Zeit“, so verstehe ich das. Nein, nein, ich verstehe ratzebutz nichts. Aber es leuchtet mir ein. Einfach, weil ich mir nichts nicht vorstellen kann. Ich glaube nicht an nichts.

„Denn wir sehen, dass nichts von nichts entstehen kann“, schrieb Lukrez im ersten vorchristlichen Jahrhundert. Über diesen Standpunkt bin ich nicht hinausgekommen. Nichts vermag mein Vorurteil zu erschüttern, dass nichts von dem, das heute ist, schon immer da war. Ebenso wenig wie das Vorurteil, dass es etwas gegeben haben muss, aus dem entstand, was am Anfang dessen war, was heute ist.

Wir dürfen uns Raum und Zeit, so machte Einstein uns klar, nicht als Schachteln vorstellen, in denen Gegenstände und Ereignisse untergebracht werden, sondern sie interagieren mit den Gegenständen. Sie selbst krümmen und strecken sich. Auch damit habe ich kein Problem. Gerade weil ich mir Zeit als Materie vorstelle. „Vorstellen“ ist natürlich ein völlig ungeeigneter Begriff. Ich folge diesen Gedankengängen, wie ich denen Victor Hugos in seinem Roman „Die Elenden“ folge. Atemlos, gespannt, neugierig, aber mehr mich ihnen überlassend als sie überprüfend.

Im jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Die Ordnung der Zeit“ nimmt Carlo Rovelli uns mit auf eine Reise, in deren ersten Abschnitt er uns zeigt, wie unser traditionelles Verständnis von Zeit durch die Forschungen der letzten einhundert Jahre zerstört wurde: Es gibt nicht mehr die eine, überall gültige Zeit. Auch der Zeitpfeil ist nur unsere Konstruktion. Im zweiten Abschnitt stellt er uns die Welt vor, die er sieht. Sie besteht aus sich ständig ändernden Relationen. Ereignisse machen sie aus, nicht Dinge. Die „grundlegende Theorie der Welt“ sagt uns, „wie sich die Variablen wechselseitig zueinander verändern: wie sich eine verändert, wenn sich andere verändern ... Sie braucht keine Zeitvariable.“ Der dritte Abschnitt will uns zeigen, dass wir der Narr auf dem Hügel sind, der nicht begreift, dass er selbst die Zeit schafft, die er da draußen wähnt.

Aber die Geschichte des Weltalls, die unserer Erde, des Lebens auf ihr, entfaltet sich doch in der Zeit. Der Urknall hat nicht seine Theorie hervorgebracht. Dazu war eine lange Folge von aufeinander aufbauenden Schritten nötig.

Sie merken, ich verstehe wirklich nicht, was Rovelli meint, aber genau das fasziniert mich an ihm. Die Chance, vielleicht doch einmal die Welt so zu sehen, wie er es tut, will ich mir nicht entgehen lassen. Liest man nicht, hört man nicht anderen zu in der Hoffnung, auf Ideen gebracht zu werden, die einem selbst fremd sind? Rovelli zitiert Paul McCartneys Song aus dem Jahre 1967: „But the fool on the hill, / Sees the sun going down, / And the eyes in his head, / See the world spinning ’round.“ So wie der Narr auf dem Hügel die Sonne untergehen sieht, die Augen seines Verstandes aber die sich drehende Erde sehen, so müssen wir lernen, unsere Wahrnehmung von unserem Wissen lenken zu lassen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen