Lade Inhalte...

Burg Hülshoff bei Münster Das gute alte neue Hülshoff

Lesungen und Konzerte in der Vorburg, literarischer Garten, Lyrikwege durch die Droste-Landschaft: Wie die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung die Lebens- und Schreibstätten der westfälischen Dichterin wachküssen will.

Wasserschloss Hülshoff westlich von Münster: Hier wurde Annette von Droste-Hülshoff im Jahre 1797 geboren. Eine Stiftung hat das Anwesen, das noch bis vor wenigen Jahren in Familienbesitz war, übernommen und plant den Ausbau der Vorburg (links) zu einem "Droste-Kulturzentrum - Zukunftsort Literatur". Foto: Imago

Fast poetisch wirkt sie, die Vorburg des Wasserschlosses Hülshoff im münsterländischen Havixbeck. Allerdings nur, solange man sie von außen betrachtet. Ein langgestrecktes L aus rotem Ziegelmauerwerk mit Fachwerkgiebeln, südlich dem Herrenhaus vorgelagert, umschlossen vom Wasser der Gräften und nur über Brücken zu erreichen. Ein Torbogen, in früherer Zeit der Hauptzugang zum Anwesen, teilt die längere Seite des L in zwei Hälften. Zwei Ecktürme lehnen sich im Westen und Osten an das Gebäude, mit ihren spitzen Dächern erinnern sie an Bleistifte.

Die meisten Tagestouristen, die sich auf den Weg zum Geburtsort von Westfalens Dichterikone Annette von Droste-Hülshoff zehn Kilometer westlich von Münster machen, wenden sich schnell der Hauptburg zu, um dort in Filzpantoffeln dem Lebensalltag der berühmten Bewohnerin und ihrer Familie nachzuspüren. Eingeweihte verweilen an der Vorburg, suchen, finden und freuen sich, wenn sie am Relief in der Fassade des Gärtnerturms den Schauplatz des „Ersten Gedichts“ erkennen: „Wie hab’ ich ihn umstrichen / Als Kind oft stundenlang, / Bin heimlich dann geschlichen / Den schwer verpönten Gang / Hinauf die Wendelstiege, / Die unterm Tritte bog, / Bis zu des Sturmes Wiege, / Zum Hahnenbalken hoch.“

Halsbrecherisch erscheint der Ausflug, den die kleine Annette unternahm, um ihre Verse für die Nachwelt im Turm zu verstecken. Öffnet man mehr als 200 Jahre später eine der hölzernen Türen zur Vorburg, ist schlagartig Schluss mit Poesie: Rohe Betonwände, grob gezimmerte Treppen, der Gärtnerturm entkernt und zum Silo umfunktioniert.

Errichtet in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, diente die Vorburg seit jeher als Wirtschaftshof, beherbergte Stallungen, Speicher, ein Backhaus, Brauerei, Schreinerei. Heute steht sie leer, den hohen Dachstuhl haben die Dohlen übernommen. „Die einzigen, die sich nicht freuen dürften über unsere Pläne“, sagt Matthias Löb, der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Unter Federführung des Verbandes will die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung Vorburg, Herrenhaus, Park und Umgebung zum „Droste-Kulturzentrum – Zukunftsort Literatur“ ausbauen und setzt dabei auf Fördergeld des Bundes.

Das Projekt ist modular konzipiert, einzelne Bausteine lassen sich unabhängig voneinander realisieren – je nach finanziellen Möglichkeiten. Herzstück der Pläne ist der Umbau der Vorburg zu einer multifunktionalen Veranstaltungsstätte. Für rund fünf Millionen Euro sollen hier Räume für kulturelle Ereignisse, Ausstellungen, Tagungen und Seminare entstehen, verteilt auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern. Durch geneigte Ebenen wollen die Planer vom Büro Pfeiffer.Ellermann.Preckel dem Innenraum architektonische Spannung verleihen. Das Dachgeschoss des Westflügels wird in einen hohen Saal verwandelt, in dem bis zu 199 Zuschauerinnen und Zuschauer neben Literatur auch Musik und Theater erleben – Annettes Wirken als Komponistin und ihre Ausflüge ins Schauspielerische lassen grüßen.

Die Vorburg zeugt in besonderer Weise von den Umbrüchen, mit denen sich die aristokratischen Bewohner seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konfrontiert sehen. Zwar ist im rückständigen Westfalen die alte Ordnung noch intakt, als Annette von Droste-Hülshoff im Januar 1797 auf der Wasserburg in eine Adelsfamilie von niedrigem, aber alten Stand geboren wird. Vater Clemens-August kann als Gutsbesitzer noch recht unbekümmert im Park von Hülshoff seinen botanischen Hobbys nachgehen. Doch schon die nächste Generation ist gezwungen, sich nach neuen Einnahmequellen umzusehen. Die Säkularisation im Kielwasser der Französischen Revolution nimmt dem Adel die Versorgung durch geistliche Ämter, Abgaben der Bauern füllen die Kassen der Gutsherren nicht mehr. So wird der landwirtschaftliche Betrieb auch für Annettes Bruder Werner, der die Burg 1826 als Alleinerbe übernimmt, zur Überlebensfrage.

Von Rüschhaus aus, dem nahen Witwensitz, wo sie mit Mutter Therese seit dem Tod des Vaters lebt, beobachtet die Schwester seine Bemühungen äußerst skeptisch. „Werner fängt Ökonomie an und lässt sich dazu lauter neue Leute aus dem Lippischen kommen“, seufzt die Dichterin in einem Familienbrief von 1837, wohl auch ein wenig besorgt um die Sicherheit ihrer Leibrente: „Werner, der dazu taugt wie der Esel zum Lautenschlagen! (…) Denk dir nur die ersten Ausgaben. Da ist weder Gerät noch Vieh im Stalle, das muss er alles mit geliehenem Gelde anfangen, denn die Holzungen sind bei den letzten Ankäufen so angegriffen, dass aus denen vorerst kein Trost zu holen ist.“

Annette unterschätzt ihren Bruder. Der Betrieb wirft immerhin genug ab, um eine große Kinderschar zu versorgen und den Stammsitz der Familie für nachfolgende Generationen zu erhalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert bleibt die „Ökonomie“ Haupterwerbsquelle der Familie. Erst im Jahr 2012 zieht Werners Urenkelin Jutta Freifrau von Droste zu Hülshoff den Schlussstrich unter die fast 600-jährige Geschichte des Stammsitzes und bringt Park und Anwesen mit allem Inventar in die nach der Dichterin benannte Stiftung ein.

Multimedia-Reportage: Die Droste-Homestory

Die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung nimmt wenig später auch das fünf Kilometer entfernte Rüschhaus mit dem dortigen Droste-Museum in ihre Obhut. Die beiden authentisch erhaltenen Dichterinnenorte in einer Hand – „eine kulturhistorisch einzigartige Konstellation“, schwärmt Jochen Grywatsch, Droste-Forscher in der LWL-Literaturkommission und Geschäftsführer der Droste-Gesellschaft. „Wir können hier etwas für eine Autorin von Weltgeltung tun, die überregional strahlt und für Westfalen etwas ganz Besonderes ist“, freut sich der langjährige Redakteur der Historisch-Kritischen Droste-Ausgabe. Seine Forschungsstelle soll im Rahmen des Projekts aus dem Münsteraner Erbdrostenhof nach Hülshoff übersiedeln und im Dachgeschoss der „Neuen Ökonomie“, einem Wirtschaftsgebäude aus jüngerer Zeit, zum Droste-Institut ausgebaut werden.

Die „historische Chance“ ergreifen will auch Barbara Rüschoff-Thale. Die LWL-Kulturdezernentin weiß zugleich um die Notwendigkeit, ein breites Publikum anzusprechen, zu dessen Nachtlektüre nicht unbedingt die Lyrik gehört. „Wir wollen aus Burg Hülshoff keinen Elfenbeinturm der Hochkultur machen, sondern einen Ort, an dem sich alle wohlfühlen.“ Das passt durchaus: Berührungsängste mit den Nachbarn, ganz gleich ob Gutsherren oder Bauersfamilien, kennt im 19. Jahrhundert auch die „Stockmünsterländerin“ Annette von Droste nicht.

Geselliges Leben herrscht zu ihrer Zeit auf Hülshoff – daran knüpft die Stiftung an. In dem vom Vater der Dichterin so geliebten Garten hat sie publikumswirksame Veranstaltungsreihen wie „Winterträume“, „Sommerträume“ und die jährlichen Droste-Tage etabliert. Nun soll das 30 Hektar große Areal zum literarischen Landschaftsgarten weiterentwickelt werden, ein Freizeitgelände für Familien. Mit dem geplanten Kinderspielplatz, der kleine Besucher spielerisch an Literatur heranführt, schließt sich ein weiterer Kreis: Schon für Annette und ihre drei Geschwister war Park Hülshoff ein großer Spielplatz, wenn sie etwa winters mit Schlittschuhen auf den zugefrorenen Gräften rund um die Burg lachend ihre Runden drehten.

Im Haupthaus soll das Familienmuseum behutsam weiterentwickelt werden, ohne seinen poetischen Charme einzubüßen. Räume im oberen Stock, von der letzten Eigentümerin privat genutzt, können erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein innovatives Droste-Literaturmuseum schwebt der Stiftung hier vor, museale Konzepte mit moderner Technik, die den Geist der Dichterin präsent machen – zugleich ein Fingerzeig auf die wenig biedermeierliche, sondern selbstbewusst-emanzipierte Droste, die in der Ausstellung künftig auch ihre rebellische Seite offenbaren darf. „Das Museum und auch das Image der Annette von Droste müssen ein bisschen entstaubt werden“, formuliert es Barbara Rüschoff-Thale.

Aus eigener Kraft wird die Stiftung dabei jedoch nicht weit kommen. Mit den 15 Millionen Euro, die nach den dringend notwendigen Sanierungen am Dach der Burg und der Kapelle noch zur Verfügung stehen, lassen sich Burg Hülshoff und Rüschhaus im bestehenden Umfang weiter betreiben – mehr aber auch nicht, betont LWL-Direktor Matthias Löb: „Wir machen uns Hoffnung auf das Programm ,Nationale Projekte des Städtebaus‘, das aus unserer Sicht sehr gut passt.“ Es ist bereits der dritte Anlauf, Fördermittel aus diesem Topf zu bekommen, und auch diesmal ist er nicht ohne zusätzliche Hürden: Den Antrag kann nicht die Stiftung selbst stellen, sondern nur die so genannte Belegenheitsgemeinde – hier also die klamme Kommune Havixbeck, die der vorgeschriebene Eigenanteil von zehn Prozent durchaus schmerzen dürfte.

Trotzdem sind Löb und Rüschoff-Thale optimistisch. Bis Ende April muss der Förderantrag gestellt sein, bis zum Sommer rechnet die Stiftung mit einer Entscheidung. Vorausgesetzt, das Geld für die Investition fließt und das LWL kann sich zur Übernahme der Folgekosten durchringen, könnte das prestigeträchtige Kulturzentrum in der Vorburg ab etwa 2020 in den Vollbetrieb gehen.

Dort, im früheren Rinderlaufstall, wird dann auch eine neue Dauerausstellung über die Geschichte der Burg, den Lebensalltag der Dichterin und ihrer Familie informieren und die Gäste in die Droste-Landschaft schicken – ein Wegenetz mit interaktiven Stationen zwischen Burg Hülshoff und Rüschhaus, angelehnt an die Pfade, auf denen Annette zwischen den Familiensitzen pendelte. Auf eigens bereitgestellten E-Bikes können sich Interessierte auf diese Lyrikwege begeben, unterwegs Gedichte hören, mit Hilfe von Lupen den geradezu mikroskopischen Blick der extrem kurzsichtigen Autorin nachempfinden und unterwegs Informationen über eine App abrufen. Im Rückbezug auf die historische Umgebung soll sichtbar werden, was noch übrig ist von jener Landschaft, aus der Annette von Droste so üppig für ihre lyrischen Natur- und Heidebilder wie der „Der Knabe im Moor“ schöpfte.

Sie selbst legt den Weg zwischen 1826 und 1846 oft mit Unbehagen zurück: Auf Hülshoff nimmt man die unverheiratete Tante nur allzu gern als Krankenpflegerin oder zur Bespaßung der zahlreichen Nichten und Neffen in Beschlag. Zum Schreiben kommt sie dort kaum. „Mein gutes, altes Hülshoff“, wie sie das Elternhaus ein Jahrzehnt nach ihrem Auszug wehmütig nennt – es ist schon lange nicht mehr der heimelige Ort, an dem sie einst ihr erstes Gedicht im Dach eines Turmes versteckte: „Das sollten Enkel finden / wenn einst der Turm zerbrach / Es sollte etwas künden, / das mir am Herzen lag“. Es würde sie freuen, dass ihr Wunsch – wenn auch ein wenig anders als geplant – in Erfüllung gegangen ist.

Multimedia-Reportage: Droste in Meersburg