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„Bungalow“ Man nimmt es hin wie eine Burgerwerbung

Helene Hegemanns „Bungalow“ ist ein heftiger Unterhaltungsroman über das, was wir schon wissen und kennen.

Helene Hegemann
Die 26-jährige Autorin Helene Hegemann. Foto: (Extern)

 Auch ansonsten passieren andauernd schräge oder furchtbare Sachen. Dass ein Lehrer einen Molotowcocktail auf Schulhofnazis wirft, gehört noch zu den lustigeren Sachen. Aber die Zeiten ändern sich. Terroranschläge mehren sich, eine mysteriöse Selbstmordwelle geht über die Stadt und wird von den Kindern interessiert verfolgt. Komplizierte Vorfälle, die in Charlies Zusammenfassungen mit so lässigen Sätzen enden wie: „Und dann ist sie leider ertrunken.“ Teils findet das vor der eigenen Haustür statt, teils in Internetvideos, von denen es allerdings sehr viele gibt, „sodass wir sie nach dem fünften oder sechsten hinzunehmen begannen wie McDonald’s-Werbung oder Wespenstiche“.

Noch später scheint ein katastrophaler Regen einzusetzen, vor dem Charlie keine Angst hat, „weil endlich alle anderen Angst hatten“. In der Gegenwart von „Bungalow“ hat ein neuer, großer Krieg stattgefunden. Man gewöhnt sich: „Du siehst Blut, und du siehst dieses Blut trocknen. Europäer sind extrem flexibel.“ Es ist schon spannend, wie Hegemann die Handlung wenige Jahre in die Zukunft verlegt und uns selbst darauf kommen lässt (die Drohnen-Taxis helfen). Auf Dauer dient es nur dazu, Charlies Welt anregender zu machen. An sich ist alles gleich. Hilft aber nichts: „Jeder hat Probleme und die meisten Probleme fühlen sich subjektiv gleich an, weil ja alles relativ ist, egal ob man die Tochter an Boko Haram verloren hat oder alleine in der Villa in Malibu herumsitzt und der Ehemann keinen mehr hochkriegt.“ Ist das nicht anmaßend und zynisch? „Das klingt nach Anmaßung und Zynismus, entführte Kinder mit Einsamkeit und beißendem Stillstand in Vergleich zu setzen. Ist es aber nicht. Echt nicht.“

Auch das kommt einem bekannt vor: Dass die Geschichten einem alle immer schon bekannt vorkommen. Dass es meistens steil einsteigt und dann kommt nicht mehr viel nach, nur der nächste steile Einstieg. Dass alles wichtig ist, aber dann ist es gar nicht so wichtig, während die wirklich wichtigen Sachen im Augenwinkel vorüberfetzen. Dass Enden lose hängen bleiben (auch die krasse Sexszene vom Anfang). Dass es wortgewandt zugeht (twitter-affine Aphorismen zuhauf), aber in der Anlage auch unstimmig und planlos. Ohne dass man hoffen könnte, dass die Unstimmigkeit und Planlosigkeit geplant wären. Man kennt es aus dem Internet. Das ist das Wesen des Internets.

„Bungalow“ glaubt man in dieser Hinsicht am ehesten, wenn Charlie Nachrichten missversteht, falsch lokalisiert. Das sind starke Momente, weil die Erzählerin dann tatsächlich jung und dumm (unterinformiert) ist. Das ist authentisch oder eine gut inszenierte Authentizität. Im Übrigen liest man weiter, wie man auch nicht aufhören kann, im Internet herumzugucken. Es führt aber zu nichts. Am Ende ist „Bungalow“ bedenkenlos heftige Unterhaltung.

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