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„Bungalow“ Man nimmt es hin wie eine Burgerwerbung

Helene Hegemanns „Bungalow“ ist ein heftiger Unterhaltungsroman über das, was wir schon wissen und kennen.

Helene Hegemann
Die 26-jährige Autorin Helene Hegemann. Foto: (Extern)

Der neue, dritte Roman der inzwischen 26 Jahre alten „Axolotl Roadkill“-Autorin Helene Hegemann fährt auch gleich wieder auf. Eine krasse Sexszene eröffnet das Buch, hervorgerufen auch durch eine krasse Ozonwarnung. Offenbar langweilt man sich nun zu dritt zu Hause herum. Die Sexszene entwickelt sich wirklich krass, aber: „Es ging da nicht um die Abwandlung irgendeiner Routine, nur darum, dass Maria wegen uns den Fernseher ausmachen sollte.“ Maria wird den Fernseher ausmachen. Die Szene endet mit einer kurzen Reflexion darüber, was die Gut-im-Bett-schlecht-im-Bett-Frage mit Liebe zu tun hat.

„Bungalow“ tritt mit einer großen Ladung Authentizität an, und während sie sich über einen ergießt – mit Gewalt, mit Gefühlen, mit ungezogener Sprache –, fällt einem wieder ein, dass Authentizität in der Literatur ein noch größeres Konstrukt ist als in der Realität ohnehin schon. Helene Hegemann weiß das, auch ihre (nach eigenem Bekunden Notizbücher vollschreibende) Erzählerin weiß das. Während ohne Unterlass krasse Dinge passieren, die man schon einmal irgendwo gelesen oder vielleicht sogar selbst so oder ähnlich erlebt hat oder sich jedenfalls dermaßen gut vorstellen kann, dass man im Grunde nicht mehr davon lesen müsste, gibt es auch eine Ebene, auf der ebenso ohne Unterlass reflektiert, reinkommentiert, abgeklärt eingeordnet wird. „Die Tatsache, dass Ficken im Ein- und Ausführen eines Begattungsorgans in Körperöffnungen bestand“, heißt es zum Betrachten eines ebenfalls krassen Pornos natürlich im Internet, „hatte ich zwar intellektuell, aber noch nicht emotional verarbeiten können.“ Auch schreitet die Erzählerin nicht ein, als auf dem Spielplatz eigens dafür gekaufte Hamster ermordet werden. „Ich würde das als klassisches Zivilcourage-Dilemma bezeichnen, passiert mir leider bis heute.“ Auf den Mund gefallen ist die Erzählerin nicht.

Das ist ein Punkt, der früh auffällt in „Bungalow“: Wie eloquent Allgemeinplätze und Binsenweisheiten sich aneinanderreihen, vor Kritik geschützt dadurch, dass sie nicht leugnen, was sie sind. Trotzdem wird man im Laufe der Lektüre hungrig, was wiederum zur Handlung passt.

Charlie, zum Zeitpunkt der Sexszene vom Anfang 17 Jahre alt, erzählt im Folgenden, wie es dazu kam, dass sie bei Maria und Gregor einzog. „Bungalow“ operiert dabei salopp auf mehreren Zeitebenen, es gibt eine schemenhaft bleibende Gegenwart in einem fernen Ort, es gibt Rückblicke in die Jugend von Gregor und Maria, die auf Hörensagen beruhen müssen, ohne dass Hegemann Interesse daran zeigen würde, das auszuarbeiten (die Erzählerin wird einfach kurz allwissend).

Der Schwerpunkt liegt auf Charlies eigener trauriger Geschichte. Allein mit ihrer alkoholkranken Mutter lebt sie in einer Hochhaussiedlung, direkt mit Blick auf Einfamilienhäuser von Betuchten (Gregor und Maria). Es handelt sich um ein einstmals futuristisches Gesamtwohnprojekt, das deutlich an das Hansaviertel in Berlin erinnert (ohne dass ein Name genannt würde, auch das Wort Berlin fällt nicht). In einen der Bungalows wird bald das coole Paar ziehen.

Das Kind Charlie ist unterdessen damit befasst, ihren Mitschülern nicht wie ein „schwer durchschaubarer Assi“ vorzukommen, wobei sie nach Charlotte Rampling benannt ist und ihr sporadisch auftauchender Vater vor drohenden Unwettern an Ödön von Horváth erinnert. Zum Beispiel kauft sie Kekse im Discounter und bietet sie anderen Kindern als Selbstgebackenes ihrer Mutter an. Charlie ist viel mit Iskender zusammen, der helle ist und bisher wenig daraus machen kann (später hetzt er seinen Pitbull auf seine Freundin oder Fast-Ex-Freundin). Man hängt auf dem Spielplatz, staunt über die Mitschüler und Lehrer, lacht dumm rum (als inadäquaten Druckausgleich), und während Charlie außerdem auf jeder Seite einmal losheult, fühlt man sich in diesen ausführlichen Passagen ganz wie in einem aktuellen Jugendroman. Nur dass alles sehr schlimm ist. Privat geht es Richtung Charles Dickens. Charlies Mutter hat kein Geld mehr. Es ist nichts mehr zu essen da. Charlie rettet sich über die Zeit und stellt sich aus Resten von Bäckerei-Sitzbereich-Tellern kleine Lunchboxen zusammen.

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