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Bücher von und über Muslima In zwei Welten lebend

Das Schema ist oft ähnlich: Die Geschichten erzählen persönliche Erlebnisse, eigene oder die anderer Frauen. Bücher von und über Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis gibt es viele. Ein kleiner Überblick über deutsche Literatur muslimischer Frauen.

11.01.2011 15:35
Canan Topçu
Träumt deutsch: Autorin Nilgün Tasman. Foto: Gottfried Stoppel

Bücher von und über Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis gibt es mittlerweile zuhauf – Leidens- wie Erfolgsgeschichten. Dabei ähneln sie sich in der Aufmachung. Auf dem Cover ist meist die Autorin abgebildet, nicht selten enthält der Titel einen Hinweis auf die Herkunft sowie Begriffe wie „muslimisch“, „Moschee“ oder „zwischen den Welten“. „Ich träume deutsch ... und wache türkisch auf. Eine Kindheit in zwei Welten“, lautet etwa der Titel von Nilgün Tasmans Buch (Herder Verlag).

Auch das Schema der Darstellung ist oft ähnlich: Die Autorinnen schildern teils sehr persönliche Erlebnisse oder beschreiben soziale Verhältnisse. Als Referenz dienen Freundinnen und Bekannte, hier und da werden Statistiken und Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen eingeflochten. Da die Bücher vermeintlich das Ziel verfolgen, die ob der hitzig geführten Islamdebatte verunsicherten Leser aufzuklären, gerieren sich die meisten Autorinnen als Expertinnen in Sachen Islam, Herkunftsland und -gesellschaft.

Eine der ersten der aus der Türkei stammenden Autorinnen, die das Schicksal von zwangsverheirateten und unterdrückten Frauen in den Mittelpunkt rückte, war Saliha Scheinhardt. Anfang der achtziger Jahre erschien ihr Erzählband „Drei Zypressen“ (nur noch antiquarisch). Die literarische Qualität ihrer authentischen Geschichten geriet gänzlich in den Hintergrund, das Publikum interessierte sich mehr für den Inhalt, weil damals nur wenig bekannt war über Frauen aus muslimischen Ländern, die im Zuge der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik gekommen waren. Scheinhardt ist inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten.

Stimmen der Entrechteten

Einen Namen als Stimmen der entrechteten Muslima haben heutzutage vor allem Necla Kelek und Seyran Ates. In „Große Reise ins Feuer. Die Geschichte einer deutschen Türkin“ (Rowohlt Verlag) hat Ates über ihr eigenes Leben als Tochter anatolischer Einwanderer, über den familiären und gesellschaftlichen Druck sowie ihren Ausbruch aus diesen Zwängen geschrieben. Ihrer 2003 veröffentlichten Biografie folgten weitere Bücher – unter anderem im Herbst vergangenen Jahres die Streitschrift „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ (Ullstein Verlag). In einer Mischform aus persönlichen Erlebnissen, Auskünften von anderen Frauen und Auswertungen wissenschaftlicher Untersuchungen setzt sich die inzwischen 47-jährige Rechtsanwältin mit der Frage auseinander, warum es dieser Religion nicht gelinge, sich zu erneuern.

Eine Mischform ist auch Necla Keleks Buch „Die fremde Braut“ (Goldmann Verlag). Die türkischstämmige Autorin verknüpft Episoden aus ihrer eigenen Familiengeschichte mit Biografien von zwangsverheirateten Frauen, die sie in Deutschland interviewt hat. Damit gelang Kelek der Durchbruch als Islamkritikerin und Kämpferin für die Rechte der unterdrückten muslimischen Frau.

Unter Musliminnen ist Kelek umstritten. Zu ihren Kritikerinnen gehört die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor. Ihr Buch „Muslimisch–Weiblich– Deutsch! Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam“ (Verlag C.H. Beck) ist als Reaktion auf Keleks Thesen zu verstehen. Sie habe es satt gehabt, schreibt die Tochter syrischer Einwanderer, dass Islamkritiker wie Kelek nicht sehen wollen, dass es Frauen gibt, die gläubig sind und einen liberalen Islam leben. Als fromme Muslima habe sie es nicht länger hinnehmen wollen, dass „selbsternannte Islamexperten“ hierzulande ohne entsprechende theologische Kenntnisse „den Islam“ kritisieren.

Die neuen "Powerladys"

Selbstauskünfte und Leidensgeschichten wie Aylin Korkmaz’ „Ich schrie um mein Leben. Ehrenmord mitten in Deutschland“ (Fackelträger Verlag) oder Serap Cilelis „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ (Blanvalet) sind zwar noch nicht ganz passé, um die Gunst der Leser konkurrieren inzwischen aber auch ganz andere Bücher.

Der Fokus wird neuerdings auf die „Powerladys“ aus dem muslimischen Migrationsmilieu gerichtet. Eine von ihnen ist Ayse Auth: „Freiheit schmeckt wie Tränen und Champagner. Mein wunderbares Leben gegen den Strom“ (Integral Verlag) heißt das Buch, in dem die türkischstämmige Friseurin mit Geschäften in Frankfurt und München aus ihrem Leben plaudert.

Eingeleitet hat die leichte und fröhliche Erzählform Hatice Akyün. ?hre Bücher „Einmal Hans mit scharfer Soße“ und „Ali zum Dessert“ (beide Goldmann Verlag) handeln von ihrem und dem Leben ihrer aus Anatolien stammenden Eltern. In amüsanten Anekdoten macht sie deutlich, dass sie ihre Vorstellung vom Leben immer weniger mit den Erwartungen der Familie in Einklang bringen konnte. Kaputtgegangen ist Akyün daran nicht.

Auch Sineb al Masrars Buch „Muslim Girls. Wer wir sind...“ (Eichborn) kommt eher frech-fröhlich daher und will einen Einblick in das wirkliche Leben muslimischer Mädchen geben. Diesem Anspruch wird die 1981 in Hannover geborene Autorin allerdings nicht gerecht, weil sie den Lesern die Antwort auf die Frage, wer die Muslim Girls wirklich sind, schuldig bleibt.

Hin- und Hergerissensein

Weitaus mehr erfahren wir von Melda Akbas. „So wie ich will: Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“, heißt das Buch der gerade einmal 19 Jahre alten Deutsch-Türkin (Bertelsmann). Sie schreibt über das Hin- und Hergerissensein zwischen der Herkunftskultur, den vermeintlich religiös motivierten Verboten und Geboten und dem Wunsch nach einem Leben frei von Zwängen. Am Ende der Lektüre sind nicht alle Fragen beantwortet – wie etwa die, ob die vorgebrachten gesellschaftlichen Analysen und Weisheiten tatsächlich von dieser Gymnastin stammen.

Denn nicht immer sind es die Frauen selbst, die ihre Geschichten zu Papier bringen. Und nicht immer enthält das Buch einen entsprechenden Hinweis auf den Ghostwriter, wie es Nadia Qanis Buch „Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan“ vormacht (Krüger Verlag). Bei manch einer Autobiografie wäre es durchaus wünschenswert gewesen, wenn eine des Schreibens kundige Hand die Federführung übernommen hätte. Bücher wie Betül Lichts „In meiner Not rief ich die Eule“ (Bastei Lübbe) sind keine leichte Kost – nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen des Stils.

Romane sind eine eher seltene Form der Auseinandersetzung mit dem Thema. Als vor rund 20 Jahren Renan Demirkans „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“ erschien (Klartext Verlag), zog er große Aufmerksamkeit auf sich. Ähnlich unaufgeregt schreibt Dilek Güngör: „Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“ (Piper Verlag) ist das Debüt der Journalistin, die als Tochter von Arbeitsmigranten 1972 in Schwäbisch-Gmünd zur Welt kam. Ihr autobiografischer Roman handelt von einer jungen Deutsch-Türkin, die sich langsam an das ihr fremde Herkunftsland annähert.

Eine Journalistin ist auch die Autorin von „Mihriban pfeift auf Gott“ (Dumont Verlag): Hilal Sezgin, deren deutsch-türkische Eltern beide Islamwissenschaftler sind, schreibt sonst versierte Essays zum Thema Islam und zeigt sich hier als Schriftstellerin mit leichter Feder.

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