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Bücher über Vögel Von Vogelfreunden und pickenden Hennen

Es gibt viele Möglichkeiten, über Schoßhühner und andere Vögel zu schreiben: Bücher über Federvieh und freie Flieger - diese können zur Therapie taugen oder auf die Nerven gehen.

Huhn
Ob dieses gelassene Huhn weiß, dass es weicher ist als eine Katze? Foto: afp

Alle wollen Eier in diesen Tagen, am liebsten weiße, um sie zu färben, aber wer spricht über die Hühner? Isabella Rossellini. War zuerst das Huhn da oder das Ei, ist keine Frage für sie. Sie bekommt Küken per Post im Pappkarton und dokumentiert deren Entwicklung in dem Band „Meine Hühner und ich“. Die Schauspielerin, über viele Jahre das Gesicht einer teuren Kosmetikmarke, dann fies durch eine Jüngere ausgetauscht, lebt heute ohne Scheu vor Schmutz und Kälte der Natur zugewandt. Schafe und Bienen leben auf ihrem Hof. Erst die Hühner waren ihr ein Buch wert.

Und sie haben es offensichtlich verdient. Während der Mensch viele Tiere wegen ihrer Schönheit, Niedlich- oder Bedrohlichkeit viel Aufmerksamkeit schenkt, werden Hühner bloß in der Masse wahrgenommen. Rossellini lockt den Leser mit Vergleichen: „Ich streichle Hühner gern. Sie sind viel weicher als jede Katze, jeder Hund.“ Und sie zeigt sie als Individuen. Sie stolzieren mit nackten oder umfederten Beinen, langen Schwänzen oder buschigen Höschen auf Fotos und Zeichnungen durch das Buch. Oder sie fliegen, das können sie durchaus.

Rossellini informiert sich über die Vielfalt der Arten, fasst ihre Erkenntnisse in freundliche kurze Sätze und zeichnet dazu. „Stellen Sie sich vor, das, was man bei Hühnern in Großbetrieben macht, würde man auch bei Hunden machen. Zugunsten von ein oder zwei Rassen würden wir alle anderen verlieren.“ Ihr Buch weckt Sympathie fürs Federvieh.

Eine noch engere Beziehung zu einem Wesen mit Flügeln geht Familie Bloom in Australien ein. Die Söhne finden ein weibliches Elsterküken mit abgeknicktem Flügel, nehmen es mit nach Hause. Seines Gefieders wegen taufen sie es Penguin. Sie pflegen Penguin gesund, singen ihr vor und trainieren ihren verletzten Flügel. Der Fotograf Cameron Bloom schreibt: „Unsere drei Söhne hatten plötzlich eine Schwester – Miss Penguin Bloom.“ Er hält die Entwicklung fest. Diese Bilder überzeugen den Betrachter sofort, eine Familie zu sehen: Der Vogel passt sich den Menschen an, bewegt sich auf deren Köpfen, nimmt Anteil an der Küchenarbeit, umklammert ein Spielzeugäffchen, als wäre es ein Gefährte. Komisch sieht das aus, immer wieder überraschend, oft hinreißend! Und ehe tadellose Tierschützer schimpfen, ein Vogel gehöre nicht ins Haus, führt die Familie Penguin ins Freie.

Besonders an diesem Buch sind nicht nur die witzigen Momentaufnahmen in Text und Bild. Der Vogel tauchte bei den Blooms zu einem Zeitpunkt auf, da sie sich am Boden befanden. Bei einem Unfall im Urlaub hatte sich die Mutter, Sam, lebensbedrohlich verletzt. Als Penguin zu ihnen kam, war Sam zu Hause, mit starken Schmerzen, auf Pflege angewiesen, ihre Lebensfreude schmolz dahin. Dieses zweite hilfsbedürftige Wesen brachte alle auf andere, auf neue Gedanken. „Penguin Bloom“ sieht aus wie ein Tierbuch. Aber eigentlich handelt es von Menschen, von der erstaunlichen Fähigkeit, sich mit dem Leben in jeder Form zu arrangieren – und es dann doch zu genießen. Therapiehunde gibt es längst, diese australische Elster hat sich als Therapievogel bewährt.

Für solche Überlegungen haben Jürgen und Thomas Roth in ihrer „Kritik der Vögel“ nicht viel übrig. Von Kindheit an näherten sie sich den gefiederten Wesen. Heute umzingelt von Vogelfreunden aller Art, von vermeintlichen Auskennern und wirklichen Experten, griffen sie zur Tastatur, um das Wesen einiger Federtiere zu sezieren. Da menschelt nichts. Hühner kommen besonders schlecht weg: „Während die Hähne immerhin ein Drittel des Tages in sich gehen, wandern die Hennen unermüdlich umher und scharren und picken und kratzen das Erdreich auf, bis es blutet wie ein grindiges Gesicht.“ Sie reden sich damit raus, dass der Philosoph Theodor Lessing noch viel böser über sie schrieb. Den Tierforscher Alfred Brehm akzeptieren sie nicht als Vorbild, zumindest nicht in seiner Beschreibung des Spatzen: „Brehm dreht schier durch und nennt den enervierenden Strabanzer in gewisser Weise gar einen Weisen.“

Sie haben gründlich recherchiert; ihre Literaturhinweise füllen sechs Seiten. Und egal, wie drastisch ihre Hiebe gegen Kleiber, Turmfalke oder Meise ausfallen, sie lesen sich amüsant. Die Roths drechseln Argumentationen, denen man auch mit anderer Meinung gerne folgt. Der Zeichner F. W. Bernstein steuert eigene Ansichten bei. Eine österliche Abhandlung zu Eiern fehlt bei Roth & Roth, ist ihnen vielleicht zu profan. Aber sie teilen mit, gern Hühnerbrust zu essen.

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