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Buchtipps Widmann: Vom Nachttisch geräumt

Was folgt sind keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet.

Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit,  einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. In Zukunft möchte ich am 1. eines  jeden Monats  einen solchen Blick auf neue und alte Bücher, auch die eine oder andere CD oder DVD werfen.

Künstler werden, Künstler sein

Brigitte Gedons  „Franz von Lenbach“ , erstmals 1999 erschienen, liegt jetzt in einer überarbeiteten Ausgabe vor. Das Buch ist frei von kunstwissenschaftlichem Jargon. Es erzählt, wie aus dem Sohn eines aus Tirol nach Bayern eingewanderten Bauunternehmers in Schrobenhausen einer der erfolgreichsten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts wurde. Als seine Mutter gestorben war und der Vater zum dritten Male heiratete, hatte Franz Lenbach elf lebende Geschwister. Die erste Frau des Vater starb mit 36 Jahren, nachdem sie in elf Jahren zehn Kinder geboren. Nach dem letzten war sie zwei Jahre lang bettlägerig gewesen. Auch die zweite Frau, Franz von Lenbachs Mutter, starb mit 36. Sie hatte in zwölf Jahren acht Kinder auf die Welt gebracht. Zu den Kindern kam nicht nur die Arbeit im Haushalt, sondern auch die Leitung der Geschäfte der Firma. Der Vater war auf den Baustellen unterwegs. Das sind die Verhältnisse,  von denen Franz von Lenbach sich abstößt, um Künstler zu werden.

Man erfährt hier viel darüber, wie Böcklin, Lenbach, Makart, Hans von Marées, Piloty, Wilhelm Busch einander förderten und sich einander in die Wege stellten, über die Kunstszene also. Wie viel Jahre Lenbach sein Geld als Kopist verdienen musste. Und was für ein Sprung das schon war, nachdem er als junger Mann Bilder von Unfällen und Erhörungen malte, die die Bauern dann nach Altötting brachten. Wer heute an dem Rundbau entlang geht und sich wundert über die Schönheit mancher Bilder, hat vielleicht einen frühen, sehr frühen Lenbach vor Augen. Wir stehen heute vor Gerhard Richters Wolkenbildern und erkennen, dass es Bilder nach Fotos sind, ja sein müssen. Aber schon Lenbach malte nach Fotos. Eines seiner berühmtesten Gemälde, das Selbstbildnis mit Frau und Töchtern, bei dem man das Gefühl hat, selten ist der familiäre Wahn so genau erfasst worden, hat er nach einem Foto gemalt. Der Eindruck des Wahns mag sich auch daher herstellen, dass alle wie gebannt auf das Kameraobjektiv starren.

Brigitte Gedon: Franz von Lenbach – Die Suche nach dem Spiegel, DuMont Verlag, Köln 2011, 322 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Fotos, 29,95 Euro

 

Er ist ganz nett

Wir leben in Klischees. Wer C.G. Jung (1875-1961) hört, denkt Archetyp. Er denkt an einen Reaktionär, der alles in den Tiefen verankert, die Gesellschaft nicht sieht. Dagegen hilft lesen. Querbeet lesen. Auch das, das einem nicht in den Kram passt, das einem widerspricht. Man liest dann zum Beispiel in Jungs „Über Grundlagen der Analytischen Psychologie“, einer Reihe von fünf Vorlesungen, die der Schweizer Analytiker 1935 in der Londoner  Tavistock-Klinik hielt. Sie sind besonders lesenswert, weil sie auch die sich an die Vorlesungen  anschließenden Diskussionen protokollieren. Gleich in der ersten fragt der Theosoph Laurence J. Bendit,  wo denn die Grenze zwischen dem Einfall eines Verrückten und zum Beispiel künstlerischer Inspiration verlaufe. Jung stellt fest: „Es gibt keinen Unterschied.“ Er fährt fort: „Ich werde sagen, dass der Mann so lange nicht geisteskrank ist, als er sich mir gegenüber in einer Art erklären kann, dass ich einen Kontakt mit ihm habe.“ Das ist ganz wunderbar:  Ver-rückt ist der, der von mir abgerückt ist. Wer meine Verrücktheit teilt, ist normal. Dann wird Jung noch deutlicher: „‘Verrückt sein‘ ist eine soziale Vorstellung; wir benützen soziale Abgrenzungen, um geistig-seelische Störungen zu bezeichnen.“  Einen Maler zum Beispiel mag man für einen originellen Künstler halten, „aber“, jetzt kommt ein Beispiel tief aus dem Schweizer Herzen C.G. Jungs „ wenn sie ihn als Kassier bei einer Großbank einstellen, dann wird die Bank etwas erleben!“ All dies, so Jung sind „einfach soziale Beurteilungen.

Das Gleiche kann man in Irrenanstalten beobachten. Wenn diese zu Monsterinstituten anwachsen, so liegt der Grund dafür nicht in der absoluten Zunahme der Geisteskrankheiten, sondern darin, dass wir abnormale Menschen nicht mehr ertragen.“ Und dann ein Schluss, der garantiert Friedrich veranlasst hätte,  den verrückten C. G. Jung an seine Tafel zu bitten: „In meinem Heimatort – Kesswil am Bodensee hat heute 980 Einwohner – hatten wir Imbezille; aber man sagte nicht: ‚Er ist ein dummer Esel‘ oder etwas Ähnliches, sondern: ‚Er ist ganz nett.‘ Ebenso nannte man gewisse Idioten ‚crétins‘, was von dem Ausdruck herkommt: ‚Il est bon chrétin.‘ Man konnte nicht viel anderes von ihm sagen, aber auf alle Fälle waren sie ‚gute Christen‘.“

Carl Gustav Jung, Ausgewählte Schriften, hrsg. Von Verena Kast und Ingrid Riedel, Patmos Verlag, Ostfildern 2011, 316 Seiten, 24,90 Euro.

 

Mit den Jahren erzarten

1860 hielt der 75-jährige Jacob Grimm in der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin eine „Rede über das Alter“. Ohne die verheerenden Wirkungen der Zeit auf Körper und Geist zu leugnen, breitet er doch einen Schein der Güte und Milde darüber aus. Er zitiert Cicero, der die eigene Verbitterung, seine Bereitschaft, sich über alles und jeden zu ärgern, ihrerseits bitter notiert. Aber Grimm schließt sich ihr nicht an. Er sagt tröstend: Man kann auch weich werden im Alter. Milde. Mit den Jahren erzarten. Der Leser sieht das gleich danach, an der Art, wie Jacob Grimm im selben Jahr über seinen gerade erst gestorbenen Bruder Wilhelm spricht. Dazu ein Nachwort des heute – leider – kaum noch gelesenen Kunsthistorikers Hermann Grimm, seines Neffen. Ein schönes, kleines Buch für den milden Herbstnachmittag eines alten Mannes.

Jacob Grimm: Rede über das Alter, Rede auf Wilhelm Grimm, Steidl, Göttingen 2010, 111 Seiten, 14 Euro.

 

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Tote und Verstümmelte

Jahrestage sind Jubeltage. Das ist zum Beispiel etwas, das die Berliner Republik  von der Bonner unterscheidet.Wir jubeln lieber. Die Einmütigkeit, mit der der Friedrich II., König von Preußen in diesen Tagen vielerorts  als aufgeklärter Monarch, als Philosoph, als Freund der Künste und Flötenspieler gefeiert wurde, wirkt einigermaßen befremdlich. Schließlich hat Friedrich II. doch vor allem als Militär, ja als Militarist Deutschland und das Bild von Deutschland geprägt.  Der Durchhaltefilm von Veit Harlan – Der große König - aus dem Jahre 1942, in dem die mörderischen Scheußlichkeiten der Schlesischen Kriege deutlich gezeigt werden, ist da  aufklärerischer als so mancher der Beiträge, die in den vergangenen Wochen über Friedrich II veröffentlicht wurden. So unerträglich eine Militärgeschichte ist, die Tote und Verstümmelte zu Helden stilisiert, ebenso unerträglich sollte eine Kulturgeschichte sein, die die Beinhäuser unbeachtet lässt, über denen die Herrschaften sich aufspielen ließen.

Wer als Berliner das Friedrichjahr nutzen möchte, um bei Wochenendausflügen nach Spuren Friedrichs des Großen zu suchen, der wird nach „Friedrich 300“ greifen. Eine Landkarte von Brandenburg, Berlin und Potsdam, auf der die wichtigsten Orte eingetragen sind. Auch zum Beispiel  das Gelände, auf dem die sogenannte Schlacht von Kunersdorf stattfand. Auf der Rückseite knappe Erläuterungen. Auch zum Beispiel ein Hinweis auf eine freilich erst im Mai startende Ausstellung im Gut Zernikow. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis Friedrich des Großen zu seinem Leibkämmerer Michael Gabriel Fredersdorf.

Ein wenig Salz in den Zucker dieser Jubeltage geben – auf sehr unterschiedliche Arten – drei Bücher, auf die kurz hingewiesen sei. Da ist zunächst „Friedrich der Große und George Washington – Zwei Wege der Aufklärung“ von Jürgen Overhoff. Er stellt nicht nur die beiden Personen, sondern auch beide Staaten einander gegenüber. „Doch welche günstigen historischen Umstände hatten eigentlich dazu geführt, dass von allen Orten der Welt ausgerechnet Berlin und Philadelphia die Regierungssitze zweier Staaten wurden, die exakt zur selben Zeit, nämlich im Jahr 1701, völlig neuartige Verfassungen erhielten, dank derer sie auf zwei höchst unterschiedlichen politischen Wegen zu Musterstaaten des Zeitalters der Aufklärung wurden?“

Das scheint sehr von heute aus gedacht, eine gar zu durchsichtige Konstruktion. Eine späte Nachgeburt der Umerziehungspädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Nachhutgefecht der antiborussischen Geschichtsschreibung. Falsch. Ganz falsch. Overhoff zeigt, dass schon die Zeitgenossen die Entwicklung der USA und die Preußens als die zweier konkurrierender Staats- und Gesellschaftssysteme betrachteten. Man verglich schon im 18. Jahrhundert die beiden. Man war spätestens seit der Renaissance ja darin geübt, das Für und Wider unterschiedlicher Staatsformen abzuwägen. Nun konnte man beobachten, wie weit von einander entfernt  zwei Gemeinwesen umorganisiert wurden. Beide sollten effiziente, funktionierende Verwaltungen haben, beide sollten ihre Bürger schützen und Ordnung schaffen.

In Preußen wurde dabei der Monarch gestärkt. Jeder Rest von Selbstverwaltung wurde beseitigt. In den USA dagegen sollte die Ordnung aus der Selbstverwaltung der Bürger, bei weitgehender Schwächung der Spitze, hervorgehen. Preußen und die USA – das waren zwei konkurrierende Modelle für den Weg in die Moderne. Das waren zwei ganz unterschiedliche Arten von  Moderne. Welcher der vielversprechendere Weg, was die erfolgreichere Moderne sein würde – darüber wurde diskutiert. Darüber diskutierten auch Washington und Friedrich II. selbst. Beide waren Militärs, beide hatten gehörigen Respekt vor der militärischen Leistung des anderen. Beide aber verabscheuten auch das Bild, das der andere vom Verhältnis von Staat und Bürger hatte. Washington erklärte es für „schändlich“, wenn ein Einzelner sich „zum Tyrannen über Millionen“ erhebe. Friedrich dagegen vertrat die Auffassung, demokratische Republiken müssten im Chaos enden. Nur eine –freilich aufgeklärte – Alleinherrschaft verheiße den Menschen auf Dauer Ruhe und Ordnung, Frieden und Glück. Da nahm der Fürst den Mund wohl etwas zu voll. Inzwischen wissen wir, dass keines der beiden Systeme eine Garantie gegen Blutbäder bietet. Aber wir wissen auch, dass es gerade darum keinen Grund gibt, alle Macht einem Einzigen zu übereignen.

Hans-Jürgen Bömelburg,  Professor für osteuropäische Geschichte in Gießen, hat  „Friedrich II zwischen Deutschland und Polen“ vorgelegt. Eine wichtige Verschiebung des Fokus unserer Aufmerksamkeit. Muss man schon für Deutschland bestreiten, dass das Preußen Friedrichs des Großen ein Glücksfall war, so beginnt man den Umfang des europäischen Unglücks, den der Erfolg einer Armee, die sich einen Staat hielt, für die europäische Entwicklung spielte, beim Blick auf Polen zu begreifen. Um 1800 sprach mehr als ein Viertel der Bevölkerung Preußens  polnisch. „Die Territorien der preußischen Monarchie aus den Zeiten Friedrich II liegen heute zu ca. 70 % in Polen.“  Das Friedrich-Bild Polens spielt für unsere Auffassung vom Preußen-König keine Rolle. Bömelburg kann uns da aufhelfen. Wenn wir Europa ernst nehmen wollen, ist es höchste Zeit dafür. Der polnische Historiker Konopczynski schrieb 1947: „Die unstrittige Größe Friedrichs beruhte nicht darauf, dass er Maria Theresia besiegte; sie beruht auf der Zugrunderichtung Polens. Indem er diese historische Mission erfüllte, impfte er dem deutschen Volk eine noch größere, weltweite Sendung ein, nämlich die Unterdrückung und Vernichtung aller benachbarten Völker. Und schwerlich kann man einen Menschen nicht groß nennen, der einen solchen Eroberungswillen bis auf seine Enkel und Urenkel ausstrahlte, dass diese grenzenlos von Sieg zu Sieg eilten, bis sie sich bei El Alamein, Stalingrad und in der Normandie das Genick brachen, bis zur letzten Vernichtung in Berlin.“ So sah man mitten im Zweiten Weltkrieg nicht nur in Polen auf die deutsche Geschichte. Man übersah Napoleon und einige andere Entwicklungen. Bömelburg geht nicht in diese Falle, aber er weigert sich auch, die Polen-Politik Friedrichs – man muss Polen-Litauen wie eine Artischocke nach und nach zerlegen und verzehren, meinte der Philosophenkönig schon 1752 – schön zu reden. Er sieht deutsches und polnisches Friedrichbild als abhängige Variable. Je mehr in Deutschland der Vernichtungswille geleugnet wird, desto mehr rückt er in Polen ins Zentrum.

Verschwörungstheorie ist bei uns ein Schimpfwort. Das ist natürlich dumm. Denn Verschwörungen gibt es immer und überall. In jedem Büro, in jedem Staat, in jedem Ministerium, in jeder Familie.  Wer eine Verschwörung wittert, der wird in den meisten Fällen – denke ich – Recht haben. Es gibt freilich so viele davon, dass sie einander im Wege stehen. Die Weltgeschichte ist also keinesfalls das Ergebnis einer Verschwörung. Sie ist die Resultante vieler Verschwörungen. Johannes Bronisch ist einer solchen Verschwörung am Hofe des Kronprinzen Friedrich von Preußen nachgegangen. Der junge, von seinem Vater geschlagene, gedemütigte Thronfolger hatte Lehrer, die seine intellektuellen Fähigkeiten erkannten. Sie sahen die Chance, einen Liebhaber der Wahrheit  auf den preußischen Thron zu setzen, einen Menschenfreund, der dem Kult der langen Kerls, dem Militärregime seines Vaters ein Ende bereiten und an dessen Stelle  die Sonne der Aufklärung aufgehen lassen würde.

Minister von Manteuffel war der mächtigste Mann in dieser Verschwörung, die ein Kampf war um Seele und Verstand des zukünftigen Machthabers.  Zunächst schien alles gut für die Verschwörer. Der junge Mann stand auf der Seite der von von Manteuffel und seinen Mitverschwörern vertretenen Aufklärung. Friedrich verurteilte die von seinem Vater auf Druck der Pietisten angeordnete Vertreibung des Philosophen Christian Wolff aus Halle. Der hatte es gewagt zu behaupten, ein Staat könne auch ohne Religion gedeihen, das belegten, so Wolff,  die Erfahrungen der Chinesen. Dort regiere allein die menschliche Vernunft und doch blühe das Reich. Friedrich scheint diesen Gedanken freilich ernster genommen zu haben, als  Wolff. Er begann zu zweifeln. Zunächst vor allem an der Unsterblichkeit der Seele.  Das schien Manteuffel genau der falsche Weg. Ein absoluter Herrscher, der nicht daran glaubte, dass er nach dem Tode zur Rechenschaft gezogen werden könnte, der war wirklich absolut geworden,  hatte sich von allem gelöst und war jeder Verantwortung enthoben. Ohne die Drohung eines jüngsten Gerichtes, ohne seine Angst davor,  gab es keine seinen Egoismus korrigierende Instanz mehr. Er war Spielball seiner  Lüste und Gelüste, die nur noch sein eigener Verstand korrigieren konnte. Ein rein irdisches Spiel von Checks-and-Balances konnten sich die deutschen Aufklärer um Wolff nicht vorstellen. Friedrich folgte seinem Verstand, den er sich bald lieber von Voltaire als von Wolff befeuern ließ. Als der aber seinen Spott auch über Friedrichs Alleinherrscher-Attituden ausgoss  - „Der Fürst wirft seinen Philosophenmantel ab und ergreift den Degen, sobald er eine Provinz erblickt, die ihm gefällt“ –, machte Friedrich auch Schluss mit ihm.

Man zieht aus dieser Geschichte bis heute gerne den Schluss, ohne die Idee einer himmlischen könne es keine irdische Gerechtigkeit geben. Vielleicht ist das sogar richtig. Aber daraus den Schluss zu ziehen, es müsse eine himmlische Gerechtigkeit geben, schien und scheint  wohl nicht nur Friedrich gar zu gewagt. Es wäre ja immerhin möglich, dass es keine Gerechtigkeit gibt und dass Bärbel Bohley Recht hatte, als sie bemerkte, dass man statt der Gerechtigkeit den Rechtsstaat bekommen habe. Inzwischen sind wir den USA gefolgt und haben, ob wir nun an die Unsterblichkeit der Seele, an ein Jüngstes Gericht glauben oder nicht, uns hienieden erst einmal für das ständig zu reparierende Modell  Rechtsstaat entschieden. Aber die Versuchung statt seiner etwas Festes, ein für allemal  Funktionierendes, einen ewigen Wert an seine Stelle setzen zu können, lockt nicht nur, sie lebt auch in uns. Zu unserem Verderben.

Jürgen Overhoff: Friedrich der Große und George Washington – Zwei Wege der Aufklärung, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 365 Seiten, 25 Abbildungen, 22,95 Euro.

Hans-Jürgen Bömelburg:  Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen – Ereignis- und Erinnerungsgeschichte, Kröner Verlag, Stuttgart 2011, 402 Seiten, 16 Abbildungen, 22,90 Euro.

Johannes Bronisch: Der Kampf um Kronprinz Friedrich. Wolff gegen Voltaire, Landt Verlag, Berlin 2011, 136 Seiten, acht farbige Abbildungen, 19,90 Euro.

Veit Harlan: Der große König, DVD, Koch Media, 2009, 9,99 Euro.

Friedrich 300 – Übersichtskarte: Friedrich II. in Brandenburg – Wirkungsstätten und Erinnerungsorte, Edition Terra, Berlin 2011, 4,00 Euro.

 

Familienbande

Nancy Mitford (1904-1973) war eine berühmt-scharfzüngige Autorin von Gesellschaftsromanen. Zwei ihrer Schwestern waren Hitler-Groupies. Unity (1914 -1948) soll sich zwischen 1935 und 1939 mehr als eintausend  Mal  mit dem Führer getroffen haben. Nancy nannte ihre Schwester Diana (1910-2003) gegenüber dem Foreign Office „eine gefährliche  Nazi-Sympathisantin“. Die kam darauf hin drei Jahre in Haft. Zusammen mit Oswald Mosley, ihrem Mann, der der Chef der englischen Nazipartei war. Schwester Jessica (1917-1996) war 1939 in die USA emigriert und dort Mitglied der Kommunistischen Partei geworden. Die 1920 geborene Deborah Mitford ist die letzte überlebende der Mitford Sisters. Sie heiratete den späteren 11. Duke of  Cavendish. Das Familienschloss Chatsworth wurde immer wieder zum schönsten  Anwesen Englands gekürt.  Bruder Tom kam 1945 in Birma, beim Kampf gegen die Japaner ums Leben. Aber von der Familie, über die sich so viel sagen ließe, über die freilich auch schon mehrere Bücher geschrieben wurden,  soll nicht die Rede sein. Nur ein kleiner Hinweis auf einen Roman von Nancy Mitford „Landpartie mit drei Damen“. Der kam jetzt erstmals auf Deutsch heraus. Als er 1935 in England erschien, war die Familie nicht erfreut. „Landpartie mit drei Damen“ spielt in einem kleinen Ort in England. Die Tochter des Lords gründet dort eine Sektion der Nazipartei. Sie ist ein dummes Ding und, wäre sie nicht reich, kein Mensch nähme sie ernst. Der kleine Roman, eine Sommerschmonzette, lebt von der Schilderung des Milieus und von den witzigen Dialogen, bei denen es darum geht, was sich schickt und wie man am chicsten das Gegenteil davon macht. Das ist amüsant. Wahrscheinlich war genau das es, was Unity und Diana ihrer Schwester kaum verzeihen konnten. Sie machte sich lustig über ihre Liebe zum Führer. Das Fatale ist, dass wir heute dazu neigen, genau das der Autorin auch nicht verzeihen zu können. Es ist ein Führer ohne Auschwitz. Aber auch Hitler hat einmal klein angefangen. Auf der Bühne genügt ein winziger Fehltritt und schon ist man von der Tragödie in der Komödie gelandet.  Bei Adolf Hitler ist das Umgekehrte passiert. Aber im Leben. Das war dann der Tod.

Nancy Mitford: Landpartie mit drei Damen, aus dem Englischen von Matthias Fienbork, Nachwort von Charlotte Mosley, Graf Verlag,  München 2011, 256 Seiten, 16,99 Euro.

 

Verdrängungsmechanismus

Die große Gerhard Richter Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin ist noch bis Mitte Mai geöffnet. Es besteht noch viel Gelegenheit, sich die Bilder anzusehen und mehr als nur einen Blick in den Katalog zu werfen. Da stößt man auf eine anregende Erörterung über Richters Wolken. Mark Godfrey zitiert John Ruskin, der Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb: „Es ist vollkommen unmöglich, die Wolkenformen mit genauer Sorgfalt nach der Natur zu studieren, da sich das Motiv zwischen jedem ihm folgenden Bleistiftstrich verändert.“ Richter behilft sich dagegen, indem er nicht Wolken, sondern die Fotografien von Wolken malt. Das nehme ihnen, sagt Godfrey, ihren Status. Ich weiß nicht, welchen es ihnen nimmt. Es gibt ihnen aber auch einen. Es wird auf zwei Mal drei Metern einer der flüchtigsten Augenblicke festgehalten. Der Bruchteil einer Sekunde wird gemalt wie das Antlitz Gottes. Mehr geht nicht. Der Katalog wird eingeleitet von einem Gespräch, das Nicholas Serota, der Direktor der Londoner Tate, mit Richter führte. Es geht um sein Ölgemälde  „September“, 52 mal 72 Zentimeter. Richter erzählt, dass er das Bild zunächst gezeichnet hatte, ohne zu merken, was er da zeichnete. „Für mich waren das zwei  völlig gegenstandslose Zeichnungen“, erklärt er. Erst Benjamin Buchloh, der in Harvard lehrende deutsche Kunsthistoriker und Kurator,  machte ihm klar, was er da gezeichnet hatte. Richter erklärt: „Ich habe oft diesen Verdrängungsmechanismus, der so gut funktioniert, dass ich nicht weiß, was ich tue. Früher gab es manchmal Fotos von schrecklichen Ereignissen und Mördern oder Opfern, die ich völlig vergessen hatte, obwohl ich sie ja gemalt hatte.“ „September“ ist auch in der Ausstellung. Leider nicht die Zeichnungen dazu.

Wer die Ausstellung besucht, sollte sie nicht verlassen, ohne den Film von Corinna Belz mitgenommen zu haben. Gerhard Richter Painting heißt er. Man sieht einem sehr schweigsamen Maler bei seiner Arbeit zu. Zwei Assistenten bereiten die Farben vor. Sie werden auf der Bildgröße entsprechend lange Bretter verteilt und dann über die Leinwand gezogen. Erst die eine, dann die andere Farbe. Die Bilder entstehen schnell, oft paarweise. Richter scheint mehr Zeit überlegend vor ihnen zu verbringen als bei der Arbeit mit ihnen. Er braucht keinen Kittel mehr wie noch in den sechziger Jahren. Er steht im Atelier mit sauberer Hose und sauberem Pullover. Nur an den Händen hat er dicke Handschuhe. Manchmal missfällt ihm alles so sehr, dass er das Bild wieder unter einer dicken Schicht weißer Farbe begräbt. Wer den Film betrachtet, der begreift, dass Malerei Zerstörung ist. Das Bild, das wir sehen, hat alle, die darunter liegen, vernichtet.  Museen sind Siegestempel. Richter zeigt nicht nur diesen Prozess der Zerstörung. Er benennt ihn auch. Ganz so schweigsam, wie wir ihn uns denken, ist er denn doch nicht.

Man sollte  die Gelegenheit der Ausstellung nutzen und (in) Gerhard Richters „Text“  lesen. Das ist ein sechshundert Seiten dickes Buch mit Äußerungen Gerhard Richters zwischen 1961 und 2007. Die Sammlung beginnt mit einem Brief vom 6. April 1961. Er schrieb ihn aus der Bundesrepublik an Heinz Lohmar, seinen Lehrer in der Klasse Wandmalerei an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Lohmar sollte wissen, wohin er verschwunden war. Richter schrieb ihm: „Wenn ich sage, dass mir die künstlerischen Bestrebungen, das ganze kulturelle ‚Klima‘ des Westens mehr bieten können, meiner Art zu sein und zu arbeiten besser und stimmiger entsprechen als das des Ostens, so will ich damit die Hauptursache angedeutet haben.“ Und dann der wichtige Nachsatz: „Übrigens wurde mir diese Einsicht zur gänzlichen Gewissheit während meiner Reise nach Moskau und Leningrad.“ Wer die Ausstellung besucht hat, der wird auch den letzten Beitrag des Bandes mit Interesse lesen. Gerhard Richter erzählt darin Hans Ulrich Obrist, Chef der  Londoner Serpentine Gallery,  von der Entstehung der sechs großen Cage-Bilder, die Richter 2007 auf der Biennale in Venedig ausstellte: „Sie haben für mich insofern eine Besonderheit, weil ich sie immer noch nicht ganz verstehe. Sie waren gänzlich anders geplant, das heißt, ich wollte sie nach Fotos malen, die ich vor zwei Jahren vorbereitet hatte, Fotos von verschiedenen atomaren Strukturen…

Also schöne, ernste, etwas unheimliche Bilder, das versprachen diese sechs Fotos. Und als ich dann, Ende August, mit dem ersten Bild angefangen hatte, verlor ich plötzlich die Lust daran und begann das Gemalte zu zerstören, zu übermalen, ohne mir bewusst zu machen, was und wohin ich nun will, und so malte ich halt irgendwie weiter.“ Einmal wurde aus einem gegenstandslosen Bild beinahe ein Foto und dann aus einem Foto ein gegenstandloses Bild. So nahe liegt bei einander, was wir gerne weit von einander entfernt einsortieren.

Gerhard Richter: Panorama – Retrospektive, hrsg. Von Mark Godfrey und Nicholas Serota, Prestel Verlag, München 2012, 304 Seiten mit 335 Abbildungen, davon 305 in Farbe, 39,95 Euro.

Corinna Belz: Gerhard Richter Painting, DVD, 17,99 Euro

Gerhard Richter: Text 1961 bis 2007 – Schriften, Interviews, Briefe, hrsg. Von Dietmar Elger und Hans Ulrich Obrist, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008, 600 Seiten, s/w-Fotos, 48 Euro.

 

Der Anfang der Schrift

Auf siebentausend Jahre alten Tongefäßen und Figuren finden sich Ornamente, die man bei genauerer Betrachtung als Schriften oder doch als Vorformen von Schriften ansehen muss. Sie wurden und werden in großer Zahl in Südosteuropa gefunden. Die Bezeichnung „Donauschrift“ hat sich durchgesetzt. Harald Haarmann erläutert in einer kleinen Broschüre die Entstehung und Verbreitung dieser „Schriften“, und er zeigt, wie man sie zwar nicht entziffern, aber doch  einem Verständnis dieser „Texte“ näher kommen kann. Die Anfänge der Schrift werden durch die Forschungsarbeiten an der Donaukultur um Jahrtausende vorverlegt und geographisch von Mesopotamien und dem Nildelta weg in die Gegend zwischen Adria und Schwarzem Meer verschoben. Der Nachweis, dass es sich um Schriften oder doch wenigstens Zeichen und nicht um Ornamente handelt, ist leicht zu führen. Beim Ornament geht es um Symmetrie, um die Wiederholung des Gleichen. Bei der Schrift  mag auch immer wieder das Gleiche vorkommen. Es steht aber in immer neuen Kontexten. Haarmann führt diese Unterschiede vor. Eine Aufstellung aller bisher bekannten Zeichen rundet den Band ab.

Harald Haarmann, Einführung in die Donauschrift, Buske Verlag,  Hamburg 2010, 159 Seiten, weit über 200 Abbildungen, 24,90 Euro.

 

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Mit nachdrucken ist es nicht getan

Manches ist nicht zu begreifen. Paul Klees stotternde Reimereien, seine possierlichen Zeilen als Gedichte zu bezeichnen, würde mir niemals einfallen.

„gereimt

geleimt

große Pein

überflüssig zu sein“

So geht das über einhundert Seiten von 1901 bis 1933. Man bekäme dergleichen gerne erklärt, aber nicht angepriesen als „restlose Beherrschung der deutschen Muttersprache“. So Paul Klees Sohn Felix in seinem fast nichts als überschwänglichen Nachwort aus dem Jahre 1960. Die Nähe zu Produkten der Sammlung Prinzhorn ist nicht zu übersehen. Eine Analyse würde vielleicht die Differenz herausarbeiten, aber darüber einfach hinweg zu sehen, so zu tun, als habe man es mit einem modernen Hölderlin zu tun, ist gerade gegenüber denen, die froh sind, das Buch wieder in den Buchhandlungen zu sehen, ein editorisches Verbrechen.

Der zweiundzwanzigjährige Paul Klee schrieb 1901:

„Ich bin Gott.

So viel des Göttlichen

Ist in mir gehäuft,

dass ich nicht sterben kann.

Mein Haupt glüht zum Springen.

Eine der Welten,

die es birgt,

will geboren sein.

Nun aber muss ich leiden

vor dem Vollbringen.“

Paul Klee, Gedichte, Arche Verlag , Hamburg 2009, 144 Seiten, 16 Euro.

 

Ein sicheres Endlager gibt es nicht

Zwei nicht nur sehr belesene, sondern auch noch sehr kluge Männer, die sich über Gott und die Welt unterhalten. Jean-Claude Carrière, französischer Drehbuchautor im Gespräch mit Umberto Eco, Schriftsteller und Semiotiker. Zwei Bibliophile, die sich über Vergangenheit und Zukunft der Bücher unterhalten. Sie glauben nicht, dass das Zeitalter ihrer Lieblinge zu Ende geht. Aber ein wenig grausen sie sich doch, und so sprechen sie sich Mut zu, pfeifen beim Abstieg in die Keller der Zukunft. Es ist schön, wenn zwei fast achtzigjährige Freunde des aufgeklärten Verstandes deren Gründe aufreihen, dann aber bang jene des Herzens hinzufügen, von denen der Verstand nichts weiß. Sie wissen aus den langen Reihen der Irrtümer ihrer eigenen Leben, dass niemand die Zukunft kennt, dass Totgesagtes überleben und übermächtig Erscheinendes vom einen auf den anderen Tag verschwinden kann. Ein weises Buch also und auch ein rührendes. Auch weil Jean-Claude Carrière immer wieder zeigen möchte, dass er auch über die Dinge, in denen sich der Autor von Im Namen der Rose auskennt wie sonst kaum einer, diesen zu übertrumpfen vermag.

An manchen Stellen hat man das Gefühl, auf dem Schulhof zu stehen und zwei Primanern zuzuhören, die – natürlich superlässig - zeigen wollen, wie gut sie ihre Lektionen gelernt haben. In diesen Augenblicken menschelt es ganz wunderbar. Zum Niederknien klug freilich ist dieser Tipp Umberto Ecos in Sachen atomares Endlager: „Es handelt sich darum, diesen radioaktiven Müll so zu vergraben, dass er in der obersten Schicht sehr wenig konzentriert, also wenig radioaktiv ist, in der zweiten etwas mehr und so weiter.“ Das einzig Sichere ist das Unsichere.

Umberto Eco – Jean-Claude Carrière: Die große Zukunft des Buches, Gespräche mit Jean-Philippe de Tonnac, aus dem Französischen von Barbara Kleiner, Carl Hanser Verlag, München 2010, 285 Seiten, 19,90 Euro.

 

Garten, Träume, Liebe

Liebesgeschichten sind - so geht die  Legende - etwas für Teenager und zartfühlende Damenseelen.  Seit zwei Tagen weiß ich: Liebesgeschichten sind auch etwas für Übergewichtige unter Zahn- und Haarausfall schon nicht mehr leidende alte Männer. Jedenfalls ist mir Tilman Spreckelsens feine, zarte Sammlung direktemang ins Herzgeschossen. Allerbekanntestes und -schönstes ist dabei:  „Man liebt sich sanft und leise, doch keiner liebt zurück“ aus „Der Garten des Herrn Ming“ von James Krüss. Dazu Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“ oder Andersens „Die kleine Meerjungfrau“. Aber wer vorne anfängt, der liest die kaum drei Seiten lange wunderbar-schreckliche Erzählung „Der Mantel der Träume“ von einem der verkanntesten Erzähler des 20. Jahrhunderts, von Béla Balázs und er ist so in Zart-Bitter getaucht, wie er es das letzte Mal mit 16 war.

Wer wie ich Gisèle Prassinos noch nicht kennt, der wird hingerissen von "Richards Tag", der Schilderung einer Trauer, die keine sein möchte, sondern Erwartung. Mal schauen, was es von Gisèle Prassinos sonst noch gibt. Liebe macht, wir wissen das, neugierig. Aber diese Liebesgeschichten machen es auch.

Tilman Spreckelsen: Königskinder - Herzbrechende Liebesgeschichten, Galiani, Berlin 2010, 285 Seiten, 16,95 Euro

Eine riesengroße bunte Matroschka

Orhan Pamuk schreibt im Vorwort zu dem schönen Band: „Das Istanbul Ara Gülers ist mein Istanbul“. Es ist das Istanbul der 50er und 60er Jahre. Noch ist der Melonenhändler mit einem Pferdekarren unterwegs und in Eminönü stehen die Männer 1954 am Straßenrand wie in einem Film von Vittorio de Sica. Fischer sitzen im Winter mit Hemd, Pullover und Jackett in einem ungeheizten Raum und reparieren die Netze. Wer diese Jahre irgendwo am europäischen Mittelmeer verbrachte, der kennt diese Bilder. Es sind die Jahre vor dem Wirtschaftswunder. Da waren wir alle gleich. Überall ging man  in sorgfältig geflickten und geschickt gewendeten Anzügen. Sieht man genauer hin, entdeckt man freilich die verrotteten Häuser, in einem Land, in dem es keinen Krieg gegeben hatte, man sieht die Pflastersteine und die Erde zwischen ihnen. Es sind sehr schöne Aufnahmen. Sie sind schön, weil sie ruhig sind. Sie halten einen Augenblick fest. Aber es ist ein Augenblick, der schon eine Weile dauert und der auch noch dauern wird. Und wenn das Mädchen, das die rechte Hand so forsch in die Hüfte stemmt, fertig sein wird mit dem Eis in der Linken, dann können wir doch sicher sein, dass es bald wieder exakt so dastehen wird. Die Bilder fixieren nicht das Unwiederholbare, sondern sie beschwören das, was immer ist. 
Das gibt ihnen jetzt, da wir so genau wissen, dass vorbei ist, was damals so dauerhaft aussah, etwas Rührendes, Unschuldiges. Nostalgisch nennen wir das und meinen es negativ. Hier sieht man, wie falsch das sein kann. Natürlich sind es Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Dabei prangte niemals die Welt der Fotografie in satteren (Kodak)-Farben als damals. Gerade darum zogen die Freunde des Realismus schwarz-weiß vor. Das zeigt in aller Deutlichkeit, dass der Realismus ein künstlerischer Blick auf die Welt ist. Es ist jener Blick, der darauf achtet, dass die Welt so ausschaut, wie er sie anschaut. Orhan Pamuks Vorwort macht die überwältigende Kraft dieses Blickes deutlich und hilft uns dadurch, ihr ein wenig zu entkommen.

Elif Shafak schreibt im Vorwort zu Andreas Herzaus Bildband: „Istanbul ist eine riesengroße, bunte Matroschka“. Das ist Lichtjahre weit von Orhan Pamuks melancholischem Blick zurück entfernt. Herzaus Aufnahmen haben nicht die Kraft der von Ara Güler. Sie sind weniger ambitioniert, man könnte auch sagen, weniger ideologisch. Shafaks Liebeserklärung an die weibliche Metropole, an die Stadt-Frau Istanbul, illustrieren sie nur da und dort. Herzau ist ein Liebhaber des Schattens, also einer, der womöglich in Wahrheit lieber in schwarz-weiß fotografiert. Wer nach Istanbul geht, der sollte blättern bei Herzau. Ihm werden die Augen geöffnet für das Abendlicht und die Schwere, die die Farben darin bekommen. Er wird länger blättern müssen bei Güler. Es braucht Zeit, bis dessen Ruhe ihn erreicht, wenn er doch nur einmal sehen möchte, wie Istanbul ausgesehen hat vor vierzig, vor fünfzig Jahren. Man kann die Bücher auch nehmen und vor sich aufstellen im Regal, während man Pamuk oder Shafak liest oder aber Klaus Kreisers „Geschichte Istanbuls“. 127 Seiten von den Ureinwohnern, deren Spuren 6000 vor Christus beginnen, bis zur Istanbuler Buchmesse 2009. In drei Stunden die Geschichte einer Weltstadt.

Auf Seite 21 wird Konstantinopel gegründet. Auf Seite 47 erobert Mehmed II die Stadt. 1453. Auf Seite 103 wird Ankara zur Hauptstadt des türkischen Staates erklärt. 1923. Man begreift, dafür sorgt Kreiser angenehm unauffällig, dass Istanbul zu lange die Hauptstadt eines Weltreiches war, um hineinzupassen in die anatolische Enge der Türkei. Man ahnt auch, dass Istanbul osmanischer und zugleich moderner ist als der Rest des Landes. Man weiß nicht so recht, was das bedeutet und ob es wirklich so ist, dazu war man mit zu großer Geschwindigkeit an Kreisers Hand durch die Jahrhunderte gerast, aber man ahnt eine Lage, eine vertrackte Konstellation.
Wer jetzt wieder nach den Bildbänden greift, der misstraut dem nostalgischen Charme Gülers wie den verschatteten Momentaufnahmen Herzaus. Er träumt von den großen Romanen von Pamuk und Shafak, in denen das Durcheinander der Völker und der Glaubensbekenntnisse, die unauflösliche Verschlungenheit von Liebe und Zweifel eine so große Rolle spielen.
Ara Güler, Istanbul, Vorwort Orhan Pamuk, Köln 2010, DuMont, 184 Seiten,  mit zahlreichen s/w Abbildungen, 34,95 Euro
Andreas Herzau, Istanbul, Ostfildern 2010, Hatje Cantz, 143 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen, 29,80 Euro
Klaus Kreiser, Geschichte Istanbuls, München 2010, C.H.Beck, 127 Seiten, 8,95 Euro

 

Sackgasse des Unglücks

„Das Buch der Tagebücher“ beginnt am 1. Januar und endet nach 600 Seiten am 31. Dezember. Unter jedem Datum finden sich drei bis sechs Tagebucheinträge von Christoph Kolumbus bis zum Blogger Airen, von Adorno bis Zwetajewa. Ausgesucht aus den Tagebüchern von 176 Autoren. Das alles ergibt natürlich keinen Sinn. Aber es macht – gerade darum? - Spaß darin zu blättern. Das Interesse am Systematischen hat offensichtlich nachgelassen. Das Switchen vom einen zum nächsten Zitat ist wieder modern. Wer darin nur ein Zeichen unserer Ungeduld, unserer Lustlosigkeit sich auf etwas wirklich einzulassen, sieht, ein Zeichen der Modernität und der ihr zugehörigen Nervosität also, der sieht nur die eine Hälfte. Die andere ist das Konservative, das im Zitat liegt. Diese Vorstellung, dass etwas die vor uns liegende Situation erhellen kann, das längst gesagt wurde. Man muss sich nichts Neues einfallen lassen, sondern man kann in die Schublade der überlieferten Weisheiten greifen. Wir tun das lustvoll, und schon darum wäre es ein Blödsinn, es nicht zu tun. Man kann sich dem Buch der Tagebücher zum Beispiel so nähern, dass man den Geburtstag einer Freundin aufschlägt und schon haben all die Zitate einen Sinn oder signifikant keinen. Gerard Manley Hopkins Betrachtungen über einen Pfau zum Beispiel würden dieser Freundin sehr gefallen. Wenn ich ihr diese Hopkins-Stelle, in der sich Brutaliät und feinste Empfindlichkeit durchdringen, zum Geburtstag schenkte, ich würde enorm punkten.

Erich Mühsams Gonorrhoe und die mit ihr einhergehende gesteigerte Geilheit dagegen, würde ihr nicht gefallen. Und was steht an meinem eigenen Geburtstag? Die Brüder Goncourt erzählen von einem Besuch bei einem meiner Hausgötter, beim Historiker Jules Michelet: „Er redet über Rousseau, von dem er meint, dass er nur darum etwas vollbracht habe, weil er in einem bestimmten Augenblick nicht mehr aus noch ein wusste, ihm nichts als Verzweiflung blieb. Desgleichen Mirabeau… Und er beginnt aus diesem Verzweiflungsmoment im Schicksal großer Männer, aus dieser Sackgasse des Unglücks, in der sie plötzlich umschwenken und sich ihrem Los stellen, ein Gesetz zu machen. Er schließt mit den Worten: ‚Darüber gibt es einen hübschen Emigranten-Ausspruch: Man muss in Amerika auf einer Planke an Land gespült werden, der Mann, der mit einem Koffer ankommt, vollbringt dort nichts.’“ Jetzt bin ich auf den Geschmack gekommen und blättere nach den Geburtstagen längst vergessener Freundinnen, nach dem meines Sohnes, meines Enkels und endlich werfe ich diese Bezüge weg und blättere nur noch. Stoße auf Rahel Varnhagen, die findet, die Gesellschaft sollte matrilinear organisiert sein. Die Kinder sollten also den Namen der Mutter tragen, die Vermögen über die Mütter vererbt werden, denn schließlich seien sie es, die die Hauptlast trügen. Oder das Tagebuch von Richard Burton, aus dem eine Szene zitiert wird, die „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ zu zitieren scheint. Am 22. Dezember treffe ich zwischen Friedrich Hebbel, der notiert, dass ein Adventsbläser, während er „Nun danket alle Gott“ intoniert, einem Mädchen an den Hintern greift, und Anne Frank auf Joseph Goebbels: „Beim Führer zu Mittag… Wir reden vom Sozialismus. Er ist die Ausdrucksform des 20. Jahrhunderts, während der Nationalismus die des 19. Jahrhunderts war. Im Nationalsozialismus hat der Führer das 19. mit dem 20. Jahrhundert versöhnt.“ Beides umgebracht. Ich höre beim Lesen dieser Zeile Goebbels’ Stimme. Man kann diese Zeilen lesen als würde er sie im Sportpalast brüllen.

Es ist ein europäisches Hausbuch, dieses Buch der Tagebücher. Eines, das man nicht liest, sondern in dem man liest. In der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Wo immer man Zeit übrig hat, aber nicht genug Zeit, um sich auf etwas Größeres zu konzentrieren. Man liest es, wie man an einem Buffet sich dieses und jenes aussucht. Und man wird wieder zurückkehren und Neues finden bei der Suche nach dem einen oder anderen Zitat, das man noch einmal nachschlagen möchte. So wie ich jetzt gerne wüsste, was von Emerson mir so gut gefiel? Da hilft das Register. Es gibt 20 Emerson-Stellen. 30 Kafka-Stellen, 41 Mal Pepys. Er hält den Rekord, gefolgt von Andy Warhol mit 38 Zitaten. Sophie Scholl, Christa Wolf und Marina Zwetajewa werden nur einmal zitiert. Wie auch Baudelaire und Kolumbus. Und Ralph Waldo Emerson? Er notierte am 25. Mai 1862: „Als Edward und ich uns vergeblich anstrengten, unser großes Kalb in die Scheune zu ziehen, steckte die irische Magd dem Kalb ihre Finger in das Maul und führte es direkt hinein.“ Es gibt immer einen Weg.

Das Buch der Tagebücher, ausgewählt von Rainer Wieland, Piper, München 2010, 697 Seiten, 35,95 Euro

 

Reiseführer für Gottsucher

1000 Heilige Orte. Das hört sich nach viel an, aber es geht um Orte auf dem ganzen Globus, in allen Religionen, toten, erkrankten und lebendigen. Wer also näher hinschaut, dem fehlen doch viele ihm wichtige Plätze in dieser Aufstellung. Kein einziger Ort des Pietismus wird erwähnt. Mülheim an der Ruhr kommt nicht vor, Frankfurt am Main nicht, wo 1675 Spener seine Pia Desideria schrieb und nicht einmal Halle. Konstanz kommt nicht vor. Nichts erinnert an Jan Hus und nichts an die von Paris, „der ältesten Tochter der Kirche“, ausgerotteten Albigenser. Von den mehr als 1000 nachgewiesenen Mithräen im einstigen römischen Reich ist kein einziges aufgenommen in diesen Band. Das Buch ist vor allem eine Sammlung der Sieger für die Sieger. Hier sind die Heiligen Orte der religiones triumphantes versammelt. Sieht man von ein paar prähistorischen Höhlen ab, die aufgenommen wurden in das Walhalla des modernen spirituellen Synkretismus. Nimmt man das in Kauf, dann blättert man gerne in dem Band und nimmt sich vor, nächstes Pfingsten die Echternacher Springprozession zu besuchen. Gerade weil sie - trotz Pfingsten! - nach Adorno „nicht der Gang des Weltgeistes ist“. Und diese Erde zu verlassen – davon ist man jetzt überzeugt - ohne den Fuji gesehen zu haben, wird – falls es einen Himmel gibt – höllisch bestraft.

Christoph Engels: 1000 Heilige Orte – Die Lebensliste für eine spirituelle Weltreise, h.f. ullmann Verlag, Potsdam 2010,  960 Seiten, mehr als 500 farbige Abbildungen, 9,99 Euro.

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Musste vor dem Herrn ganz schamrot werden

Karl Corino ist der beste Musil-Guide. Das wissen wir seit Jahrzehnten. „Erinnerungen an Robert Musil“ sind fast 500 Seiten mit Äußerungen von Zeitgenossen über Robert Musil. Am Anfang stehen der Taufschein, Tagbuchnotizen der Großmutter, die festhält, dass dem schwächelnden Baby endlich Kuhmilch gegeben wird, „was ich schon so lange als zweckdienlich anrieth“, ein Brief der Mutter über die ersten Lektüren des Jungen: Marryats Seeromane. Am Ende der Nachruf Alfred Kerrs. Dazwischen viel Schönes und Kluges vom viel zu wenig gelesenen Soma Morgenstern, von Ludwig Marcuse, Heimito von Doderer, Elias Canetti und vielen anderen. Darunter Alfred Polgars Bericht über das Interview, das Robert Musil mit ihm führte: „Ich bin interviewt worden, zum ersten Mal im Leben und überraschenderweise. Der Mann, dem die seltsame Laune angekommen war, sich in mir ein bißchen umzusehen und mich als Führer durch sich zu benützen, ist eine höhere geistige Potenz, als ich es bin. Das erschwerte den Fall… Er stellte ganz präzise Fragen. Und bei mir ist doch eine Unordnung, ein Durcheinander, eine Sauwirtschaft! Musste vor dem Herrn ganz schamrot werden.“ Polgars Bericht über das Interview erschien übrigens schon vor dem Interview. Auch darüber informiert und auch damit amüsiert Karl Corino.

Erinnerungen an Robert Musil – Texte von Augenzeugen, herausgegeben von Karl Corino, Nimbus-Verlag, Wädenswil 2010, 507 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, 24 Euro.

 

Intime Innenräume

Der kleine Tod heißt das Buch. Auf seiner Rückseite steht: „Wenn Orgasmus der kleine Tod ist, ist dann Masturbation der kleine Selbstmord?“ Auf dem Klappentext heißt es: „Vor acht Jahren machte Santillo die ersten Aufnahmen für dieses Buch. Sie zeigen, wie unterschiedlich und kreativ Frauen sich selbst befriedigen und welche Schönheit sie im selbstvergessenen Augenblick des Orgasmus ausstrahlen.“ Wer die Fotos dieser sechzig Frauen betrachtet, wird seinen Verdacht bestätigt bekommen, dass es mit der Kreativität so weit nicht her ist. Es geht bei fast allen Aufnahmen um die Stimulierung der Klitoris. Mit Fingern, Dildos, Perlenschnüren oder anderen Gegenständen. Die Orte sind fast immer intime Innenräume.

Montana Skye, 41, Rechtsanwaltsgehilfin,  erklärt ihre Fotos: „Ich bin unheimlich gern draußen in der Natur, also dachte ich: ‚Es wäre toll, wenn wir das auf dem Balkon machen könnten’“ Der Reiz des Bandes besteht in diesen Kommentaren. Sie individualisieren die Onanie. Es entsteht der Eindruck, es ginge auch um die Person, und nicht nur um die Befriedigung der Voyeurslust des Betrachters. Freilich sind dem  strenge Grenzen gezogen. Die Fotos sind alle ins schönste, aber eben doch auch gleichmacherische Sepia getaucht. Das verkunstet sie. Die Frauen bekamen auch alle ein sorgfältiges Make-Up,  bevor sie sich bei der Masturbation fotografieren ließen. Dabei könnte man sich doch vorstellen, dass die eine oder andere lieber ungeschminkt masturbiert. So kommt dann bald der Gedanke auf, dass es auch mit der „Selbstvergessenheit“ nicht so ganz stimmt. Der Betrachter fragt sich eben doch: Haben sie es wirklich getan oder nur so als ob? Das ist eine lüstern-pennälerhafte Frage. Aber sie berührt doch den Kern der Fotografie, ja aller Kunst: Zeigt sie uns etwas oder führt sie uns etwas vor? Beides ist berechtigt, aber wir wollen doch wissen, mit welchem Genre wir es zu tun haben. Je größer der Aufwand – das ist unser Verdacht- desto mehr spricht für Inszenierung.

Will Santillo: La Petite Mort – Female Masturbation, Fantasies & Orgasm, Taschen, Köln 2011, französisch, englisch, deutsch, 208 Seiten, 29,99 Euro

 

Begegnung der Paradiese

Als die spanischen Konquistadoren auf der Suche nach Eldorado westwärts zogen, begegneten ihnen in Peru Eingeborene, die ihre Heimat verlassen hatten, um im Osten ihren Traum vom Paradies zu suchen. Die Guarani folgten einer Verheißung von einer Insel, die ostwärts im großen Ozean liegen sollte. Sie suchten, anders als die Spanier, nicht nach goldglänzenden Städten, die sie erobern wollten. Sie suchten das Heil, das „Land der Unsterblichkeit und der ewigen Ruhe.“ Sie hatten auch nicht vor, dort Beute zu machen und mit der triumphierend in die Heimat zurückzukehren. Sie waren ausgezogen, um die Welt zu verlassen.

Pravu Mazumdar, in Indien geborener, in München lebender Autor, erzählt diese Geschichte, weil sie ihm die Aussichtslosigkeit einer wirklichen Begegnung zweier Paradiessucher zu sein scheint. „Die einzige Form“, sagt er, „in der sich diese Paradiese begegnen können, ist der Krieg.“ Man kann das womöglich radikalisieren. Wenn Paradiese aufeinander stoßen, gibt es Krieg. Der Absolutheitsanspruch macht Kompromisse unmöglich. Die Eldoradosucher nannten sich „Eroberer“. Dahinter steckte wenn nicht eine erotische Globalisierung, so doch eine Erotisierung des Globus. Kolumbus erklärte in einem Brief an das spanische Königspaar, die Erde sei keine Kugel, sondern habe die Form einer weiblichen Brust und das Paradies sei an der Stelle der Brustwarze. Nichts davon in den Phantasien der Guarani-Indianer. Sie nannten sich in ihrer Sprache tapédja, „Völker der Pilger und Reisenden“. Das hinderte sie freilich nicht daran, die Völker niederzumetzeln, die sich ihnen in den Weg stellten. Ihre Spiritualität stand ihrer Wehrhaftigkeit so wenig im Weg wie dem Samurai. Was das alles mit den heutigen Migrationen zu tun hat? Das kann man nachlesen in:

Pravo Mazumdar: Das Niemandsland der Kulturen, Matthes & Seitz, Berlin 2010, 139 Seiten, 12,80 Euro

 

Urin und Sonnenuhren

Wer je mit seinem Lateinlehrer in Rom war, der weiß, dass der arme Mann kaum eine der alten Inschriften lesen konnte. Das eine oder das andere Wort war ihm verständlich, aber worum es ging, war ihm nicht weniger schleierhaft als uns. Ein kleines Reclam-Bändchen kann dem Manne und uns beispringen. Arno Hüttemann, Lateinlehrer auch er, hat alle heute in Pompeji anzutreffenden Inschriften gesammelt, entziffert, übersetzt und erläutert. Das sind fast einhundert Texte. Ich habe das Buch noch nicht als Vademecum benutzt, sondern nur auf dem Sofa liegend darin gelesen. Auch da ist es schon sehr nützlich. Kein Wunder, dass unser Lehrer nie klar kam. Oft fehlt nämlich das Verb. Da hilft Hüttemann. Die Inschriften vermerken, dass Herr X, seines Zeichens – und dann folgt manchmal eine lange Liste der oft in Abkürzungen bezeichneten Ämter, die der Herr durchlaufen hat – dieses Standbild errichtete, diesen Tempel erbaute usw.

Mit Freuden liest man die Erläuterungen. Dort erfährt man zum Beispiel, dass die Walker, die Stoffe „in alkalischen Reagenzien – zumeist Urin – mit den Füßen gestampft, mit Holzschlegeln geschlagen, gespült, getrocknet, entwirrt, geschoren und aufgeraut“ haben. Eine Inschrift vermerkt, dass diese Sportanlage ordentlich aus dem dafür vorgesehenen Fonds finanziert wurde. Eine andere betont, dass diese Sonnenuhr von xx auf eigene Kosten errichtet wurde. Man kann sich ein Bild machen vom Auf und Ab des Verhältnisses öffentlichen und privaten Reichtums im Pompeji der verschiedenen Jahrhunderte.

Pompejanische Inschriften Lateinisch/Deutsch, Reclam, Stuttgart 2010, 249 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 7 Euro

 

Männer machen Geschichte

Angeblich sind es Aufzeichnungen Erich Honeckers. Notiert zwischen dem 29. Juli 1992 und dem 7. Januar 1993, also über die Dauer seines Gefängnisaufenthaltes in Moabit. Was er aufschrieb, schrieb er auf für Margot Honecker, „meine Kleine“. Die hat auch ein kurzes Vorwort dazu geschrieben, dessen dritter Satz lautet: „Ich meinte, dass man Privates, etwas, das auch Empfindungen offenbart, besser im privaten Raum belassen sollte.“ Das ist ein schrecklicher Satz. Wer will schon leben in einer Welt ohne den Austausch von und über Empfindungen? Aber immerhin: Hier sind die Empfindungen Erich Honeckers. Er ist beleidigt. Nein. Er ist gekränkt. Wie kann man ihn, den man noch kurz zuvor zu Staatsbesuchen einlud, jetzt vor Gericht stellen? Man versteht das, aber man versteht nicht so recht, warum er nicht auch sieht, dass auch er sich geehrt fühlte, wenn Menschen ihn einluden, die doch Kriegsverbrecher in seinen Augen hätten sein müssen?

Das mag rührend sein. Andere Stellen sind beunruhigend. Man wird Honeckers Argument, die Mauer sei errichtet worden, um einen dritten Weltkrieg zu vermeiden, also um Schlimmeres zu verhüten, nicht mehr bei Seite schieben. Ohne die Mauer hätten bei jedem Fluchtversuch die Truppen von Ost und West einander gegenüber gestanden. Das heißt aber auch, dass mit Fluchtversuchen gerechnet werden musste, dass also die DDR ohne Mauer nicht zu halten war. Diesen Gedanken sucht man vergeblich in diesen Aufzeichnungen. Man findet darin freilich den sicherlich zutreffenden Hinweis darauf, dass die Existenz der DDR keine Frage der DDR war, sondern einzig und allein davon abhing, ob die Sowjetunion bereit war, Sowjetsoldaten für ihre Erhaltung sterben zu lassen. Das war sie. Hätte es eine DDR-Führung gegeben, die gesagt hätte, wir wollen keine Mauer mehr, sie wäre sehr schnell durch eine andere ersetzt worden. Das nimmt nichts von der persönlichen Schuld, aber doch viel von der politischen Verantwortung.

Der Basso continuo dieser Aufzeichnungen lautet: Gorbatschow hat die DDR an den Westen verkauft. Und Jelzin tat dasselbe mit der Sowjetunion. Der große Marxist-Leninist, der dem Berliner Kammergericht wohl nicht ganz zu Unrecht vorwirft, es versuche Fragen der Weltgeschichte als Strafrechtsfragen zu behandeln, hängt einer ganz ähnlichen Sichtweise an, wenn er sich nicht einmal die Frage stellt, ob Gorbatschow und Jelzin angesichts der Lage der Sowjetunion etwas anderes übrig blieb als die Kapitulation. Männer machen dann doch Geschichte. Nur sind es, wenn sie einem gerade nicht passt, immer die anderen.

„Angeblich“ war das erste Wort dieses Buchhinweises. Nun, so viel Vorsicht ist angebracht. Es gibt ein paar Fotografien einzelner Blätter der Handschrift. Es gibt jede Menge Anmerkungen. Oft sind sie länger als die Notizen Honeckers. Die Verfasser der Anmerkungen werden nicht genannt. Man kann auch nicht sagen, dass sie diese Texte herausgeben. Es gibt keinen Hinweis auf den derzeitigen Aufenthaltsort der Manuskripte. Keine einzige Anmerkung korrigiert Honeckers Bemerkungen. Es wird - noch aus den entlegensten Ecken – zusammengebracht, was Honeckers Ausführungen stützt. Genau das macht die Edition unglaubwürdig. Sodass, wenn man gegen Ende liest „Das ist das letzte Blatt in dem Konvolut der rund 400 Seiten“ alle Alarmglocken läuten. Der Band hat inklusive des wuchernden Anmerkungsapparates weniger als 200 sehr groß gedruckte Seiten. Wo ist der Rest der 400 Seiten? Fragt der sich betrogen fühlende Leser.

Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen – Für Margot, Edition Ost, Berlin 2012, 190 Seiten, s/w Abbildungen, 14,95 Euro.

 

Budenzauber und Belcanto

Sechsundvierzig Liebeserklärungen an die Musik. Alphabetisch sortiert. Von Johanna Adorján bis Hanns Zischler. Des Letzteren Artikel begeisterte mich so sehr, dass ich seine Buchempfehlung sofort in eine Bestellung verwandelte: Pierre Guyotat „Musiques“ mit 12 CDs! Elke Heidenreich hat außerdem noch Campino, Heiner Geissler, Axel Hacke, Udo Jürgens, Reinhard Mey, Isabella Rosselini und viele andere um Liebeserklärungen gebeten. Hans Werner Henzes erinnert uns daran, dass es ein Fehler ist, über dem Komponisten den Autor zu vergessen. Der Leser freut sich auch, weil er aus den wenigen Zeilen den Eindruck hat, dass es dem klugen, alten Mann wieder besser geht.

Peter Hamms Beitrag ist der umfangreichste: „Tagebuch einer Lebensgeschichte als Musikgeschichte“. Es dauert lange, ihn zu lesen. Weil er so anregend erzählt, dass man die 23 Seiten immer wieder bei Seite legt, um sich an die eigene musikalische Menschwerdung zu erinnern. Die erste Platte, die ich mir kaufte – ich war 11 oder 12 – war der River Kwai Marsch. Ich hatte das vergessen.

Ein Traum von Musik – 46 Liebeserklärungen, hrsg. von Elke Heidenreich, C. Bertelsmann, München 2010, 381 Seiten, 19,95 Euro, ab 9. Juli auch als Taschenbuch für 9,99 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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