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Buchtipps Vom Nachttisch geräumt

Was folgt sind keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet.

Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu.

Stinkefinger & Co.

„Unfeine Gesten aus aller Welt“ ist der Untertitel. Das könnte von meiner Großmutter sein. Jahrgang 1898. Oben drüber steht „F… Dich!“. Das ist klarer, aber durch die Pünktchen noch verklemmter. In welchem Jahrhundert leben wir? Im Büchlein s/w Fotos, die zum Beispiel eine Frau zeigen, die ihre Faust an die Stirn führt oder einen Mann, der mit dem Rücken seiner rechten Hand über seine rechte Wange streicht. Letzteres bedeutet in Frankreich: „Etwas langweilt“. Ersteres in Brasilien: „Du bist bescheuert“. Das ist fast alles von lyzeumshafter Harmlosigkeit. Und wo es das nicht ist, sorgt der biedere Text für die völlige Entschärfung der Geste. Zum Beispiel Zeige- und Mittelfinger umschließen die Nase heißt: „die vertrockneten Geschlechtsteile deiner Mutter“. Wow! Da fühlt man sich aber beleidigt in Argentinien und Chile.

Die von dieser Geste nur minimal abweichende, bei der nur die Nasenspitze zwischen Zeige- und Mittelfinger steckt, bedeutet in Zentral- und Südamerika, sowie im Nahen Osten: „Geschlechtsverkehr“. Im ganzen Buch habe ich leider nichts Besseres und der entschlossenen Vulgarität des Gegenstandes Entsprechenderes gefunden. Hinzu kommt, dass das „aus aller Welt“ auch nicht stimmt. Das Büchlein wurde zwar in China gedruckt, aber keine einzige Geste in dem Band zeigt uns, wie das größte Volk der Erde sich zum Beispiel „fick Dich“ sagt. Die Autorin des Buches lebt in Texas und der Fotograf in San Francisco. Der amerikanische Originalverlag macht im Internet nicht mit den Fotos des Buches, sondern mit den im Buch nicht erklärten Zeichnungen Werbung. Das sieht so aus: www.chroniclebooks.com/titles/life-style/travel/rude-hand-gestures-of-the-world.html.
Romana Lefevre, Daniel Castro: F… Dich! – Unfeine Gesten aus aller Welt, Moewig, Hamburg 2011, 128 Seiten, 59 s/w Fotos, 7,95 Euro


So werden Sätze geboren

Ilse Helbich war achtzig als 2003 ihr erstes Buch erschien: „Schwalbenschrift“. 2009 beschrieb sie in „Das Haus“ weniger einen Hausbau als das nach Hause kommen, als das endlich glückende zu Hause sein. In ihrem neuesten Buch hat der Hausbau wieder einen Auftritt und nun wird auch für die, die es bei der Lektüre ihres Romans noch nicht bemerkt hatten, deutlich: So real er in jenem Buch war, er war auch eine Metapher. Weniger für das Leben freilich als für das Schreiben. Der Text ist der Ort, den der Autor sich baut als sein Zuhause. Er baut ihn aus Materialien, die ihm vorliegen, die er schon lange bereitgestellt hat. Ilse Helbich beschreibt ihr Schreiben so: „Dann, von einer Stunde auf die andere, ist es Zeit. Sie hockt sich auf den Boden, die bekritzelten Schmierzettel und Notizblockseiten in der linken Hand.

Sie fängt an, ihre Zettel auszubreiten, die, auf denen nur wenige Wörter stehen, und die anderen, neuen, die eng vollgeschrieben sind mit langen Satzfolgen. Wie in der Patience, die sie als Kind gelernt und wieder vergessen hat, ordnet sie mit fliegenden Fingern diese Art Spielkarten. Nur selten muss sie ein Schriftfragment austauschen, noch seltener einen Zettel weglegen, dessen Platz sie noch nicht ahnt. Auch ihr erster Findling, die aus dem Zugfenster erblickte Baumreihe, landet schnell am richtigen Ort. Es ist ihr bei diesem Spiel, als hätte sie eine ungeahnte Gabe bekommen, als hätte sie etwa plötzlich die Fähigkeit zu fliegen. Dann sind keine Zettel mehr in ihrer Hand. Beglückt lässt sie die Arme sinken in der Gewissheit, dass sie gerade ein Wunder erlebt hat. Dass etwas plötzlich auf die Welt gekommen ist. Und sie hat nichts dazu getan, als durch ihr geduldiges Warten und Platzgeben dieser Geburt Vorschub zu leisten.“

Wer denkt da nicht an die Stunden, die er als Kind auf dem Teppich verbracht hat, dessen Muster in Straßen, in Häuser und Burgen verwandelnd. Stundenlang haben wir alle einmal so gespielt, und wo es kein Teppich war, waren es die Bretter des Fußbodens, die die Welt organisierten. Ilse Helbich ist im Alter zurück auf den Teppich und hat dort ihre Geschichten ausgelegt, bevor sie sie zu schreiben beginnt. Geschichten, die ihr nicht zufliegen, aber doch langsam Satz für Satz, Bild für Bild sich ihr entgegenstrecken. Patience heißt Geduld. Diese Geduld hatte sie, die schon als junges Mädchen hatte schreiben wollen, bis sie als Achtzigjährige endlich das Gefühl hatte: Jetzt ist etwas auf die Welt gekommen.

Seit dem hat sie nicht mehr aufgehört zu schreiben. Anfang März stellte sie in der Wiener Buchhandlung Leporello ihr neues Buch vor, dem ich die schöne Beschreibung von Helbichs Arbeitsweise entnommen habe. Es heißt „Grenzland Zwischenland“ und beschreibt in eine Folge von Tagebuchaufzeichnungen das Terrain, in dem die Uralten sich zwischen Macula-Deformation, Schwindelanfällen und schweren Stürzen bewegen. Sie beschreibt, wie sie sich zurückzieht von der Welt, schon weil sie immer weniger sieht und hört, wie aber die Welt ihr keine Sekunde weniger reich und weniger schön erscheint. Auch das immer wieder sich auflösende Bewusstsein, die Verbreiterung der Zone zwischen Schlafen und Wachen wird mehr und mehr zu einer Bereicherung.

Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland – Erkundungen, Droschl, Graz 2012, 127 Seiten, 18 Euro.

Reden als Kampfsport

In Harper’s New Monthly Magazine, New York, erschien im März 1898 die Schilderung einer historischen Sitzung des Wiener Parlaments. Am 28. Oktober 1897 ergreift um 20 Uhr 45 der Abgeordnete Dr. Lecher das Wort. Zwölf Stunden lang wird er es sich nicht nehmen lassen und fast ununterbrochen sprechen. Der Berichterstatter schreibt: „Allein zwölf Stunden ununterbrochen aufrecht auf einem Fleck zu stehen, ist schon eine Bravourleistung, die wahrscheinlich nur wenige Männer schaffen; dabei aber auch noch zusätzlich einige hunderttausend Wörter auszusprechen, wird die Fähigkeiten der meisten dieser Wenigen überschreiten. Um dem Ganzen aber die Krone aufzusetzen und die Wörter in Form einer dichten, zusammenhängenden Rede zu kleiden, würde auch noch den letzten Rest eliminieren, mit Ausnahme von Dr. Lecher.“

Der Berichterstatter hat Recht. Aber er hat in dieser Zusammenfassung noch verschwiegen, was sich um Herrn Lechers ruhige, klare, wie man sich vorstellen kann, detailversessene Rede herum ereignete. Es gab einen Tumult. Abgeordnete, die auf ihre Pulte eintrommelten, Zwischenrufe von ganzen Chören, ein ohrenbetäubender Lärm. Von 425 Abgeordneten. Nein, nein, das kann ich nicht sagen, denn der Berichterstatter sagt uns nicht, wie viele Abgeordnete in jener denkwürdigen Sitzung zugegen waren. Allerdings voll war es. Nicht nur im Parkett, sondern auch oben in der Galerie. Die Damen und Herren der feinen Gesellschaft saßen dort wie sie sonst im Burgtheater saßen und warfen einen Blick auf die unter ihnen stattfindende Redeschlacht. Der Berichterstatter protokollierte, dass der Redner nicht mehr als drei Gläser Wein, vier Tassen Kaffee und ein Glas Bier erhalten hatte.

Otto Lecher, Abgeordneter der Fortschrittspartei und Alpinist, 37 Jahre alt, redete nicht zwölf Stunden, um sich ins Guiness-Buch der Rekorde zu bringen. Er redete, um den Zeitplan der Regierung scheitern zu lassen. Es ging mal wieder um den „Ausgleich“, also um die Verteilung der Finanzlasten auf Ungarn und Österreich. Lecher gewann diesen Kampf. Der Berichterstatter preist ihn dafür. Die inhaltlichen Fragen interessieren ihn dabei freilich kaum. Er beobachtet jedoch mit Interesse, dass der Leiter der Versammlung, der in dem ohrenbetäubenden Lärm oft nicht verstehen konnte, was Lecher gerade vortrug und sich darum von Boten, die die sechs, sieben Meter vom Redner zu ihm liefen, sich erzählen ließ, ob Lecher sich inzwischen einem anderen Thema zugewandt hatte oder einfach nur noch Unsinn in den Krach hinein sprach.

Dann nämlich hätte er Lecher unterbrechen und ihm das Wort entziehen können. Aber Lecher blieb zwölf Stunden lang beim Thema. Eine Geschichte aus einem der pompösesten Parlamente der Welt, aufgeschrieben von Mark Twain. Wer des Englischen mächtig ist, findet sie auf der Website des Wiener Parlaments: www.parlament.gv.at/ZUSD/PDF/TwainMark-Stirring_times.pdf. Jetzt ist endlich auch eine klug kommentierte deutsche Übersetzung dieses Einblicks in die Geschichte des parlamentarischen Lebens erschienen. Er macht einem klar, dass der Antiparlamentarismus nicht nur ein Vorurteil gegen den Parlamentarismus sein muss, sondern auch das Ergebnis einer Erfahrung mit ihm sein kann.

Mark Twain: Turbulente Tage in Österreich, aus dem Amerikanischen übertragen und kommentiert von Rudolf Pikal, Metroverlag, Wien 2012, 96 Seiten mit s/w Abbildungen, 12 Euro.


Nachträglicher Liebeszauber

Manchmal merkt man erst später, dass man jemanden liebte. Manchmal dauert es lange, bis man so klug ist einzusehen, dass der andere klüger und schlauer war als man selbst, und manchmal ist man noch immer nicht so weit, das zu begreifen, aber man muss sich abarbeiten an ihm und sich beschäftigen mit ihm und kann gar nicht lassen von ihm. Aber es ist nicht mehr die wirkliche Person. Von der hatte man sich vor Jahren, Jahrzehnten schon getrennt, schmerzlos womöglich. Es ist die Erinnerung an sie, ihr Bild in der Geschichte, in der Weltgeschichte, aber vor allem doch auch in der ganz privaten, ja intimen Geschichte von ihr und mir.

Günther Anders und Hannah Arendt waren einmal ein Paar. Ordentlich verheiratet. Das war 1929. Die Ehe war sehr bald unglücklich. Die beiden arbeiteten zusammen über Rilkes Duineser Elegien. Aber nicht zwitschernd und turtelnd wie der Liebhaber des Kuschelkinos sich das gerne denkt, sondern hadernd und streitend. Hannah Arendt liebte daneben Martin Heidegger und Hans Jonas. Wen Günther Anders gleichzeitig charmierte, wissen wir nicht. Im Verlag C.H.Beck sind jetzt Aufzeichnungen Günther Anders‘ unter dem Titel „Die Kirschenschlacht“ erschienen, die Dialoge mit Hannah Arendt vorgeben festzuhalten. Sie sollen 1929 entstanden und nach Hannah Arendts Tod, Weihnachten 1975 überarbeitet worden sein. So wie wir sie jetzt lesen können, stammen sie aus dem Jahre 1984. „Mehr Dichtung als Wahrheit“, schreibt Günther Anders selbst. „Da ich, wie in all meinen philosophischen Dialogen – I can’t help that – recht behalte, ist der Text zugestandenermaßen unfair“, erklärt Günther Anders.

Wir haben es also mit einer Phantasie zu tun, einer Männerphantasie, in der – wie es den Regeln dieses Genres entspricht – der Mann die Oberhand behält über die mit ihm diskutierende Frau. Es sagt etwas aus über die Rolle des Bewusstseins für die Veränderung des Verhaltens, dass so klar das Anders war, er nicht einmal aus literarisch-ästhetischen Gründen bereit war, der Langeweile dieser Gattung durch überraschende eigene Niederlagen zu begegnen. Die Texte haben etwas Verbissen-Humorfreies. Sie sind unsouverän, und sie sind es umso mehr, je stärker der Autor seine Souveränität herausstreicht. Dabei begann alles so hinreißend komisch: „Gewonnen habe ich Hannah Arendt auf dem Ball mit der im Tanzen gemachten Bemerkung, dass Lieben derjenige Akt sei, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle.“ So etwas flüsterte also ein junger Herr, der sich fein gemacht hatte, einer jungen Dame, die sich ebenfalls in Schale geschmissen hatte, im Berlin der zwanziger Jahre ins Ohr, während die Kapelle einen uns nur noch aus den Kreuzworträtseln geläufigen Shimmy aufspielte. Voraussetzung: Beide hatten bei Heidegger Philosophie studiert und wussten, ja konnten genüsslich abschmecken, was für eine Zauberei die Liebe vollbrachte, wenn sie ein Aposteriori in ein Apriori verwandelte.

Der Dialog endet mit einer Überlegung über die verwunderliche Tatsache, dass die, die am meisten unter den Gegebenheiten zu leiden haben, am schnellsten zu deren Verteidigung bereit stehen. „Auf niemanden können sich die Gewissenlosen so fest verlassen, wie auf diejenigen, die sie auf dem Gewissen haben.“ Anders gesagt, anders gefragt: „Bist du je in deiner Studienzeit einem einbeinigen oder blindgeschossenen Kommilitonen begegnet, der nicht rechts gestanden hätte? Und der nicht als Opfer des ‚Dolchstoßes von hinten‘ aufgetreten wäre? Diese Ärmsten waren doppelt betrogen: nicht nur um die Glieder, die sie verloren hatten; sondern auch um die Chance, jemals zu erkennen und dann zu wissen, wodurch und durch wen sie diese eingebüßt hatten.“ „Das ist mir neu. Denn diese Leute habe ich nicht gekannt.“ „Was meinst du damit?“ „Dass diese so prononciert jüdisch aussehende Mädchen, selbst die hübschen, im besten Falle als inexistent behandelt haben. Sogar in der Mensa. In deren Augen gehörten wir von Natur aus zu den ‚Dolchstößern‘. Nein, die haben wir nicht gekannt.“

Günther Anders: Die Kirschenschlacht – Dialoge mit Hannah Arendt, herausgegeben von Gerhard Oberschlick, mit einem Essay von Christian Dries, Verlag C.H. Beck, München 2011, 143 Seiten, 9 Abbildungen, 16,00 Euro


Es war okay, dass es wehtun muss

Siebzig Jahre alt wurde Charles Schumann im vergangenen Jahr. Dreißig Jahre alt wurde in diesem Jahr am 28. Januar seine Münchner Bar. Schumann’s heißt sie, und alle gehen hin. Aber natürlich nicht so wie alle zu Rossmann gehen und zu Saturn, sondern so wie man halt ins Schumann’s geht. Nach der Arbeit. Um abzuhängen. Um mit ein paar Freunden zu reden. Und um denen zuzuschauen, die dort abhängen und mit ein paar Freunden reden. Jetzt ist ein prächtiger Bildband erschienen, der feiert den Siebzigjährigen, und ein paar seiner Gäste bringen ihm Ständchen dar. Die Schauspielerin Rita Russek, die wir Rossmann-Besucher vor allem als die Kommissarin Anna Springer in der Krimiserie Wilsberg kennen, erzählt wie Schumann in Ingmar Bergmans Film „ Aus dem Leben der Marionetten“ einen Barkeeper spielte. Der Dramatiker Albert Ostermeier, Torwart der deutschen Autorennationalmannschaft, preist den Barkeeper als Goalkeeper: „Für mich ist Charles der beste Torwart der Welt“. Wolf Wondratschek berichtet, nein schwärmt, nein nostalgiert aufs Schönste von seinen Boxkämpfen mit Charles Schumann: „Ein Schlag gegen den Kopf kann einen Boxer wachrütteln, aber Schläge auf die Arme können ihn um den Verstand bringen und irgendwann so wütend machen, dass er Fehler macht. Außerdem zweifelte ich an seiner Fähigkeit, bei einem Schlagabtausch ruhig zu bleiben und sein Temperament zu kontrollieren.

Ich kannte meinen Freund. Manchmal, wenn ich an seinen Armen vorbei einen Schlag – und vielleicht noch einen – landen konnte, explodierten in seinem Kopf ein paar Reflexe, was ihn unberechenbar und noch gefährlicher machte. Ich musste also aufpassen. Aber es war okay. Es war okay, dass es wehtun muss. Es war die Voraussetzung, Freunde zu bleiben.“ Hans Magnus Enzensberger hat ein Gedicht und ein Rezept beigesteuert, Michael Krüger erinnert an die Zeit vor fünfzig Jahre als Charles Schumann bei Kurt Sontheimer Politikwissenschaften studierte und sie problemlos an einem Nachmittag die Weltgeschichte mit Rousseau, Hegel und Marx durchpflügen konnten. Georg Diez erzählt von Schumanns Handgelenken, Claudius Seidl vom Modell, das Schumann auch war für Boss & Co. Das schon sehr prächtig geratene Ganze ist – natürlich ist man versucht zu sagen – bei Schirmer/Mosel erschienen. So muss es sein. Eine Erinnerung an damals, als Bonn noch die Hauptstadt war und München mal wieder leuchtete.
Charles Schumann Hommage an einen Chef – Ein literarisches Gästebuch, zusammengestellt von Anna Wichmann, Schirmer/Mosel, München 2011, 176 Seiten mit 91 teils farbigen Abbildungen, 36 Euro.



Der Markt der Mitgefühlprediger

Es gibt Sätze, da möchte man aufhören weiter zu lesen. Zum Beispiel dieser: „Zudem ist es absolut zu unterlassen, anderen im öffentlichen wie im privaten Leben Leid zuzufügen.“ Wie gut, dass ich eine Glatze habe! So kann ich solchen Haare sträubenden Unsinn leichter ertragen. Wir fügen einander ständig Leid zu. Mit dem, das wir tun, mit dem, das wir unterlassen. Und wir müssen es tun. Die Frau, die den Mann verlässt, der Mann, der die Frau verlässt – sie fügen einander Leid zu, aber schlimmer wäre es, sie verließen einander nicht. Wir tarieren ständig aus, wir wägen ab. Moral ist die Kunst der Abwägung. Sie ist gerade nicht die Durchsetzung absoluter Werte. Wer das Wort „absolut“ verwendet, der begründet nicht eine Moral der Anteilnahme. Er bekämpft sie. Anteilnahme ist eben der Prozess, in dem man das Übel, das man zur Rettung der eigenen Freiheit, Würde usw. begehen muss, abwägt gegen die Auswirkungen, die es auf andere und damit auch wieder auf einen selbst hat. Ich habe tatsächlich an dieser Stelle – es ist die Seite 13 – aufgehört, Karen Armstrongs Buch „Die Botschaft“ zu lesen.

Die Botschaft lautet: Um eine bessere Welt zu haben, die wir brauchen, um überhaupt eine zu haben, müssen wir lernen, was Mitgefühl ist. Die 1944 geborene Karen Armstrong war Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft. Heute ist sie eine der populärsten Religionswissenschaftlerinnen der Welt. In „Die Botschaft“ trägt sie ihre „Charta der Anteilnahme“ vor und erläutert, wie man in zwölf Schritten bis zu „Liebe Deine Feinde“ gelangt. Dass es ihr gelingt, bei aller Anteilnahme keinen noch so kleinen Hinweis auf Hans Küngs „Stiftung Weltethos“ in ihrem Buch unterzubringen, zeigt, wie stark die Konkurrenz auf dem Markt der Mitgefühlprediger ist. Aber dann blättere ich in dem Buch und finde zum Beispiel Konfuzius (551-479 v.u.Z.). Er soll der erste gewesen sein, der die Goldene Regel aufstellte: „Was du selbst nicht wünschest, tu nicht an andern“. Wahrscheinlich ist diese Regel älter als die Menschheit, aber sie ist uns zuerst von Konfuzius überliefert. Interessant daran ist, dass die Grundregel aller Ethik formuliert wurde von jemandem, dem wenig an den Göttern viel mehr aber am Zusammenleben der Menschen gelegen war.
Karen Armstrong: Die Botschaft – Der Weg zu Frieden, Gerechtigkeit und Mitgefühl, aus dem Englischen von Christa Broermann und Stephan Gebauer, Pattloch, München 2012, 240 Seiten, 18 Euro.



Ich bin eine von denen

Das ist die Geschichte einer Ermordung. Einer von Millionen. Es ist die Geschichte der Lehrerin Bian Zhongyun. Sie wurde am 5. August 1966 von ihren Schülerinnen umgebracht. Es war die erste Mordtat der Roten Garden der Kulturrevolution in Peking. Hu Jie hat sie 2006 in einem Dokumentarfilm in unsere Erinnerung gerückt. Die Herausgeber des Films Wolfgang und Susanne Schwiedrzik haben ihn mit einem von ihnen produzierten Feature, das sie für den Deutschlandfunk produzierten, ergänzt. DVD und CD liegt ein kleines Booklet bei, das auch den Text einer Augenzeugin bringt, einer, wie sie selbst sagt, „von einer bestimmten Warte aus gesehen Teilnehmerin an diesem Verbrechen.“ Es ist die detaillierte Beschreibung der öffentlichen Demütigung der Direktorin, der Schläge mit schweren Ledergürteln und Knüppeln folgte. Bian Zhongyun wurde zu Tode geprügelt.

Die Augenzeugin Fu Sheng berichtet von der Genugtuung der jungen Mörderinnen über die erfolgreiche Beseitigung der Konterrevolutionärin. Die Schule, an der das geschah, war nicht irgendein Mädchengymnasium. „Unter den Schülerinnen, die im Herbst 1965, also kurz vor Beginn der Kulturrevolution, in die erste Klasse aufgenommen wurden, bildeten die Töchter von hohen Kadern ungefähr 50 Prozent.“ Die beiden Töchter Mao Zedongs waren auch – allerdings vor der Kulturrevolution – auf diese Schule gegangen. Bian Zhongyun hatte einmal mit der Gattin Mao Zedongs – Jiang Qing - zu tun. Die erzählte der Direktorin, die Tochter wolle Naturwissenschaften studieren, Mao sei dagegen. Also solle die Schule ihre Hochschulreife nicht in den Naturwissenschaften, sondern in den Geisteswissenschaften prüfen und attestieren. Am 5. August 1966 waren die Töchter Li Shaoqi’s und Deng Xiaoping’s Schülerinnen des Mädchengymnasiums von Bian Zhongyun. Keine dieser Personen hat sich bisher zu den Ereignissen geäußert. Wo immer die Augenzeugin Fu Sheng eine Täterin, eine andere Augenzeugin erwähnt, stehen zwei Sternchen statt eines Namens.

Die Partei distanziert sich seit Jahren von der Kulturrevolution, was gänzlich fehlt ist eine Auseinandersetzung mit dem, was sie damals tat. Keiner der heutigen Kader erzählt, was er oder seine Eltern – in vier Jahren ist der Beginn der Kulturrevolution ein halbes Jahrhundert her – damals taten oder erlitten. Bei sehr, sehr vielen – das erschwert wohl die Aufarbeitung – müsste wohl statt des „oder“ ein „und“ stehen. Fu Sheng beendet ihren Bericht mit der Überlegung: „Irgendjemand hat einmal gesagt: „Ein autoritäres Regime ist nicht zu fürchten, zu fürchten sind die Massen unter einem solchen Regime. Sie richten sich nach dem Wind und zerstören alles. Ich bin eine von denen.“

Wang Jiangyao, war als Hu Jie seinen Film drehte, 85 Jahre alt. Er war der Ehemann der Direktorin des Mädchengymnasiums, der zu Tode geprügelten Bian Zhongyun. Er lebte 2006 in einer der Wohnungen der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Er hatte dort als Wissenschaftler am Institut für neuere Geschichte gearbeitet. Wang Jiangyao fotografierte den Leichnam seiner Frau. Er fotografierte auch, wie die Roten Garden den Wohnblock und seine Wohnung mit Parolen beschmiert hatten.

Er hielt, was er konnte fest. Er sammelte die Flugblätter, die Aufforderungen zur Gewalt. „Für ein zu gründendes Museum der Kulturrevolution“, erklärte er dem Filmemacher. Aber daran ist nicht zu denken. Museen sind in China – darin unterscheidet das Land der Mitte sich nicht vom Rest der Welt – vor allem dazu da, das Selbstbewusstsein der Gemeinschaft zu stärken. Ein Museum der Kulturrevolution aber würde die Vorstellung von einem Land, in dem es unter der Führung der Kommunistischen Partei, zwar durch Katastrophen hindurch, aber doch im Prinzip immer auf-und vorwärts gegangen sei, erheblich erschüttern. Und es wäre ja nur der Anfang des Eingeständnisses, dass die Volksrepublik insgesamt für Chinas ökonomische, soziale, politische und kulturelle Entwicklung vor allem ein gewaltiger Rückschlag war und weiter ein Hemmnis bleibt. Wang Jiangyao zieht aus einem der Regale in seiner Wohnung einen in eine Plastikfolie gepackten Koffer hervor.

Er schließt ihn auf, öffnet ihn und breitet den Inhalt auf seinem Bett aus. Es sind die Kleider seiner Frau. Die, die sie trug, als sie erschlagen wurde. Ihr Blut klebt noch daran und ihr Kot. „Die Knöpfe sind noch geschlossen. Man hat ihr im Krankenhaus die Kleider aufgeschnitten.“ Er zeigt es der Kamera. Er will ihr alles zeigen. Er ist 85. Er weiß, das Museum wird es – solange er lebt - nicht geben. Also macht er diesen Film dazu.
…nicht der Rede wert? – Die Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution – Berichte und ein Film von Hu Jie, Edition Mnemosyne, CD und DVD, 22 Euro


Aber es gibt die Gewissheit…

Es ist Ostern. Von den Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers ist gerade der Band 10 erschienen. „Auferstehung und ewiges Leben“ heißt er. Er sammelt Texte aus den Jahren 1957 bis 2006. Es findet sich also darin sowohl der Artikel „Auferstehung des Fleisches“, den der 30-jährige Dozent für Herders Lexikon für Theologie und Kirche schrieb als auch das Vorwort Papst Benedikts XVI, zur Neuausgabe von Joseph Ratzingers „Eschatologie – Tod und ewiges Leben“, dessen Erstauflage 1977 erschienen war. Das Buch ist interessant, weil es historisch und sachlich zugleich sein möchte. Da ist einerseits das Referat der Anschauungen von den letzten Dingen in Bibel und Tradition. Andererseits aber die Positionierung seines Glaubens in diesen Auseinandersetzungen. Schon dass er die Tradition mit hineinnimmt, dass er kein zurück zu den Anfängen der christlichen Überlieferung, zu den Reden Jesu Christi, lehrt, ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Position. Das andere ist, dass er seine Position gar nicht als seine, sondern nur als seine Darstellung der richtigen Lehre begreifen kann. Seine Erfahrung spielt keine Rolle in diesem Glauben. Er referiert die Auffassung, Jesus habe das unmittelbare Bevorstehen des Reiches Gottes gepredigt.

Keine Zeile sei verständlich, ohne das zu berücksichtigen. Bei dem bei Erscheinen des Buches gerade zum Erzbischof von München und Freising ernannten Joseph Ratzinger ist davon nichts zu spüren. Er sieht diese Differenz sehr deutlich. Sie spielt ja in der Literatur auch eine wichtige Rolle. Aber er – da ist er Realist – glaubt nicht an ein Zurück. Er verwirft die Vorstellung, Geschichte müsse rekonstruiert werden. Für ihn ist sie da. Als Traditionskontinuum. Ebenso wenig glaubt er, dass Theologie von aller Philosophie gereinigt werden müsse, um wirklich Lehre Gottes zu sein.

Auch hier gilt für ihn das von der Tradition vorgelebte Kontinuum, in dem er seine eigene Arbeit und die der Kirche sieht. Wie hoch selektiv dieses Kontinuum ist, wie es in Wahrheit immer wieder sich neu strukturiert, das verschweigt er nicht. Aber er tut so, als gäbe es keine Sprünge in dieser Überlieferung. Als füge sie sich in ein widerspruchfreies Ganzes. Dieses So-tun-als-ob ist der Kern seiner Arbeit. Und was sagt der durch die Kritik an der Eschatologie hindurchgegangene Vertreter der Lehre vom Kontinuum zum Beispiel über die „Auferstehung des Fleisches“? „Es gibt keine Vorstellbarkeit der neuen Welt. Es gibt auch keinerlei irgendwie konkretisierbare und in die Vorstellung reichende Aussagen über die Art des Materiebezugs der Menschen in der neuen Welt und über den ‚Auferstehungsleib’. Aber es gibt die Gewissheit, dass die Dynamik des Kosmos auf ein Ziel zuführt, auf eine Situation, in der Materie und Geist einander neu und endgültig zugeeignet sein werden. Diese Gewissheit bleibt der konkrete Inhalt des Bekenntnisses zur Auferstehung des Fleisches auch heute, gerade heute.“

Ein atemraubender Sprung vom Nichtwissen zur Gewissheit. Einer Gewissheit übrigens, von der nichts, überhaupt nichts in der Bibel steht. Was hat das mit Jesus zu tun, was mit den Sätzen, die von ihm überliefert sind: die endgültige Zueignung von Materie und Geist? Die Dynamik des Kosmos?
Joseph Ratzinger, Auferstehung und ewiges Leben, Gesammelte Schriften Band 10, Herder, Freiburg 2012, 761 Seiten, 55 Euro.


Die Welt als Wohlfühlkino

1200 Seiten ist das Buch dick. Jede Menge bunter Bildchen. Aber wer kann diesem Titel widerstehen: „1000 Places to see before you die“? Nein, nein, das Buch ist auf deutsch zu haben. Nur traute man sich nicht drüber zu schreiben: 1000 Orte, die sie vor ihrem Tod unbedingt noch gesehen haben müssen. Ich habe nicht nachgezählt, aber ich glaube es sind mehr als 1000. Wer über sechzig ist, wird sich sputen müssen, um auch nur einen Bruchteil der hier aufgeführten Lokalitäten besuchen zu können. Denn was hilft es zum Beispiel, in Chichen Itza zu sein und die Sonnenpyramide zu sehen, sie aber nicht mehr besteigen zu können? Erst oben wird die Fantasie beflügelt und man blickt über den Urwald und denkt, wem hier oben die Herzen aus der Brust geschnitten wurden. Jedenfalls ging es mir so, als ich vor dreißig Jahren das letzte Mal dort war. Ich war noch nicht in der Inkastadt Machu Picchu. Werde ich den Aufstieg noch schaffen?

Wo ich beim letzten Besuch in Freiburg mir trotz besten Wetters den aufs Münster gespart habe. Und dann das Geld! Die Nazca-Linien zum Beispiel, diese ebenfalls in Peru zu besichtigenden kilometerlangen Erdzeichnungen. Patricia Schultz, die Autorin dieses Reiseführers, gibt mir den völlig zutreffenden Tipp: „Am besten lassen sich diese Kunstwerke vom Flugzeug aus besichtigen.“ Jetzt bitte noch den Tipp, wo ich das Geld dafür herbekomme.

Also, was empfiehlt sie mir in Berlin? Den Fernsehturm gleich an meinem Arbeitsplatz, den Reichstag, auf dessen Kuppel ich von meiner Wohnung aus blicke. Da weist sie daraufhin, dass, wer nicht in der Schlange stehen möchte, sich einen Tisch im Restaurant reservieren kann. Der Gendarmenmarkt wird angepriesen, das Brandenburger Tor, Museen, die Philharmonie. Nichts Neues, aber auch nichts, das nicht in anderen Führern stünde. Und ob ich wirklich vor meinem Tode unbedingt noch das Hotel de Rome gesehen haben muss? Zumal das Schönste daran, die Dachterrasse nämlich mit einem der feinsten Blicke auf Berlin, nicht erwähnt wird.

Jetzt fällt mir auf: die Topographie des Terrors fehlt und das Holocaustmahnmal. Ich blättere durch die USA. Nichts über Indianervernichtung, nichts über Aufstände in den Ghettos. Chicago zum Beispiel ist nur schön. Ich gehe zum Register. Doch, da zwischen Aurora, einem 650 Seelen Ort im Staate New York, an dem die American Girl Puppe erfunden wurde, und Jane Austen, zu deren Grab in der Kathedrale von Winchester wir geführt werden, liegt Auschwitz. Sonst werden wir 1200 Seiten durch die natürlichen, die architektonischen, künstlerischen und kulinarischen Schönheiten der Welt geführt.

Die Wirklichkeit als Wohlfühlkino. Wenn das das ist, was man unbedingt sehen muss, bevor man stirbt, könnte ich mir einbilden, noch weit, sehr weit vom Tod entfernt zu sein. Ich möchte nicht nur eingelullt, sondern auch erschreckt werden. Ich liebe den Kitsch, aber ich mag auch die Wahrheit. Ich kann Patricia Schultz nicht brauchen. Wer sie braucht, kann sie auch auf seinen Reader laden. Dann wird sie ganz leicht.
Patricia Schultz, 1000 Places to see before you die, übersetzt aus dem Amerikanischen, Verlag h. f. ullmann, Potsdam 2012, 1200 Seiten, 14,99 Euro.


Blick aus dem Speckgürtel

Chirikure Chirikure lebt in Simbabwe. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört. Jetzt habe ich nicht einmal fünfzig Seiten Gedichte von ihm gelesen und denke, wir verstehen uns gut. Das ist natürlich eine Illusion, ein Irrtum, Wunschdenken, was immer man dazu sagen mag. Jedenfalls ist es falsch. Nein. Auch das kann falsch sein. Dichtung schafft Nähe. Da spricht einer zum anderen. Schon allein, dass er zu mir spricht, reißt mich heraus aus der Einsamkeit, in die das Getriebe uns fegt. Wie ihn aus seiner das Sprechen, das Schreiben treibt, so sehr beides ihn auch wieder in seine Einsamkeitzurückdrängt. Armut und Krieg sind die Themen. Sie sind es leise wie das Geräusch eines nahen, aber gerade dem Blick entrückten Baches. Ein alles Leben begleitender basso continuo. Das trifft mein Misstrauen gegenüber dem friedlichen Glanz unserer Städte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch einmal sechzig Jahre so weiter gehen soll hier in Mitteleuropa. Aber ich erinnere mich daran, dass ich schon vor dreißig Jahren sagte: Wir werden nicht noch einmal dreißig Jahre Frieden haben bei uns und Wohlstand.

Wie glücklich könnte ich über meinen Irrtum sein! Ich bin froh, aber ich traue dem Frieden noch immer nicht. Ich halte ihn, der mein ganzes Leben über uns nicht verlassen hat hier in unserem Speckgürtel der Weltgeschichte, noch immer für einen flüchtigen Gast. So verwechsele ich meine Angst mit Chirikure Chirikures Realismus und glaube ihn mir ganz nah. Mir hilft wohl auch dabei zu vergessen, wie sehr der Reichtum, in dem ich lebe, vielleicht doch etwas zu tun hat mit der Armut, in der er lebt. Der Verblendungszusammenhang, von dem ein inzwischen fast wieder vergessener Philosoph einst schrieb, ist keine Wand, die uns von der Wirklichkeit trennt. Wir selbst errichten ihn mit unseren Träumen. Mit unseren Sehnsüchten und mit unseren Ängsten. Aber dann stoßen wir auf ein Wort und plötzlich gibt es einen Ausblick. Hier heißt das Wort Uhuru. Das ist Suaheli und heißt Unabhängigkeit, Freiheit. Ein Slogan, ein Schlagwort des kenianischen Kampfes gegen die Kolonialmacht. Chirikure Chirikure schreibt seine Gedichte in der Sprache seines Volkes, der Shona. Wenn es aber um politische Freiheit geht, dann fehlt ihm das Wort, dann muss er hinüberlangen zum Nachbarn und sich Uhuru ausborgen. Nein. Er muss nicht. Er kann. Man sollte sagen: er hat die Freiheit, er nimmt sie sich, sich Uhuru zu holen von jenseits der Grenze. Der Satz, in dem das Wort vorkommt, ist ein Zitat. Von wem?:

„aber wie irgendwer sagte
Das ist noch nicht Uhuru
solange das Fernsehgerät
fortwährend Bilder ausspuckt
die weitere Schlachten entfachen“

Genau dasselbe haben wir auch gesagt hier im Speckgürtel, als wir noch jung und wütend waren und noch nicht alt und traurig. Vielleicht ist der Dichter Chirikure Chirikure, geboren 1962 in Gutu in Simbabwe, uns doch näher, als unser Verstand zugeben möchte.

Chirikure Chirikure: Aussicht auf eigene Schatten – Gedichte, shona, englisch, deutsch, übersetzt aus dem Englischen von Sylvia Geist, mit einer CD von einer Lesung des Dichters, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 117 Seiten, 18,90 Euro.


Ich und Du

Nein, Sie hat nur sehr wenig mit Schimpansen und Gorillas gearbeitet. „Das wäre sicher viel, viel schwieriger. Sie leben in Gruppen. Sie haben es also immer sofort mit mehreren zu tun. Bei den Orang Utans ist das anders. Sie leben oft ganz allein. Wenn Sie zu einem Orang Utan eine Beziehung haben, dann ist es die Beziehung zwischen zwei Einzelnen, zwischen zwei Individuen. Die mögen einander oder sie tun es nicht. Mit der Spezies hat das nichts zu tun.“ Wer jetzt an Martin Bubers „Ich und Du“ denkt, irrt. Es spricht die 1946 auf der Flucht aus der Ukraine nach Kanada in Wiesbaden geborene Biruté Mary Galdikas, die letzte noch bei ihren Affen lebende der drei Frauen, die in den vergangenen vierzig Jahren unser Verständnis von unseren nächsten Verwandten revolutioniert haben.

Dian Fossey, Jahrgang 1932, erforschte die Gorillas und sie versuchte sie zu schützen, bis sie selbst von einem Wildtöter getötet wurde. Die 78-jährige Jane Goodall erforschte die Schimpansen. Diese drei Primatenforscherinnen wurden die Trimates genannt. So heißt der Film über Biruté Galdikas „The last trimate“. Ein Film auch über den aussichtslosen Kampf gegen die Abholzung der Dschungel Indonesiens, der Heimat der Orang Utans.

Ergreifend wenn Biruté Galdikas eine Ausgabe von National Geographic aus dem Jahre 1975 zeigt, auf deren Titelseite sie, jung und schlank, mit zwei jungen Orang Utans zu sehen ist: „Sehen Sie das junge Mädchen, das vor mir läuft und ihren rechten Arm nach hinten zu mir hin reckt? Das ist Akmat.“ (Wenn ich den Namn richtig verstanden habe.) „Sie macht das heute noch gerne.“ Dann sehen wir die inzwischen über vierzigjährige Orang Utan Dame exakt mit derselben Bewegung wie damals sich nach der auch deutlich gealterten Biruté Galdikas recken.

Danach sitzen beide vor einer Holzhütte und trinken Tee. Das machen sie jetzt seit 1971.

Stephen van Mil, Pria Viswalingam: The last Trimate, DVD (Deutsch), Fork Films 2008, 4,97 Euro.


Praktisch, klar, trocken

Italo Calvino, der Autor der wunderbaren Cosmicomics, der einen Welterfolg hatte mit einem Buch, in dem das Buch vorkam, das der Leser gerade las – es trägt den Titel „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ –, scheint sich heute nach seinem Tode im Jahre 1985 in jenem Fegefeuer aufzuhalten, in dem Autoren wenige Jahre nach ihrem Tode verschwinden. Dort warten sie darauf, von einer neuen Generation wieder entdeckt und in den Himmel der Literaturgeschichte gehoben zu werden oder aber nach und nach abzusacken in die Hölle des Vergessenwerdens. In dieser Zeit überleben die Autoren in den Köpfen ihrer alt gewordenen Leser und in den Korrespondenzen kleiner Gemeinden, die sich austauschen über das, was sie wissen von den Helden ihrer Jugend.

Wer Calvino liebt und Italienisch lesen kann, für den gibt es einen Fund. Nichts Neues von Italo, aber von seinen Eltern. Eva Mameli Calvino (1886 - 1978) und Mario Calvino (1875 – 1951). Sie war die erste Frau, die in Italien in den Naturwissenschaften promoviert hat. Beide waren Gartenwissenschaftler und Gärtner. Im Jahre 1940 veröffentlichten sie ein Buch, das Antwort gab auf 250 Fragen, die ihnen gestellt worden waren. Ein Ratgeberbuch für Gartenfreunde. Fragen wie diese: Es ist August und ich möchte im März eine üppige Blumenpracht im Garten haben. Was muss ich jetzt säen und pflanzen? Die Antwort lautet: Pflanzen Sie im September-Oktober: Krokus, Narzissen und Tulpen.

Ein Briefschreiber aus Matera fragt, was er tun muss, um seine Pflanzen mit Wasser zu versorgen, während er in Urlaub ist. Er bekommt in dreizehn Zeilen eine Antwort. Eine praktische Information, keinen Vortrag. Klar, trocken. Wer den italienischen Hang zur Rhetorik kennt, wer sich nicht satt sehen kann an Vittorio de Sica, wenn er den Advokaten mimt, der kann hier lernen, dass, wo der Überschwang herrscht, die Sachlichkeit das Prinzip Hoffnung ist. Man beginnt zu ahnen, in welchen Sprachwelten der kleine Italo Calvino seine Fantasie zu trainieren begann und warum die immer mehr eine experimentelle als eine der großen Geste war. Blättert man noch eine Weile länger in dem Band, kommt man auf den Geschmack und wünscht sich ein Buch, in dem alle Fragen, die einen bewegen, ebenso ruhig und sachlich beantwortet würden. Die großen nach der Gewalt und die kleinen nach der Liebe. Oder ist es umgekehrt? 250 Antworten auf die Fragen des Lebens. Das wär’s!

Man könnte sie freilich nicht so schön illustrieren wie die zur Gärtnerei. Das Buch der Calvinos wurde in der Neuausgabe geschmückt mit 24 Zeichnungen aus The Genus Rosa von Ellen Willmott, erschienen in London 1914.

Eva Mameli Calvino, Mario Calvino: 250 Quesiti di Giardinaggio risolti, Donzelli, Roma 2011, 187 Seiten, s/w und farbige Abbildungen, 19,50 Euro.


Von der Cessna aus gesehen

Der 1928 geborene Georg Gerster, einer der Pioniere – so sagt der Klappentext – der Luftfotografie war zwischen 1996 und 2006 in Cessna-Maschinen insgesamt 248 Flugstunden über Griechenland unterwegs. Ein Produkt dieser Arbeit ist jetzt erschienen. Der Bildband „The sites of ancient Greece“. Das „ancient“ ist sehr weit gefasst. Sie schließt die Meteora-Klöster in Thessalien mit ein. Man sieht hinunter auf das lärmende, in Autoabgasen erstickende Thessaloniki mit seinen neuen Häusern, zwischen denen ein antikes Amphitheater, eine byzantinische Kirche zu erkennen sind. Ein paar Seiten weiter Athen: der Zeus-Tempel, das Dionysos-Theater, bei dem man sich, vielleicht nicht ganz zu Recht, vorstellt, dass hier Aischylos und Aristophanes aufgeführt wurden, darüber die Akropolis und hinter ihr Reste der Agora. Hier entstand einmal städtische Demokratie. Sie wirkt jetzt wie erstickt vom modernen Athen, von den vielgeschossigen Häusern, die nach zwei, drei Jahren schon aussehen, als fielen sie in weiteren drei, vier Jahren um. Aber Beton ist zäh. So leicht werden sie nicht zu beseitigen sein. Man sollte sich auch hüten, das antike Griechenland zu verherrlichen.

Es war unserer Wirklichkeit näher als unseren Träumen. Aristoteles berichtet zum Beispiel von Thales aus Milet, der habe, als er auf Grund seiner Naturbeobachtungen zu dem Schluss kam, es werde eine außergewöhnlich prachtvolle Olivenernte geben, in Ölpressen investiert und als dann die Erntezeit kam, sie den Bauern zu völlig überzogenen Preisen vermietet. Aristoteles rühmt den Spekulanten. Wenn er nur wolle, könne auch ein Philosoph ein reicher Mann werden. Zurück zu Gersters Flügen: der Poseidon-Tempel auf dem Kap Sounion. Das Säulenrechteck auf einem Felsen am Meer. Ringsum Steine. Ein Ort der Verwüstung. Sofort stellen sich die Gegenbilder der Maya-Tempel im mexikanischen Yucatan ein: umwuchert vom gleißenden Grün des tropischen Urwaldes. Ob es hier auch einmal so aussah? Man will diesen Tempel sich wenigstens im dunkelgrün eines gepflegten Olivenhains mit ein paar Ziegenhirten darin sich vorstellen, statt in dieser Mondlandschaft. Sehr schön gleich hinter einander: Die Neustadt von Olynthos und Ioulida, der Hauptort der Kykladen-Insel Kea. Die Neustadt stammt aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert.

Übriggeblieben sind die Grundmauern,und von oben sieht man die Planquadrate einer durchrationalisierten Stadtplanung. Wer Olynthos von der Seite vorher noch im Kopf hat, der wird automatisch Ioulidas frisch geweisselte Häuser skelettieren und sie sehen, wie sie in zweitausend Jahren dem Beobachter ihre Grundrisse entgegenstrecken. Der wird Mühe haben, sie von den zweieinhalbtausend Jahre älteren zu unterscheiden. Der Blick von oben lässt Unterschiede verschwinden. Vor ihm ist sehr vieles nicht zu unterscheiden von dem, von dem es sich stolz absetzt. Man mag das das Auge der Gerechtigkeit nennen, aber es ist nur eine andere Ungerechtigkeit.

Georg Gerster: The Sites of ancient Greece, englisch, Phaidon, London 2012 (übrigens wie so vieles heute gedruckt in China), 160 Seiten, mehr als 120 farbige Abbildungen, 49,95 Euro.

Traumschiff

Schiffstagebuch heißt das neue Reisebuch von Cees Nooteboom. Er steht im Stau auf der Autobahn vom Flughafen ins Zentrum von Sao Paulo. „Kakophonie, aber ohne Struktur, Fetzen, die durchs Gehirn irren, auf der Suche nach einem Opfer.“ Das ist so gesagt, dass wir alle sagen: Genau so ist es. Dabei wussten wir nicht, dass es so ist, bis wir es lasen bei Cees Nooteboom. Er schafft Evidenz. Das ist seine Kunst. Seine Kunst ist aber, auch ihr wieder zu entkommen. Gleich mit dem nächsten Satz. Da weiß man gleich wieder, dass ein wirklicher Satz eben immer auch ein Sprung ist. Also der nächste Satz: „An wie vielen Stellen der Welt steht in diesem Augenblick der Verkehr still?“ Er entkommt seiner fatalen Lage nicht, indem er sie leugnet. Er verbrämt sie nicht, redet sie sich nicht schön. Er erkennt sie als einen Teil der Einrichtung der Welt.

Das ist kein Tort, der der beleidigten Leberwurst, die ein jeder von uns in sich hegt und pflegt, angetan wird. Je stärker das Individuum, desto eitler ist es, desto mehr neigt es dazu, alles persönlich zu nehmen. Dagegen hilft der Blick auf die Umwelt, der Blick in die Welt. Cees Nooteboom führt uns das hier gleich am Anfang vor. Dieser Blick bewahrt uns davor, nur uns zu sehen umgeben von Feinden. Manche halten das für ein Leiden der Überempfindlichen, derSensiblen. Nichts falscher als das. Es ist das Leiden der Hartgesottenen, der Macher und Durchsetzer. Der schweifende, der auch nach innen schweifende Blick, rettet uns vor der Blindheit unserer gar zu autopoetischen Existenz. Aber dann, denkt man, ist es nicht gerade der Stau, der Lärm, der Gestank, der einen herausreißt, aus dem vertrauten Ambiente des eigenen Gemüts, der Gemütlichkeit, in der man sich eingerichtet hatte? Ist die die eigene Situation verallgemeinernde Überlegung, so richtig sie ist, nicht doch eine Flucht vor der Gegenwart, die droht einen zu vereinnahmen? Die feindliche Übernahme des eigenen kostbar erkämpften Ichs durch die feindliche Welt?

Viel hin und her über einen Satz, über zwei Sätze? Es ist dieses Hin und Her, in dem wir entstehen. Es sind diese Monologe, die in Wahrheit ja vielfigurige Dramolette sind, in denen es nicht nur um Hin und Her sondern auch um Für und Wider, um So oder So geht, mit denen wir die Nächte unserer Kindheit und Jugend verbrachten und die uns wieder ergreifen, wenn wir uns Zeit lassen für sie und damit für uns. Dem nicht so genau hinschauenden Leser scheint Cees Nooteboom auf der Flucht vor diesem Drama zu sein. In Wahrheit aber entfaltet er es.

Seine Zitate, die Assoziationen seiner Lektüren und Begegnungen sind nichts als Vehikel dieser kindlichen Denkart. Er sitzt auf ihnen wie auf einem Schaukelpferd, das sich unter den Schlägen seiner Kinderpeitsche in einen fliegenden Teppich verwandelt und ihn trägt. Niemals wohin er will. Es ist ein Getriebener seiner Assoziationen, die wiederum angetrieben werden von den Staus dieser Welt, von den gar zu garstigen Eindringlingen. Sie sind wie Wellen, die man nur beherrscht, in dem man mit ihnen schwimmt und sich forttragen lässt in andere Welten. Auch die sind wieder real und fiktiv zugleich.

Cees Nooteboom war mit dem Traumschiff unterwegs. Mit dem wirklichen. Mit dem aus dem Fernsehen. Oder ist nicht doch das, mit dem er immer unterwegs ist, mit dem er als Kind auf dem Schaukelpferd, auf dem fliegenden Teppich schon unterwegs war, nicht doch das wirkliche, während das aus dem Fernsehen nichts ist als eine Illusion?

Cees Nooteboom: Schiffstagebuch – Ein Buch von fernen Reisen, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, mit s/w Fotos von Simone Sassen, Suhrkamp, Berlin 2011, 285 Seiten, 19,90 Euro.


Kosmopolitisch, behaglich

Theodor Fontane auf Reisen. Keine Wanderungen durch die Mark Brandenburg, sondern sieben Stunden im Zug von Rom nach Neapel oder unterwegs auf den Schlachtfeldern der Kriege seines Lebens. In Sachsen, das auf der Seite Österreichs gegen Preußen stand oder in Frankreich. Wer den Stechlin liebt und sich daran erinnert, dass Armgard ihren Woldemar mit freundlichem Spott einen „Taschenmoltke“ nannte, dem wird es Spaß bereiten, dass Fontane selber einer war. In seinen Reisetagebücher finden sich immer wieder Skizzen von Schlachtformationen, die er sich in der Landschaft stehend vergegenwärtigte. Wo es geht, kauft er Schlachtpläne, stellt sich auf den Feldherrnhügel und macht sich ein Bild. Er weiß oft, wie man es besser getan, wie man schneller, weniger verlustreich gesiegt hätte.

Wer Fontane als Zivilist sieht, der kann hier sehen, wie selbstverständlich interessant ihm das Militärische war, wie sehr der Nachkomme von Hugenotten gerade auch darin Preuße war. Noch etwas anderes kann man lernen: wie wenig selbstverständlich das Deutsche noch im ausgehenden 19. Jahrhundert war. Man weiß von Bismarck und seinem König, dass sie lieber Preußen als Deutsche waren. Das Deutsche hatte etwas Republikanisches, weil es die Entmachtung so vieler Fürsten voraussetzte. Am 1. September 1865 rühmt Fontane die Rheinlandschaft: „Ein Panorama, wie es die Welt wahrscheinlich nicht zum zweiten Mal besitzt. Es ist lächerlich das leugnen zu wollen.“ Unterstreicht er. Das ist nun angesichts der Tatsache, dass Fontane kaum etwas von der Welt gesehen hat, selbst lächerlich.

Aber die folgenden Zeilen machen deutlich, dass es ihm auch um das heitere Leben und „den schönsten Wein“ dabei geht. „Alles kommt hier zusammen, um diesen Fleck Erde zu dem beschauens- und begehrenswertesten zu machen, den man sich denken kann.“ Und dann kommt es: „Leider hängt er nur lose an Deutschland und an Preußen gar nicht.“ Da spürt man dann doch so etwas wie die Einsicht, dass das alles mit einander zusammenhängen mag. Der nächste Satz: „Auf dem Rechts-Ufer ist man lau und flau, kosmopolitisch, behaglich, selbstbewusst, vielleicht leidlich deutsch, aber sicherlich nicht preußisch.“ Kosmopolitisch, behaglich – sollte ihm das hier wirklich als Kritik, als Beschimpfung gar aufs Papier geflossen sein oder doch mehr als bewundernde Identifikation?

Kosmopolitisch, behaglich - könnte man das nicht auch über Theodor Fontane sagen? Und dann die nächsten Sätze: „Auf dem linken Rheinufer sprechen die Leute in Rheinhessen und Rheinpfalz (z.B. in Worms) offen ihre Hinneigung zu Frankreich aus. Dass die Franzosen zweimal ihr Land verwüstet, ist ihnen gleichgültig, ist vergessen.“ Es war nicht nur ein weiter Weg nach Westen. Es war auch ein weiter weg von ihm. Ein Wunder, dass beide weiten Wege so schnell zurückgelegt werden konnten. Die Geschichte wiederholt sich und stellt sich dabei auf den Kopf: 1871 traten die deutschen Länder Preußen bei. 1990 trat, was übrig geblieben war von Preußen, einem westlichen Deutschland bei.

Und Fontane? Den, den wir kennen? Ja,ja. Es gibt ihn auch in seinen Reisetagebüchern. Am 5. November notiert er sich in Neapel: „Frau S. fragt Fr. von L.: Sind denn Deine Erwartungen von der Ehe oder dgl. erfüllt, worauf sie antwortet: er ist die Antwort mir auf jede Frage.“
Theodor Fontane: Die Reisetagebücher, Große Brandenburger Ausgabe, hrsg. von Gotthard Erler und Christine Hehle, Aufbau Verlag, Berlin 2012, mit Einleitungen, Anmerkungen, Registern, Abbildungen, 922 Seiten, 48 Euro.


Woody Allens schöner Körper

Das sind nicht Diane Keatons Memoiren. Sie sind es nur auch. Vor allem nämlich sind es die Notizen, die sich Diane Keatons Mutter ihr Leben lang machte, herausgegeben und kommentiert von ihrer Tochter, die klug genug ist, die Chance zu nutzen, sich mit den Augen eines anderen zu sehen. Obwohl – sind Schauspieler nicht daran gewöhnt? Sie sind unentwegt damit konfrontiert, wie Regisseure, wie das Publikum sie sieht. „Damals Heute“ ist ein witziges Buch, ein rührendes auch. Vor allem aber ist es klug. Also, seien wir offen, nichts für Männer. Hier geht es nicht um’s ewige wer wen? Es geht nicht darum, wer größer, schöner, mächtiger, geschickter, schlauer ist. Hier findet kein Wettbewerb statt. Eine Frau, die mit Warren Beatty, Al Pacino zusammen war, aber ausgerechnet Woody Allens schönen Körper preist, hat ganz offensichtlich sehr eigene Vorstellungen von der Welt. Dass sie sie hinschreibt und veröffentlicht als seien sie das Selbstverständlichste von der Welt, das zeigt ihre Freiheit. Die ist ja bekanntlich die höchste Form der Schönheit. Nein, nein, der Satz stammt von mir. So würde Diane Keaton niemals schreiben. Sie kann auch das viel besser. Die siebzehn Seiten über die Bulimie, der sie fünf Jahre lang ausgeliefert war, sind drastisch und zart zugleich.

Wenn sie Warren Beatty beschreibt, beginnt auch der Mann, der sich in dieses Buch verirrt hat, zu ahnen, was Charme ist: „Nachdem ich ihm meine schreckliche Flugangst gebeichtet hatte, tauchte Warren überraschend vor einem meiner Flüge nach New York am Gate auf, nahm meine Hand, begleitete mich zum Flugzeug und setzte sich neben mich und hielt meine Hand, bis wir gelandet waren. Als wir sicheren Boden unter uns hatten, küsste er mich, drehte sich um und flog zurück nach Los Angeles.“ Natürlich sah der Kerl auch so unverschämt gut aus, dass er niemals auf den Gedanken hätte kommen können, die Dame zöge ihre Flugangst seiner Gesellschaft vor. Aber dieser Gedanke kommt aus der Unfreiheit. Aus diesem Land kommt auch Diane Keaton. Sie hat es verlassen können. Man kommt hinaus. Man muss nicht darin bleiben, das ist die Botschaft dieses Buches. Sie wird nirgends formuliert. Sie wird vorgelebt. Das hat etwas Beflügelndes.

Diane Keaton: Damals Heute, aus dem Amerikanischen von Frauke Brodd, btb Verlag, München 2011, 320 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen, 21,99 Euro.


Die unerträglich aufdringliche Bellezza

Die ersten vier Wörter des zweiten Satzes! „Für mich, die Erzählerin…“ Wie mich das freut. Für mich ist Sigrid Damm schon lange nicht die Verfasserin von Sachbüchern, mit denen sie Band für Band Goethe immer näher rückte. Für mich ist sie eine große Erzählerin, eine, die am besten ist, wenn sie nicht eine Geschichte, sondern wenn sie Geschichte erzählt. Es gibt Autoren, die müssen alles selbst machen, sie ertragen nicht die widerständige Wirklichkeit. Sigrid Damm aber wächst am Eigensinn der Realität. Je beengender die ist, mit anderen Worten, je mehr Material überliefert wurde, desto freier wird Sigrid Damm.

Es gibt keinen deutschen Autor, von dem nahezu jeder Tag so gut dokumentiert ist wie von Goethe. Aus so viel angeschwemmtem Material eine Erzählung zu machen, eine Geschichte, ein Bild – das reizt Sigrid Damm. Das kann sie wie wohl derzeit bei uns niemand sonst. „Wohin mit mir“ ist etwas anderes. Es sind Tagebuchnotizen aus dem Jahr 1999, als sie in Rom, in der Casa di Goethe wohnte, jenes Haus, von dem wir ein Fenster kennen, das nämlich, aus dem Goethe auf einer Tischbeinzeichnung blickt. Sigrid Damm war in Rom, aber in Gedanken war sie im Norden, am Polarkreis, wo sie „eine warm bewohnte Unendlichkeit“ umgab. Rom dagegen war eng, laut und stickig. Nicht nur in jenem Hochsommer. Sie wäre lieber in Schwedens hohem Norden gewesen, aber sie hatte zugesagt für das Stipendium. Jetzt ist sie hier. Schwitzend hält sie sich erst einmal die Ohren zu. Langsam erst öffnet sie Augen und Ohr und lässt ein wenig hinein vom anstrengenden Rom. Sie wird verfolgt von jungen Männern, die sie obszön anmachen.

Sie sieht den Bettler auf den Stufen der Kirche in der Via del Corso, der vor aller Augen onaniert. Weiter weg kann man nicht sein von den einsamen Weiten des Nordens. Ihre Distanz macht sie hellsichtig. Dass sie in Rom nicht wirklich in Rom war, dass sie dessen Reizen nicht erliegen konnte, weil sie zu viel anwiderte, das gibt ihrem Blick eine hellsichtige Schärfe. Die stellt sich freilich erst jetzt her, da sie die Erinnerungen heraufholt. Damals fiel „das Angeschaute augenblicklich in mir auf den Grund des Vergessens“. Am 17. Juli ist sie glücklich. Ausgerechnet im Park der Villa Borghese. Es regnet. Es regnet sehr. Kein Mensch ist unterwegs. Sie allein mit ihrem „lappländischen Umhang“. „Rom liegt regenverhangen unter mir.“ So weit entfernt, ja unsichtbar gemacht, lässt sich die sonst unerträglich aufdringliche, laut tönende Bellezza ertragen.

Am 19. August ein Eintrag, den ich hier referiere, damit die, die schreiben unter den Lesern dieser Zeilen, erfahren, dass nicht nur für sie der Lektor, der eben noch ein Freund war, zum Feind werden kann: „… dann kamen die Fahnen. Der Schock bei der Durchsicht. Der Verlag hatte Veränderungen vorgenommen, die dem Inhalt völlig zuwider liefen, unter anderem waren alle kursiven Stellen weggefallen. Meine Nerven lagen blank. Ich rief den Herstellungsleiter an, ein heftiges Hin und Her, schließlich sein Einlenken, seine Versicherung, alle Veränderungen würden rückgängig gemacht; wir gingen jede Seite einzeln durch; ein Vierstundentelefonat.“

Sigrid Damm: Wohin mit mir, Insel Verlag, Berlin 2012, 287 Seiten, 22,95 Euro.


Babelsberger Pappe

Zweihundertfünfzigtausend Kostüme werden im Studio Babelsberg aufbewahrt. Auf 25.000 Quadratmetern werden dort Filme gemacht. In zwei Jahren vier Oscars für Produktionen aus Babelsberg. Das klingt sehr gut, sehr erfolgreich. Aber es gibt nur 90 fest angestellte Mitarbeiter. Da merkt man dann schon, wie schwankend das Geschäft ist. Wie sehr alles an zwei, drei Großaufträgen hängt. Zu denen gehörten in den letzten Jahren immerhin Die Bourne-Verschwörung, Der Pianist, Der Vorleser, Operation Walküre – das Stauffenberg-Attentat, „Anonymus“. 100 Jahre alt ist das älteste Großatelier- Filmstudio der Welt in diesem Jahr. Aus diesem Anlass ist ein opulenter Bildband „100 Jahre Studio Babelsberg“ erschienen.

Am 12. Februar 1912 begann die Arbeit hier mit den ersten Einstellungen zum Stummfilm „Der Totentanz“ mit Asta Nielsen. 1926 drehte Fritz Lang hier Metropolis. Für ihn wurde das Atelier gebaut, das heute Marlene Dietrich Halle heißt. Dort drehte dann auch 1930 Josef von Sternberg „Der blaue Engel“. In den Nazijahren sollen in Babelsberg mehr als 1000 Filme gedreht worden sein. In den DEFA-Jahren sah das erst ein wenig anders aus. Ralf Schenk schreibt über diese Zeit: „Ab 1949 wurden sämtliche DEFA-Stoffe einem langwierigen Prüfungsverfahren durch die SED-Filmkommission unterworfen. Die rigiden Kontrollmechanismen ließen die Spielfilmproduktion von Jahr zu Jahr schrumpfen.“

Natürlich darf man nicht vergleichen, aber was soll man machen, wenn Schenk einen ehemaligen DEFA-Mitarbeiter zitiert und der sagt, dass angesichts der vielen Einwände, die von Menschen kamen, die mit der Arbeit nichts zu tun hatten, aber immer genau wussten, was getan werden muss, es kaum noch Einfälle gab und demzufolge auch keine Drehbücher. Das schafft auch die ganz normale Bürokratie, die die wir kennen. Es bedarf da keines sozialistischen, ideologischen Überbaus. Aber es sind dann doch die Fotos, die einen am meisten einnehmen: die Doppelseite mit der Filmcrew von Polanskis Pianisten oder der Blick von oben auf die Make-up und Kostüm-Räume für die Komparsen von Anonymus. Das beeindruckt natürlich solche „Ich-und-mein-Schreibtisch“-Schnecken wie mich. Was alles hier berücksichtigt werden, wie alles durchgeregelt sein muss, dagegen ist die Herstellung einer Tageszeitung eine kleine Bastelei. Sehr schön sind natürlich auch die paar Quadratmeter Pappfassade, die für den Sitz des englischen Premierministers, für Downing Street 10, in „Der Ghostwriter“ stehen. Oder die Straßen in Warschau, in Stalingrad, in London – alles Babelsberger Pappe. Wie leicht und wie gerne wir uns täuschen lassen.

100 Years Studio-Babelsberg – The art of filmmaking, teNeues Verlag, Kempen 2012, Englisch und Deutsch, 264 Seiten, 250 s/w und farbige Abbildungen, 59,90 Euro.


Vorkoster und andere seltsame Bettgesellen

Ein handliches Buch mit flexiblem, abwaschbaren Einband und kleinen Bildchen darin, wie wir sie von Restaurants kennen, in die wir ungern gehen. Ein Buch über die Tiere, die in unseren Städten leben. Also Katzen und Hunde? Nein, es geht um frei, ja wild lebende Tierarten. Es geht los mit Schwämmen, Moostierchen, Nesseltieren, Würmern und Bärtierchen. Es endet bei den Säugetieren. Ohne uns zu erwähnen. Dazwischen tummeln sich unter anderen Spinnen, Insekten, Fische und Vögel. Jedes Tierchen ist abgebildet, daneben ein kurzer Text, der uns oft auch sagt, wo es herkommt, wann es zu uns kam und wo bei uns es sich besonders wohlfühlt. Die Hausstaubmilbe zum Beispiel ist fast weltweit verbreitet. Es muss aber schon 25 Grad und haben eine Luftfeuchtigkeit von 70-80 Prozent erreicht werden, damit das Tierchen – 0,3 mm groß - sich wohl fühlt und auch paarungsbereit ist.

Es ernährt sich von Hautschuppen, von denen der Mensch pro Tag etwa ein Gramm abwirft. Das nährt nicht nur Milben, sondern auch Schimmelpilze, mit denen die Hausstaubmilbe gerne in Symbiose lebt. Denn die scheiden Enzyme aus, die für die Milbe giftige Fettanteile der Schuppen vorverdaut. Die Diebsameise dagegen wohnt im Freien. Wenn man ein Nest im Boden, das mehr einhunderttausend Arbeiterinnen (1,4-2,5 mm lang) und mehrere Königinnen (5-7 mm lang) beherbergt, so nennen möchte. Die Arbeiterinnen jagen Bodentierchen und hegen Wurzelläuse. Sie bauen auch Gänge in die Nester artfremder Ameisen, stehlen dort die Brut und fliehen durch ihre Gänge wieder zurück. „Verfolger sind zu groß, um abziehende Diebe in deren Gängen verfolgen zu können.“ Die gemeine Stubenfliege bringt es in einem Jahr auf 15 Generationen.

Dennoch heißt es von ihr: „Weltweit mit dem Menschen vergesellschaftet“. Und das, obwohl der Mensch sich mit allen Mitteln dieser Begleiter des Zivilisationsprozesses von jeher entledigen möchte. Von den Moostierchen hatte ich noch nie etwas gehört. Dabei gibt es sie schon 500 Millionen Jahre. Vor 300 Millionen Jahren ging es ihnen am besten. Da gab es etwa 20.000 Arten Moostierchen. (Man fragt sich, wie man das feststellen kann.) Heute soll es noch 4500 Arten geben. Die meisten in Salzwasser. In Süßwasser gerade mal fünfzig Arten. Zehn davon in unseren Breiten. Für die Moostierchen interessiert man sich erst seit ein paar Jahren. Aus einem ganz egoistischen Grund.

Ein Fischparasit macht sich in unseren Gewässern, genauer in den Nieren der von uns geliebten Forelle, breit und bringt sie um. Dieser Parasit haust,bevor er sich auf unser Futter stürzt, erst einmal bei den Moostierchen. Könnte man ihn schon dort erledigen, die Forellen gehörten wieder uns allein.

Stefan Ineichen, Bernhard Klausnitzer, Max Ruckstuhl: Stadtfauna – 600 Tierarten unserer Städte, Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien 2012, 434 Seiten, 650 Farbfotos, 8 Tabellen, 29,90 Euro.



Sex, Geld und Revolution

Der 18. März vor einhundert Jahren. Erich Mühsam (1878-1934) isst mit Heinrich Mann zu Abend. Die beiden unterhalten sich über das gewachsene Prestige des Künstlers. Es gäbe, so erklärt Mühsam, jetzt sogar Hochstapler, die sich als Schriftsteller ausgäben. Thomas Mann arbeitete damals schon am Felix Krull, dessen erste Fassung aber erst 1922 erschien. Um Mitternacht verlässt Mühsam Heinrich Mann. Danach zieht er durch die Kneipen, pumpt sich 60 Pfennige und bittet Emmy Hennings, bei ihm zu schlafen. „Sie riet mir aber ab, da sie Filzläuse habe, und so beherrschte ich mich.“ Nicht lange. Er zieht weiter. In die Pension Leopold, um dort eine Freundin abzuholen. Die ist nicht da, also geht er zu einer anderen Bewohnerin der Pension. „Sie lag im Bett und fühlte sich etwas krank, sah aber sehr nett aus. Ich setzte mich zu ihr, küsste sie, tätschelte ihren Busen, den sie sich ohne großen Widerstand von mir hatte entblößen lassen und versuchte das Übrige, indem ich mich, allerdings in Mantel und Anzug an ihre Seite unter die Bettdecke drängte. Da jeden Moment jemandes Eintritt zu erwarten war, kam ich noch nicht ganz zum Ziel, doch sie hat mir bereits versprochen, mich in den allernächsten Tagen bei mir zu besuchen. Die glaube ich also sicher zu haben.“ So geht es zu in diesem Tagebuch.

Wer den Anarchisten Erich Mühsam nur als einen politischen Kopf kennt, lernt hier andere Seiten von ihm kennen: Sex und Geld. Sex hat er jede Menge, Geld nie. Keine Seite, auf der er nicht überlegt, wie er hier an ein paar Mark kommen und wen er dort anpumpen kann. Seine Gedichte und Aufsätze wird er los. Aber lieber zieht er um die Häuser, als sich an den Schreibtisch zu setzen. Und dabei lässt er nichts anbrennen: „Die Frau gefällt mir ungemein gut. Schön ist sie nicht, aber differenziert und mit einem feinen Leidenszug im Gesicht.“ Die Revolutionierung der Lebensverhältnisse, mit der der Bohemien Tag und Nacht beschäftigt war, scheint auch die Sprache in Mitleidenschaft gezogen zu haben, ohne dass freilich dabei eine bessere herausgekommen wäre.

Diese Tagebücher sind eine Fundgrube. Das Register ist ein Zauberwerk. Es steht nicht im Buch sondern findet sich im Internet: www.muehsam-tagebuch.de. In ein paar Sekunden entdeckt man, dass die Französin Jeanne Ducrest, hinter der Mühsam mal mehr, mal weniger erfolgreich her war, einen argentinischen Freund hatte, der Bunge hieß und schon denkt man an den argentinischen Physiker und Philosophen Mario Bunge, der vor dreißig Jahren unter linken Studenten ein Geheimtipp war, weil er Wiener Kreis und Materialismus zu verbinden schien.

Und siehe da, der 1919 in Buenos Aires geborene Philosoph lebt , kann man das Wikipedia glauben, noch und hat erst vor drei Jahren, also mit 90 aufgehört an der McGill University in Montreal zu lehren. Ich weiß, das hat mit Mühsam nichts mehr zu tun. Aber nehmen wir mal an, es war Bunges Vater oder Bunges Onkel, einer der Großen des lateinamerikanischen Positivismus, dann rückt Erich Mühsam den `68ern noch einmal näher. Viel spricht übrigens dafür, denn Mario Bunges Großvater war Deutscher. Warum soll also dessen Sohn nicht nach Deutschland gekommen sein und dort mit Erich Mühsam um eine Frau sich gestritten oder auch nicht gestritten, sondern sie sich anarchokommunistisch, bohemistisch-brüderlich geteilt haben? Nicht nur eine Lektüre führt zur nächsten. Jedenfalls den süchtigen Liebhaber.

Erich Mühsam: Tagebücher, hrsg. von Chris Hirte und Conrad Piens. Band 1: 1910-1911, 352 Seiten, 28 Euro, 20, 11, Band 2: 1911-1912, 384 Seiten, 28 Euro, Verbrecher Verlag, Berlin 2012.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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