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Buchpreis Shortlist Dummheit ist tödlich, aber fast alles andere auch

„Wie Ihr wollt“, Inger-Maria Mahlkes geistesgegenwärtiger historischer Roman über besonders dunkle Jahre im englischen Königshaus.

Portrait von Elizabeth I. Foto: imago stock&people

Alt ist die englische Krone, aber stets drängten neue Häuser nach vorne, auch neureiche, die auf Rechtfertigung aus waren. Die Windsors können ein Lied davon singen, aber was sind die Windsors gegen: die Tudors.

Der historische Roman trägt derzeit gerne Grau. Kürzlich Hans Joachim Schädlichs „Narrenleben“, 2014 Thomas Hettches „Pfaueninsel“oder jetzt Inger-Maria Mahlkes „Wie Ihr wollt“ suchen nicht Ornament, Farbe und Spektakel der Vergangenheit. Auch wollen sie uns erfrischenderweise nicht belehren. Sie geben bloß aufgeweckten Stimmen vom Rand des Getümmels das Wort. Der Zufall will es, nein, die Autoren wollen es, dass es in allen drei Büchern um ohnmächtige, kleine Menschen geht, ohnmächtig, was die Lebensgestaltung, klein, was die Statur betrifft. Die Parallelen zwischen Hettche und Mahlke sind fast irritierend: Kleinwüchsige Frauen an abgeschlossenen Orten.

Gleichwohl ist das neue Buch der bisher ganz zeitgenössisch orientierten Autorin Mahlke, Jahrgang 1977, eigenständig in Ton und Ausführung. Die Handlung spielt 1571, die Ich-Erzählerin schaut aber auch zurück und macht Aufzeichnungen über ihre Vergangenheit und die ihrer Familie. Dann geht es in die schaurigen Jahre zwischen dem Tod Heinrichs VIII. 1547 und dem Amtsantritt Elisabeths I. 1558. Mary Grey (1545-78) ist die dritte Tochter einer Tudor, die Entfernung zum Thron ist immer an einer Hand abzählbar. Marys älteste Schwester Jane gehört zu den Kurzzeitköniginnen dieser Jahre. „Hab sie nicht wiedergesehen“, lässt Mahlke Mary im für sie typischen Telegrammstil nach dem letzten Treffen vor Janes Hinrichtung notieren.

Ökonomisch ist Mahlkes Mary im Herzen, im Verstand und in der schriftlichen Rede. In der Jetztzeit des Romans sitzt sie im Hausarrest, in dem sie sich von der nur als „SIE“ titulierten aktuellen Monarchin Elisabeth (einst: „die nicht ganz so liebe Cousine“) vergessen fühlen muss. Mahlkes Mary ist kindisch und klarsichtig zugleich. Mit ihrer Dienerin liefert sie sich alberne Kleinkriege (mal gewinnt sie, meist verliert sie), in ihren Aufzeichnungen sortiert und benennt sie die Menschenexemplare ihrer Umgebung und erweist sich als helle Beobachterin zäher Machtkämpfe.

Machtkämpfe, die vor allem daraus bestehen, erst im richtigen Moment aufzufallen. Ihrem Vater Henry Grey gelingt das nicht. „Er war nicht nur so dumm, dass niemand eine Gefahr in ihm sah, er war so dumm, dass er es dennoch schaffte, seinen Kopf zu verlieren.“ Mary ist nicht freundlich, die Abwesenheit von Liebe, Mitgefühl, Glück ist konstituierend für die Welt von „Wie Ihr wollt“: Verschwiegen und doch ausgesprochen, in der wie eingeebneten, flachen Sprache, in der nur kleine Beulen von Boshaftigkeit sich erheben.

Ein einziges Mal, erzählt Mary, als sie gleichmütig verheiratet wird, habe sie sich wie eine Frau gefühlt. Sie ist darauf eingestellt, dass Menschen von ihr schockiert sind. Ein Automatenmonster in Bärenform interessiert sie. Sie ist nicht überrascht, als ihre Dienerin ihr wieder einmal den Teufel austreiben möchte. „Weiß nicht einmal, in wie viele Aschekreise ich schon getreten bin beim Aufstehen.“ Sie hasst, aber sie jammert nicht. Richtung Thron ist sie die „Unwahrscheinlichkeit“. Sie ist trotzdem vorsichtig.

Vieles schwingt mit. „Wie Ihr wollt“ berichtet von Ereignissen, ohne die das elisabethanische Zeitalter nicht zu verstehen ist: nicht der angepasst wirkende Willen Shakespeares, die Etablierung der Tudor-Herrschaft zu befürworten, nicht die Rolle Elisabeths I. als Garantin für bürgerkriegsfreie Jahrzehnte. Der Leser wird sich noch an andere Zeiten erinnert fühlen und vielleicht etwa auf den Stalinismus kommen. Mahlke erzählt knochentrocken und aus Nahsicht vom Versuch, in einer denkbar unübersichtlichen und sich ständig ändernden Gemengelage den Tag, die Woche ohne Verhaftung, Folterung, Ermordung zu überstehen.

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