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Buchpreis Shortlist Das muss, das wird der Durchbruch sein

Hausbesuch in Offenbach: Hier wohnt der gebürtige Wiesbadener Frank Witzel seit einen Vierteljahrhundert. Sein Opus magnum unter dem fabelhaften Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Frank Witzel lebt seit 25 Jahren in Offenbach. Foto: Alex Kraus

Eine winkelige Stiege führt hoch hinauf zur Wohnung des Dichters. Unterm Dach, geradezu eingebettet in die Laubkronen alter Bäume ringsum, lebt und arbeitet Frank Witzel. Wir befinden uns in Offenbach, wo es am schönsten ist: Eine Straße mit backsteinernen Bürgerhäusern der Jahre 1904 bis 1906, denkmalgeschützt, von wildem Wein umrankt. Die Nachbarin mit Kopftuch fegt hingebungsvoll den Hinterhof. Im Grün dort ein Gartenstuhl mit Tischchen, wie geschaffen zum Schreiben.

Doch der Schriftsteller dementiert alle romantischen Wunschvorstellungen: „Hier arbeite ich nicht, schon wegen des Fluglärms.“ Nein, der phantasievollste, überbordendste, detailversessenste deutsche Roman der Saison ist in vier Jahren am Schreibtisch entstanden, aber er versammelt Erfahrungen eines 60-jährigen Lebens. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am 12. Oktober im Frankfurter Römer verliehen wird. Eine tolle Anerkennung für dieses wild gepuzzlete Zeitpanorama der 60er und 70er Jahre. Der Autor schüttelt fassungslos den Kopf: „So ganz hat sich das bei mir noch nicht gesetzt. Ich freue mich riesig!“

Von Selbstzweifeln heimgesucht

Für den gebürtigen Wiesbadener, der seit einem Vierteljahrhundert in Offenbach lebt und die Stadt liebt allen Unkenrufen zum Trotz, ist es der größte Erfolg eines immer wieder von Selbstzweifeln heimgesuchten Autorenlebens. Wie hat er gekämpft um diese 800 engbedruckten Seiten, war schon „kurz davor aufzugeben“, da erhielt er für das unvollendete Manuskript den Robert-Gernhardt-Preis. Eine wichtige Ermutigung. Der getrocknete Blumenstrauß von der Preisverleihung steht noch hinter ihm in der Vase – als Glücksbringer.

Der Ich-Erzähler und seine Freunde, also Claudia und Bernd und andere Pubertierende, erleben da eine Kette haarsträubender Abenteuer. Gleich am Anfang, wo die Bullen dem NSU Prinz der Rebellen mit ihrem Mannschaftswagen, dem berühmten VW T2, hinterherhetzen, dass es eine Lust ist, und die Kugeln nur so spritzen in den Schnee. Die Flüchtigen haben nur eine Wasserpistole, um zurückzuschießen. Sie entkommen und verabreden sich dann, um über die Mathe-Hausaufgaben für Montag zu reden.

Und so bleibt es die 800 Seiten über. Meisterhaft verwebt Witzel Zeitgeschichte mit Teenie-Phantasien. Und der geneigte Leser und die geneigte Leserin dürfen sich dann verwirrt fragen, wo sie gerade sind, im Phantasiereich oder in der Realität. Für die Rebellen gerät so der biedere Turnverein Biebrich (TVB) zu den Tupamaros Von Biebrich, Untergrundkämpfern, in ständiger Gefahr, entdeckt zu werden.

Natürlich spiegeln sich da die blutigen und bleiernen 70er Jahre der Bundesrepublik, in denen sich der Terror der Rote Armee Fraktion mit den Repressionen des Staates kreuzten. „Ich habe überlegt, wie kann ich mich diesem Thema am besten nähern“, sagt Witzel, „und ich habe so getan, als wäre die RAF im Volksgut verankert.“ Und getreu dem Motto, dass Kindermund Wahrheit kundtut, presst Witzel das Schicksal der RAF-Gefangenen von Stuttgart-Stammheim sogar in Knüttelverse: „Jeden Tag schon in der Früh / versalzt der Baader uns die Brüh / Und wenn es Mittag läut, /sich auch die Meinhof freut. /Doch abends um halb acht, / Der Schutzmann sie bewacht.“

„Ich nehme mir die Freiheit“

Das mag nicht jedem gefallen. Aber, sagt Witzel, „ich nehme mir die Freiheit“. Unzählige Exkurse und „sehr harte Schnitte“ bestimmen den Text. Jede Menge Musik und Pop-Kultur laden die Seiten auf. Es gibt Kurzporträts und Erzählungen in der Erzählung.

„Ich möchte die Realität als Realität denunzieren.“ Wurden den toten RAF-Gefangenen tatsächlich die Gehirne entnommen? Ja, stimmt. Bekam RAF-Mitglied Irmgard Möller Orgelunterricht in der gleichen katholischen Kirche, die der Protagonist später als Konfirmand besuchte? Ja, so war es.

„Ich folge den Figuren in ihre Phantasie hinein“, so beschreibt der Autor seine Vorgehensweise, betont aber zugleich: „Es ist kein magischer Realismus“, so wie ihn Gabriel García Márquez oder Alejo Carpentier praktizierten, „wo dann die Figuren plötzlich fliegen können“. Dazu ist Witzels Prosa wieder zu sehr in der Wirklichkeit geerdet. Ein „Verhörer“ taucht da immer wieder auf, der den Figuren kritische Fragen stellt und sie auf den Boden zurückholt.

Letztendlich ist die poetische Methode Witzels eine der Distanzierung: Er hält sich die bleierne Zeit ein Stück weit vom Leibe, die eben nicht nur bleiern war, sondern auch witzig. Und wo der Wahnsinn um die Ecke lauerte. Am Ende landet der Ich-Erzähler im Sanatorium. An einer Stelle im Roman heißt es: „Das ist doch eine ganz brauchbare Definition von Wahnsinn: dass einem nichts anderes mehr übrig bleibt. Und wie jeder Wahnsinn tarnt sich auch dieser zuerst mit Normalität. Dann wartet er... .“

Die „Materialsammlung“ für den Roman habe 15 Jahre gedauert, sagt der 60-Jährige. Natürlich sei alles „verflochten mit der eigenen Biographie“, das „kann ich nicht leugnen“. Natürlich nimmt der Wiesbaden-Kenner jede Menge Lokalkolorit auf.

Witzel gießt grünen Tee ein für den Besucher. Der Autor ist sich treu geblieben. Schon in seinem Roman „Bluemoon Baby“ von 2001 begegnet man Elementen des Fantasy- und Kriminalromans, einem knochenlosen Spion zum Beispiel. Und auch hier ist Pop und Rock zu hören, wenn man nur genau hinhört.

Leider ist „Blue Moon“ wie auch anderen Werken von Witzel nicht die ganz große Aufmerksamkeit zuteil geworden. Jetzt aber hat der freundliche, ruhige Autor sein Opus Magnum vorgelegt – und das muss, nein, das wird der Durchbruch sein. „Im Grunde“, schreibt Witzel, „konnte ich die letzten Jahre nicht schreiben, weil mir das Gefühl der Peinlichkeit meinem eigenen Leben gegenüber die Sprache geraubt hatte.“ Zum Glück für uns hat Frank Witzel diese Schwelle überwunden.

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