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Buchmesse Leipzig Lesen ist keine Selbstverständlichkeit

Reden von Furcht und Zorn bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse.

Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
Die norwegische Autorin und Journalistin Åsne Seierstad in Leipzig. Foto: dpa

Mit heutzutage gar nicht so allgemein wirkenden Bekenntnissen zu Meinungsfreiheit, Toleranz und einem vielfältigen Europa ist am Mittwochabend die Leipziger Buchmesse eröffnet worden. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, betonte, Meinungsfreiheit (Buchverlage aus der rechten Szene auf der Messe zuzulassen) bedeute nicht die Absenz von Gegenmeinung (den Protest der Initiative Verlage gegen rechts vor dem Gewandhaus zu begrüßen). Er sei froh, in einem Land zu leben, in dem friedliche Demonstrationen möglich seien, sagte er und erinnerte an das schändliche „Sofortprogramm“, mit dem sich der Börsenverein im April vor 85 Jahren dem NS-Regime angedient habe (um wenig später die Bücherverbrennungen durch den Abdruck entsprechender Titellisten sozusagen bequemer zu machen). „Aus unserem damaligen Opportunismus erwächst Verantwortung.“

Michael Kretzschmar, Ministerpräsident eines Bundeslandes, in dem bei den Bundestagswahlen 27 Prozent der Zweitstimmen an die AfD gingen, zeigte sich erstaunt über die Aufregung rund um die Dresdner Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp. Tellkamp hatte gefordert, man müsse auch rechtspopulistische Thesen „ohne Furcht“ vertreten dürfen, ohne Furcht wohl nämlich, daraufhin als jemand bezeichnet zu werden, der auch rechtspopulistische Thesen vertritt.

Welcher Diskurs wurde eigentlich unterlassen?

Tatsächlich fand Kretzschmar, dass das Problem durch einen „unterlassenen Diskurs“ entstanden sei, was zu einem jener Momente im Leben führen konnte, in denen man sich immer fragt, welcher Diskurs eigentlich unterlassen wurde. Jedenfalls forderte der CDU-Politiker, dem Populismus seine Märtyrerrolle zu nehmen und in die Debatte zu gehen.

Den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt die norwegische Buchautorin und Kriegsreporterin Asne Seierstad für ihre akribische Recherche „Einer von uns“, in der sie über den rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik und seine Opfer schreibt. In ihrer Dankesrede verriet sie ein Geheimnis: „Wenn der Schriftsteller wütend ist, braucht der Leser nicht zornig zu werden … Die Reaktion sollte beim Leser liegen, nicht im Schreibprozess. Um das zu erreichen – die Beschreibung der schlimmsten Ereignisse, Tragödien, der größten Gefühle – brauchen wir die kleinsten Worte.“ Schreiben ist keine Selbstverständlichkeit, Lesen auch nicht. Zwischen 2013 bis 2017, so Heinrich Riethmüller, ist die Zahl der Buchkäufer um 6,4 Millionen zurückgegangen auf knapp 30 Millionen.

Fabelhafter Leipziger Luxus war natürlich, dass als Musikeinlage Andris Nelsons das Gewandhausorchester durch eine Mozart-Sinfonie lenkte.

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