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Buchmesse-Gastland Argentinien Der große Betrug

Missbrauch des Gedenkens: Wie die in Argentinien herrschenden Kirchners die Erinnerung an die Opfer der Militärdiktatur instrumentalisierten. Ein Beispiel dafür wie Rhetorik Politik ersetzt und die Verschwundenen der Militärdiktatur von 1978 bis 1995 ein drittes Mal zu verschwinden drohen.

04.10.2010 21:44
Von Martín Caparrós
Nutzte die politischen Aktivisten von einst für seine Zwecke: Néstor Kirchner, argentinischer Präsident von 2003 bis 2007. Foto: rtr

Die argentinische Militärdiktatur hat, wie man weiß, zahllose Opfer gefordert, und das Wort Gedenken ist eines davon. Memoria, das kann auf Spanisch so viel bedeuten, aber in der Sprache der Argentinier heute ist memoria ein weibliches Substantiv, dem nur eine einzige Bedeutung zugeschrieben ist: Das Gedenken an die Verbrechen der Militärdiktatur 1976 – 1983 und an ihre Opfer.

Aber selbst diese Art des Gedenkens, so monumental und unerschütterlich sie sich auch behauptet, verändert sich. Das Erinnerte changiert je nach Zeitpunkt und Zweck. Memoria, dieses große argentinische Thema der vergangenen Jahrzehnte, durchlief bisher drei ganz unterschiedliche Phasen, und allen dreien ist gemein, dass sie von den Unterlegenen geschrieben wurden.

Argentiniens Reiche, die dank des militärischen Eingreifens ihre Macht erhalten konnten, mussten von Anfang an hinnehmen, dass diese militärische Intervention verteufelt wurde, weil sie in ihren Methoden unmöglich zu verteidigen war. Wie die Geschichte erzählt und erinnert wurde, bestimmten nicht die, die gewonnen, sondern wir, die wir verloren hatten. Aber im Laufe der Zeit änderte sich das Erinnern. Zwischen 1978 und 1995 gedachte man der politischen Aktivisten, die die Uniformierten ermordet hatten, vor allem als Opfer. Als die ersten Mütter der Plaza de Mayo anfingen, auf Ämtern und Behörden zu erscheinen, um ihre verschwundenen Kinder zurückzufordern, da hätten sie zuallerletzt die politische Militanz dieser jungen Leuten erwähnen dürfen, von der sie im übrigen oft sowieso nichts wussten. Deshalb stellten sie ihre Kinder als harmlose Naive dar, die der Schlechtigkeit einer Gruppe von blutrünstigen Perversen anheimgefallen waren.

Diese Lesart wurde von den Menschenrechts-Organisationen übernommen, was sich in dem Bericht „Nunca Más“ – Nie wieder – niederschlug, in dem eine Untersuchungskommission 1984 den Horror zusammenfasste. In diesem Text tauchen die Entführten und Ermordeten als Menschen ohne Vorgeschichte auf, über sie wird ausschließlich insofern berichtet, als sie entführt und ermordet wurden. Deshalb begann man sie im allgemeinen Sprachgebrauch zusammenfassend als Desaparecidos zu bezeichnen, als Verschwundene.

Das änderte sich Mitte der Neunziger. Damals begannen einige von uns, darauf zu beharren, dass man die Verschwundenen ein zweites Mal verschwinden lasse, wenn man all diese Männer und Frauen nur als Objekte der Entscheidungen ihrer Henker und nicht als Subjekte ihrer eigenen Entschlüsse in Erinnerung behalte, indem man sie ihrer eigenen Vorgeschichte enteignet.

Daraufhin wurden einige Anstrengungen unternommen, um den Verschwundenen ihre Lebensgeschichten zurückzugeben. Über ihr Leben und über die Wege, die sie beschritten hatten, wurde mehr bekannt, und so trat immer mehr in den Vordergrund, dass die meisten von ihnen zu Opfern der Diktatur wurden, weil sie sich entschlossen hatten, für eine radikal andere Gesellschaft zu kämpfen als die, die die Uniformierten verteidigten.

Diese neue Art des Erinnerns erlaubte es, den Lebensgeschichten einen weiter reichenden, einen politischeren Sinn zuzuweisen. Und dadurch wurde es auch möglich, daran zu erinnern, dass die Mörder nicht töteten, weil sie pervers waren, sondern weil sie jene Sozial- und Wirtschaftsformation aufrechterhalten wollten, die am Ende triumphierte und zur Grundlage des heutigen Argentiniens wurde. Zugleich begann eine ernsthaftere, besser dokumentierte Debatte über Ziele und politische Praxis jener Aktivisten, samt ihrer Irrtümer und Erfolge.

Bis im Jahr 2003 die Regierung von Néstor Kirchner antrat. Wer weiß, wie dieser Gouverneur einer sehr patagonischen Provinz auf die Idee kommen konnte, die Aktivisten der Siebziger plötzlich als seine historischen Vorläufer, als seine geschichtliche Referenz einzufordern – er, der in seinen zwanzig Jahren lokaler Machtausübung in der Provinz Santa Cruz niemals auch nur das mindeste Interesse an diesem Thema gezeigt hatte. Dafür musste die Geschichte gefälscht werden: Da Néstor Kirchner und seine Frau Cristina nicht die Absicht hatten, die sozialistischen Überzeugungen aufzunehmen, die die Militanten von damals das Leben gekostet hatten, machten sie merkwürdige sozialdemokratische Aktivisten aus ihnen – sie gedachten der Militanz, aber sie entleerten sie des Inhalts und des politischen Ziels. Auf diese Weise konnten diese revolutionären Aktivisten als Ursprungsmythos einer Regierung benutzt werden, die den bürgerlichen Staat in Argentinien rekonstruieren und auf seine Rolle innerhalb des globalisierten Kapitalismus ausrichten wollte.

Wie diese Operation funktioniert, zeigte sich deutlich, als Präsident Kirchner in Vedia, einem Ort in der Provinz Buenos Aires, vor Jahren ein paar Klassenräume und einige Meter Asphalt einweihte. Es bewege ihn, nach Vedia zu kommen, sagte er, weil er in den Siebzigern „einige Verschwundene“ aus Vedia getroffen und mit ihnen debattiert habe, „wie wir ein gerechteres Land, ein besseres Land aufbauen würden“ und dass sich, „als wir davon träumten, keiner von uns vorstellen konnte, dass ich eines Tages als Präsident das verwirklichen würde, was sie sich wohl für Vedia gewünscht hätten“. Seine Kameraden waren im Kampf für den Sozialismus umgekommen, und er sagte, was sie sich für Vedia gewünscht hätten, seien die paar Meter Pflaster und die Klassenzimmer gewesen.

Mit ihrer Strategie erzeugten die Kirchners eine grundlegende Verfälschung: Dass diese Regierung die Konkretisierung des Willens jener Männer und Frauen von damals sei. Das ist erstaunlich: Denn jede Analyse der jeweiligen Vorstellungen der einen und der anderen fördert völlig unversöhnliche Widersprüche zutage. Aber in einer Gesellschaft ohne gemeinsames Projekt, in der jede Alternative durch billigsten Pragmatismus ersetzt wurde, kann die Rhetorik den Platz der Politik einnehmen. Einige Intellektuelle haben sich mit diesem bisschen Redekunst beschieden und die Augen verschlossen vor dem, was sie umgibt. Sie haben sich einlullen lassen. Sie haben im Übrigen noch dazu beitragen, diese Verwechslung zu verbreiten und zu verallgemeinern. Gerade deshalb meinen viele Argentinier, dass die, die sie heute regieren, genau jene politischen Aktivisten von 1970 seien. Folglich glauben sie, die Ausübung der Macht bewirke, dass diese angeblichen revolutionären Aktivisten heute ihr gemeinstes Gesicht zeigten: Weil sie lügen, weil sie drohen, weil sie sich bereichern. Was wiederum den führenden Köpfen des Establishments erlaubt, die herkömmlichen Formen des Gedenkens zu revidieren. Über Jahrzehnte hinweg mussten sie unter dem Druck der Gesellschaft das Bild von den gutwilligen jungen Menschen hinnehmen, die für ihre Überzeugungen starben.

Nach den unverfrorenen Manövern der Regierung spüren sie nun, dass sie wieder auf das Bild zurückgreifen können, dass ihre Massenmedien schon 1976, zu Beginn der Diktatur, gezeichnet hatten, um das Morden zu rechtfertigen: die politischen Aktivisten als gewalttätige, gefährliche, falsche, böse Menschen, voller Hass und Habgier, die das verdient haben, was mit ihnen geschah.

Die Gesellschaftsschicht, die die soziale, wirtschaftliche und politische Schlacht mit dem Putsch von 1976 gewonnen hatte, kann jetzt, dank des großen kirchneristischen Betruges, zum kulturellen Gegenangriff blasen: Nun wollen sie auch die Formen der Erinnerung kontrollieren. Bücher, Artikel, Fernsehdebatten – der Kampf findet schon auf der Straße statt, und er ist hart.

Übersetzung: Wolfgang Kunath

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