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Buchkultur Rettet uns vor den Gorillas

Bibliodiversität lautet der Begriff, der jetzt zu einem Gespräch im Literarischen Colloquium Berlin geführt hat.

Secondhand-Buchladen
In einem Buchantiquariat. Foto: rtr

Wenn ein neuer Begriff die Öffentlichkeit erreicht, beschreibt er entweder ein Ding, das es zuvor noch nicht gegeben hat, wie das Smartphone oder die Datenbrille. Oder er fasst eine Entwicklung zusammen, für die bis dato nur Beschreibungen existierten. Dieser Art ist das Wort, dessen Geburt am Mittwoch im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) angezeigt wurde: Bibliodiversität. Als Zeugen waren eingeladen die australische Dichterin und Verlegerin Susan Hawthorne, Berlins Kultursenator Klaus Lederer und der Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe.

Bibliodiversität ist sichtbar verwandt mit dem Begriff Biodiversität, der die Vielfalt und Lebendigkeit der ökologischen Systeme beschreibt. Analog dazu bezeichnet das Biblio-Wort eine Verlags- und Buchhandelslandschaft, in der kleine neben großen Unternehmen bestehen, Spezialinteressen genauso bedient werden wie der Mainstream. Susan Hawthorne, seit Jahrzehnten aktiv für feministisches und unabhängiges Publizieren, hat das Wort bei chilenischen Kollegen aufgelesen, dann gehegt, gepflegt, geschärft.

2014 veröffentlichte sie das „Manifest für unabhängiges Publizieren“ in ihrer Spinifex Press in Australien. Jetzt hat es der Berliner Verbrecher Verlag herausgebracht, sorgsam übersetzt von Doris Hermanns und um Erläuterungen zur Lage in Deutschland ergänzt. Der Verbrecher Verlag steht beispielhaft für die Situation in Deutschland, wo kleine Verlage sich zwar keine große Werbung leisten können, aber dennoch Aufmerksamkeit bei Medien und Buchhandel finden. In dem Jahr, als Hawthornes Manifest im Original erschien, erhielt er auf der Leipziger Buchmesse den Kurt-Wolff-Preis für unabhängige Verlage.

Das Gespräch zeigte schnell, dass für Alarmismus in Deutschland kein Anlass besteht, für Sorge schon. Susan Hawthorne beschrieb die Situation in Australien, wo die Buchhandelsstruktur schwierig sei, wo internationale Großverlage profitgetrieben erfolgreiche Bücher in ähnlicher Weise fortsetzen. Jonathan Landgrebe verwies darauf, dass aus vielen Ländern bewundernd auf Deutschland geschaut werde, wegen der Verlagsvielfalt und großen Buchhandlungsdichte. Hier dräuen andere Gefahren, als von Hawthorne beschrieben, denn hier ist nicht die (durchaus vorhandene!) Konzentration der größte Feind der Bibliodiversität, sondern die europäische und internationale Markt-Politik mit ihren rechtlichen Auswirkungen.

Eine erste ist im vergangenen Jahr im VG-Wort-Urteil für kleine und mittlere Verlage schon bitter zu spüren gewesen; es verpflichtete sie, Einnahmen an Autoren zurückzuzahlen. Wächter des EU-Rechts und transatlantischer Regelungen betrachten das Verlagswesen als Teil der Wirtschaft, missachten dessen besondere Aufgabe als kulturelle Institutionen. Darauf machte Klaus Lederer aufmerksam, sehr deutlich, fundiert und gewürzt mit kämpferischen Vokabeln gegen die „Landnahme des Kapitals“, wie es sich für einen Linken-Politiker gehört. Der Markt wolle Prozesse vereinnahmen, die eigentlich nicht ökonomisch seien. Da hätte die Moderatorin nachhaken können. Und daneben wirkte die Hauptperson des Abends, Susan Hawthorne, etwas verloren, die vielleicht gern von Amazon, Google und Apple gesprochen hätte, den „drei Gorillas“, wie sie sie nannte.

Die Einflussmöglichkeiten des Großhändlers Amazon – etwa, als er vor drei Jahren im Streit mit den Verlagsgruppen Hachette und Bonnier auch in Deutschland die Auslieferung von Büchern verzögerte – wurden trotzig beiseitegeschoben. Auch die Buchpreisbindung als wichtigstes Mittel zum Erhalt der Vielfalt hierzulande wurde nur kurz erwähnt, als könnte man durch das Aussprechen ihrer Gefährdung böse Geister heraufbeschwören. Als Gegenmittel ist Hawthornes Buch jedenfalls sehr nützlich. Es schärft den Blick für die Gefahr.

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