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Buchkritik "Untergetaucht" Es einfach nur überleben

Die Jüdin Marie Jalowicz taucht 1942 unter und versteckt sich drei Jahre in Berlin. Ihre Memoiren erzählen von der Schwere des alltäglichen Lebens, sexuellen Übergriffen und einfachen Berlinern, die ihr Unterschlupf gewähren.

Marie Jalowicz als junge Frau.

Auch wer im Prinzip weiß, dass es Juden gab, die den Holocaust überlebten, indem sie in Deutschland untertauchten und sich jahrelang versteckten, kann staunen über die Erinnerungen von Marie Jalowicz Simon. Denn erst, wenn es wieder an die konkrete Geschichte geht, wird deutlich, wie das rasch Sagbare aus Hunderten Tagen und Abertausenden Stunden besteht, die einzeln bewältigt werden müssen. Die nächste Unterkunft, die nächste Mahlzeit, die nächste Lüge, später auch: die nächste Bombennacht. Aber auch das langsame Vergehen der Zeit in unwirtlicher Umgebung, meist zu Untätigkeit verdammt, manchmal als Haushaltssklavin missbraucht.

Marie Jalowicz ist ein junges Mädchen, immer wieder wird sie Opfer sexueller Übergriffe. Man begreift, wie das Teil einer rechtlosen Zwangslage ist, aber auch, wie selten oder mit Jahrzehnten Verspätung darüber gesprochen wird (auch die Vergewaltigungen durch russische Soldaten am Kriegsende betreffen sie noch, man hat den Eindruck, für sie ist das eher etwas Peripheres).

Da Todesangst kein Zustand ist, der über Jahre aufrecht zu erhalten wäre, bleiben Antipathie und Abscheu nicht aus, gegen Menschen, selbst hilfreiche Menschen, gegen hygienische Zustände. Und gegen eine Umgebung, die einem in Erziehung und Bildung unterlegen ist. Es ist nicht das gut- bis großbürgerliche Umfeld der Eltern, in dem die Anwaltstochter und Abiturientin Hilfe in höchster Not findet. Es sind einfache Berliner, ehemalige Hausangestellte, Arbeiter, Tunichtgute, die ihr Unterschlupf auf Zeit gewähren, ihr Tipps geben, an wen sie sich als nächstes wenden kann. Marie Jalowicz geht daraus als überzeugte Kommunistin hervor, die sich gleichwohl fest vornimmt, keinen Nichtjuden und keinen ungebildeten Mann zu heiraten.

Zwischendurch wohnt sie bei einem syphilitischen Nazi, der behauptet, er könne Juden riechen. Nun, er kann es offenbar nicht. „Ich muss es einfach nur überleben“, sagt sie sich.

Es muss ein Entweder-Oder gewesen sein: Entweder sie erzählt alles oder nichts

Marie Jalowicz Simon (1922-1998), die später eine Professur für Antike Literatur- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität hatte und eine Familie gründete, hat die Geschichte ihres fast drei Jahre währenden Lebens als Untergetauchte erst spät erzählt. Man ahnt, dass es ein Entweder-Oder gewesen sein muss, entweder sie erzählte alles oder sie erzählte so wenig wie irgend möglich. Ihr Sohn Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, hat es ihr, wenn man ihn recht versteht, quasi abgerungen, indem er schließlich einfach das Tonbandgerät anstellte. Aus 77 besprochenen Bändern, 900 Seiten abgeschriebenem Wortlaut stellten er und die Autorin Irene Stratenwerth das vorliegende Buch „Untergetaucht“ zusammen, recherchierten den genannten Personen hinterher, waren verblüfft über das gute Gedächtnis seiner Mutter, das viel Nachprüfbares korrekt gespeichert hatte.

Der Zufall, liest man in Hermann Simons aufschlussreichem Nachwort, interessierte später die Geisteswissenschaftlerin, aber der Zufall begleitet auch den Leser zuvor 400 Seiten lang. Maries Eltern sterben früh, als Zwangsarbeiterin bei Siemens macht sie schlechte, aber auch gute Erfahrungen mit Nazis und Nazigegnern. Illusionslos beobachtet sie, wie immer mehr Berliner Juden ihren Deportationsbescheid erhalten. Sie entscheidet (denn vieles, aber nicht alles ist Zufall): „Was auch immer mit diesen Leuten geschehen würde, es würde nicht mit mir geschehen. Ich würde nicht mitgehen.“ An einem Junitag 1942 entzieht sie sich ihrer behördlichen Existenz. Mit falschen Papieren versucht sie vergeblich, doch noch das Land zu verlassen. Sie stellt fest: Nirgendwo fällt sie weniger auf als in Berlin. Sie berlinert notfalls mit erheblicher Schnauze, sie kennt sich aus, sie wirkt weder ängstlich noch „jüdisch“. Sie trifft Menschen, die ihr so spontan und mutig helfen, dass sie sich selbst wundert. „Wenn ich überlebe und ein anständiger Mensch bleibe, werde ich mein ganzes Leben lang versuchen, genau hinzuhören, ob jemand mich braucht.“

Denn ums Überleben geht es in erster Linie, dazu um einen ethischen und geistigen Mindeststandard. Alles ist ihr möglich, aber sie muss wissen, dass es vorüber gehen wird. Ihre Entschlossenheit, keinen inneren Schaden zu nehmen, ist beeindruckend. Wie schwer das ist, zeigt ihre kluge spätere Wendung, es sei kaum möglich gewesen, wieder „richtig aufzutauchen“. Diese Geschichte erzählt auch davon, dass es in bestimmten Notlagen unabdingbar ist, jung zu sein. Es gibt unbegreifliche Momente fast von Glück. „Ich fühlte mich in dieser Wohnung zeitweise so wohl“, heißt es über die Zeit bei einer „Nazisse“, „dass ich eigentlich nicht weiß, was ich dazu sagen soll.“ Es gibt komische, skurrile Szenen, es sind Einblicke einer gescheiten Außenstehenden, die unter Nazideutschen ihre Beobachtungen macht und neben Fanatismus und Raffgier auch Galgenhumor und Defätismus findet.

Marie Jalowicz Simon als betagte Berlinerin erzählt selbstverständlich aus dem Rück- und Überblick, vor allem aber faszinierend aus der Lamäng, nicht schnodderig, aber geradeheraus. Sie ist mit dem Leben beschäftigt, nicht mit dem Tod.

Hören Sie hier einen Mitschnitt aus den Tonbandaufnahmen.

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