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Buchkritik "Nullzeit" Warum musste Emil sterben?

Juli Zehs neuer Roman „Nullzeit“ ist zeitgenössisch und blitzgescheit, aber ein schwacher Psychothriller.

Juli Zeh:Nullzeit. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2012. 256 S., 19,95 Euro.

Es ist möglich, hier an Patricia Highsmith zu denken, wie der für den Klappentext zuständige Verlagsmitarbeiter es offenbar tat. Die Szene ist südlich, das Wetter gut, das Personal lässt die Schwerreichen auf jene treffen, die sich durchschlagen. Mögliche mörderische Pläne tun sich in den Köpfen der Figuren oder vielleicht auch nur im Kopf des Lesers auf. Wesentliche Szenen spielen auf Schiffen. Auch jene, bei der nur die Sonne Zeuge ist, wenn jetzt etwas Schlimmes passiert.

Es ist jedoch auch ganz fatal, bei der Lektüre dieses Romans etwa den „Talentierten Mr. Ripley“ vor Augen zu haben. Denn „Nullzeit“ ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Roman von Juli Zeh. So zeitgenössisch, dass im fünften Satz bereits „für eine geregelte Insolvenz der Griechen“ plädiert wird. So blitzgescheit, dass wenige Sätze später die üblichen Argumente ausgetauscht sind und alle erwartungsvoll auf den Erzähler blicken: „Im Ausland ist jeder Deutsche Angela Merkels Pressesprecher.“ So geschickt, dass der Erzähler zu diesem Zeitpunkt bereits klargestellt hat: „Ich interessierte mich nicht für Politik. Um den ganzen Tag Nachrichten im Internet zu lesen, hätte ich nicht auswandern müssen.“ Darum ist das Thema Finanzkrise bald erledigt, wabert aber incognito durch den Roman, verborgen hinter undramatischen Zukunftssorgen, platzenden Privatträumen und dem brachialem Hedonismus der oberen Zehntausend.

Die 38-jährige Juristin Zeh, die seit ihrem Romandebüt „Adler und Engel“ (2001) vieles und vieles sehr erfolgreich ausprobiert hat, braucht auch diesmal also keinen Anlauf. Beneidenswert leichthändig scheint sie zu voranzukommen, oder sie will den Leser von den Mühen des Schreibens jedenfalls nichts spüren lassen. Auch im Folgenden bleibt das so: Zeitgenössisch, blitzgescheit, geschickt. Zwei Seiten später kennt man das Credo des Erzählers, der Sven heißt, in ein paar Tagen 40 wird und als Tauchlehrer auf Lanzarote arbeitet: „Weil ich mir angewöhnt hatte, keine Urteile zu fällen, kam ich mit allen gut zurecht.“ Deutschland ist ihm das Kriegsgebiet, die „Urteilsfront“. Man erfährt, wie es dazu kam – ein traumatisches Erlebnis beim juristischen Examen, eine tolle Geschichte aus dem universitären Leben. Man erfährt, dass seine Politik des „Raushaltens“ ihm jetzt aber voraussichtlich nicht mehr hilft. Man erfährt, dass sein friedliches, neutrales Auswandererleben nach dem Buch ein Ende gefunden haben wird: „Der einzig passende Ort für all das ist die Vergangenheit.“

Man erfährt auch viel über das Tauchen. „Nullzeit“ ist die Zeit, die ein Taucher unter Wasser bleiben kann, ohne beim pausenlosen Auftauchen seine Gesundheit zu gefährden. Denn das Auftauchen ist viel langwieriger als das Abtauchen. Und aus einer Geschichte wieder herauszukommen, ist viel schwieriger, als in sie hineinzugeraten. Juli Zehs Bilder gehen grundsätzlich auf, und sie kommen Schlag auf Schlag: Das Meerestosen „war ein Geräusch, das einen bewohnte“. Als Svens Lebensgefährtin der wunderschönen Tauchschülerin Jola die Hand gibt, „sah das aus, als hätte man zwei Frauen aus verschiedenen Filmen in einem Trickbild zusammengeschnitten“.

Jola ist die Tochter eines Topproduzenten, würde als Schauspielerin aber lieber auf eigenen Füßen stehen, was bisher keineswegs gelang. Ihre Rolle in der TV-Serie „Auf und Ab“ (AuA) hat bisweilen eine verdächtige Ähnlichkeit mit ihren Auftritten Sven gegenüber. An ihrer Seite in überbordender Hassliebe ein alternder Schriftsteller, der nach einem verheißungsvollen Debüt offenbar nichts mehr zustande brachte. „Jola nennt es Schreibkrise, ich nenne es Geduld.“ Jolas Tagebuch wird eingeschoben, eine etwas simple Angelegenheit, bis man merkt, dass sie an wesentlichen Stellen das Gegenteil von dem erzählt, was Sven berichtet.

Wer hat Recht? Warum schreibt einer die Unwahrheit? Warum glauben wir automatisch dem, der mit dem Erzählen angefangen hat? Wie einst in Hitchcocks „Roter Lola“? Daran darf man aber sogar auf keinen Fall denken. Denn Juli Zeh will oder kann keinen Abgrund auftun, oder bloß einen, in den die Figuren purzeln könnten. Der Leser, statt zu schaudern oder zu hadern, schaut lediglich zu, bewundert Svens Juli-Zeh-kluge Kommentare – „Wer nicht die Wahrheit sagte, log noch lange nicht“ –, staunt über die Schlichtheit der Konstruktion – die Schattenseite der leichten Hand, könnte man sagen – und folgt dem Geschehen ohne größere Sorge und schließlich enttäuscht. Denn für einen Psychothriller hat das trotz wallender Leidenschaften zu wenig Psycho und zu wenig Thriller. Wobei ersteres weniger stört, weil die Psychologie potenzieller Psychopathen bekanntlich nicht filigran sein muss. Zweiteres ist bitterer, weil Zeh die Erwartungen tüchtig nach oben schraubt.

Man kann zwischendurch kaum glauben, dass nach solchem Aufwand das einzige Todesopfer ein treuer kleiner Gecko namens Emil sein sollte. Als Drei- beziehungsweise Vierecksgeschichte ist „Nullzeit“ hingegen ein solides Buch. Zeitgenössisch, blitzgescheit, geschickt. Verfilmbar übrigens auch, das ergäbe genau die Hauptrolle, von der Jola, die so toll aussieht und so gnadenlos viel dafür tut, träumt.

Die schönsten, aber wenigsten Seiten sind die gesellschaftssatirischen. Die schönsten Sätze wiederum nimmt man gegen alle Vernunft (Sven haben sie nichts genutzt) mit herüber ins eigene Leben: „Neunzig Prozent aller Probleme erledigten sich von selbst, wenn man Ruhe bewahrte.“ – „Sex stellt eine starke Form der Einmischung dar.“ – „Noch in der Hölle hätte ich sie an ihrer Zahnlücke erkannt.“

Dass die Einzelsätze mehr sind als das ganze Buch, ist aber ein echtes Problem.

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