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Brigitte Glaser "Bühlerhöhe" Adenauer und die junge Kibuzznik

Brigitte Glasers Thriller über einen fiktiven Anschlag auf den Kanzler, der von einer Jüdin verhindert werden soll.

09.08.2016 15:16
Markus Schwering
Bundeskanzler Konrad Adenauer (2.v.r.) im Gespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion (2.l.), 1960 in New York. Foto: © epd-bild / Wundshammer/Bundes

Attentate auf Adenauer? Ja, die gab es tatsächlich. Genauer: Es blieb bei Versuchen, der erste Kanzler der Bundesrepublik starb bekanntlich mit 91 Jahren friedlich in seinem Rhöndorfer Bett. Aber auch die Versuche waren mörderisch: Die Entschärfung einer direkt an Adenauer adressierten Briefbombe etwa kostete einen Münchner Sprengmeister im März 1952 das Leben. Aus welchem Milieu kamen die Mordpläne – aus dem alter Nazis, eines kommunistischen Geheimdienstes, aus der Dritten Welt?

Falsch. Urheber war eine radikale zionistische Untergrundorganisation in Israel, die nicht wollte, dass der junge jüdische Staat aus Deutschland Wiedergutmachungszahlungen für den Holocaust und damit „Blutgeld“ annahm. Der Kanzler hingegen war – in Übereinstimmung mit der Regierung des um seine Existenz kämpfenden Judenstaates – ein entschiedener Verfechter solcher Zahlungen. Und er war es nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch, weil er darin eine Chance sah, seinen künftigen westlichen Bündnispartnern die definitive Abkehr Nachkriegsdeutschlands vom Ungeist der Vergangenheit zu signalisieren. Indes war das entsprechende Gesetz auch in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, in deren Köpfen es eben doch noch ziemlich braun aussah, verhasst, und Adenauer konnte es 1952 nur mit den Stimmen der Opposition im Bundestag durchbringen.

Die frühe Republik in innen- wie außenpolitisch schwerer See mithin. Die Kölner Autorin Brigitte Glaser verortet in dieser historisch verbürgten Konstellation ihren neuen Roman, in dem es nicht einmal mehr um die Köchin Katharina Schweitzer geht, sondern eben um ein Attentat auf Adenauer anlässlich von dessen Ferienaufenthalt im Hotel Bühlerhöhe bei Baden-Baden im Sommer 1952.

Authentische zeitgeschichtliche Atmosphäre

Wohlgemerkt: Dieses Attentat in Baden-Baden im Gegensatz zu dem Briefbombenattentat gab es nicht, und Adenauer verbrachte seinen ersten Urlaub auf der Bühlerhöhe tatsächlich erst ein Jahr später – als das Gesetz längst verabschiedet und aus der ganzen Sache sozusagen „die Luft raus“ war. Aber der authentischen zeitgeschichtlichen Atmosphäre des Buches tun diese sachten Fiktionalisierungen keinen Abbruch.

Die im Nordschwarzwald geborene Autorin hat nicht nur den Ort der Handlung mitsamt seiner Geschichte, sondern auch Lebenswelt und -gefühl der frühen 50er Jahre gründlich recherchiert. Dabei geht es um mentale Befindlichkeiten, um Traumata, Neurosen und Verdrängungen bei Opfern wie Tätern genauso wie um die Oberflächenphänomene der Mode und der Essgewohnheiten im Wirtschaftswunderland – selbstredend in der Perspektive der die Bühlerhöhe heimsuchenden besseren Kreise.

In dieses Rahmensetting interpoliert Glaser nun gekonnt die ebenfalls fiktive Thrillerhandlung um das zu verhindernde Attentat. Von den Plänen hierfür hat zumal der israelische Geheimdienst Mossad Wind bekommen, der daraufhin die junge, ursprünglich aus Köln stammende Kibuzznik Rosa Silbermann mit dem Auftrag auf die Bühlerhöhe schickt, Adenauer zu beschützen. Die junge Schöne ist keine Agentin, aber sie spricht die Sprache und kennt die Verhältnisse. Denn ihre Kindheitsferien verbrachte sie mit ihrer dann in Auschwitz ermordeten Familie – auf der Bühlerhöhe.

Die Attentäter-Gruppe ist, so viel weiß man beim Mossad, aufgeflogen, aber einer konnte entkommen – und ist mutmaßlich ebenfalls auf dem Weg in den Schwarzwald. Weil ein weiterer Agent einstweilen nicht eintrifft, muss sich Rosa zunächst alleine zurechtfinden – was ihr einigermaßen schwerfällt. Adenauer ist allerdings noch nicht da, wohl aber seine sicherheitstechnische Vorausabteilung, deren Chef von Rosas Bemühungen nicht viel hält.

Erzählt wird das Ganze allerdings nicht nur aus dem Blickwinkel der jungen Israelin, die hier widerwillig ins Land der Täter zurückkehrt. Hinzu kommen, abschnittsweise alternierend, die Perspektiven zweier weiterer Frauen: Da ist zum einen die misstrauische Hausdame des Hotels, Sophie Reisacher, die ihre eigenen Leichen im Keller hat und sogleich spürt, dass da mit der undercover aus Tanger anreisenden „Frau Goldberg“ etwas nicht stimmt. Und da ist die junge unbedarfte Agnes, Angestellte des benachbarten Hotels Hundseck, die noch aus der französischen Besatzungszeit schlimme Erinnerungen mit sich herumschleppt, die sie schließlich einholen.

Diese Aufspaltung gestattet Glaser, viele Realitätsbereiche in ihre Darstellung zu holen – badisches Hinterwäldlertum und internationale Waffenschieberei, Geheimdienstmauscheleien und Elsässer Liebschaften, Agenten-Machismo, erpresserische Hotel-Intrigen und skurrile Wunderdoktoreien. Ein hochexplosives Minenfeld etabliert sich somit hier – aus Hass und Fanatismus, Gewinnsucht und Niedertracht. Und nicht zuletzt ermöglicht die Perspektiventeilung die üblichen Strategien der Spannungssteigerung – etwa in Gestalt des guten alten Cliffhangers.

Auch sonst handhabt Glaser ihre Erzählmittel mit souveräner Routine: Das Buch nimmt über alle möglichen Nebenaktionen hinweg mehr und mehr Fahrt auf, und den Zeitpunkt, da das Attentat erfolgen muss, weil die Abreise des Kanzlers bevorsteht, taucht die Autorin in die schwül-heiße Luft eines bevorstehenden Gewitters, das alle Beteiligten in Schweiß zergehen lässt und die Gemüter kirre macht. Tatsächlich erfolgt der Mordversuch – und leitet zugleich einen überraschend-unvermuteten Handlungsumschwung ein.

Nicht alles gelingt Glaser gleichermaßen, manches ist unwahrscheinlich, lässt die narrative Apparatur etwas schwach geölt klappern. Dass der Mossad eine für ihren Job weitgehend unqualifizierte Schönheit auf die Bühlerhöhe schickt, dass Adenauers Sicherheitsleute diesen nicht daran hindern, sich ausgerechnet auf den Präsentierteller eines Freiluftkonzerts zu begeben – glaubt man’s?

Überhaupt der Kanzler. Er bleibt auch, als er endlich eintrifft, ähnlich wie in Wolfgang Koeppens „Treibhaus“ eine schattenhafte, lediglich mit rheinischem Dialekt gefüllte Leerstelle. Das muss man indes nicht kritisieren, es geht Glaser schließlich nicht um ein Adenauer-Porträt.

Und allem nachdenklich stimmenden Zeitkolorit zum Trotz ist das Buch vor allem eben dies: ein Thriller und damit ein Unterhaltungsroman. Aber auch damit sei keine Kritik formuliert: Unterhaltung – und vor allem sie – muss gekonnt sein. Brigitte Glaser „kann“.

Brigitte Glaser: Bühlerhöhe. List Verlag, München 2016. 446 Seiten, 20 Euro.

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