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„Brennnesseln“ Wo Heiner Müller irrte, aber Hippokrates nicht

Seit 30 000 Jahren gerne da, wo Menschen sind: Ludwig Fischers Essay über das Leben und Wirken der Brennnesseln.

Brennnesseln
Auch eine Möglichkeit: Brennnesseln-Ess-Wettbewerb in Dorset. Foto: rtr

Auf dieses Buch habe ich gewartet! Nicht dass ich als angehende Kräuterhexe noch ein neues Rezept für Brennnessel-Pesto-Pasta gebraucht hätte. Aber weil im Kleinen ja das große Ganze, im Notgemüse die Medizin und im beißenden Unkraut das Himmlische steckt, schien mir ein umfassender Essay zu allen Aspekten der alten Wunderpflanze überfällig. Zumal in der ziemlich erfolgreichen Naturkundenreihe des feinen Matthes & Seitz Verlages.

Geschrieben hat den Band der gelehrte Kräutergärtner Ludwig Fischer, die Schriftstellerin Judith Schalanski hat ihn wie gewohnt bibliophil gestaltet und mit gezeichneten Abbildungen und farbigem Kopfschnitt ausgestattet. Und da Naturkunde immer auch Kulturgeschichte ist, bekommen wir in dem handlichen Bändchen über die wehrhaften Utricaceae ein adrett fadengeheftetes Sträußchen aus germanischen Legenden und römischen Mythen, Bauernregeln und Sprichwörtern, Etymologie, Bibelstellen, Gedichten und Poesiealbenprosa einschließlich literaturgeschichtlicher Irrtümer. Selbst der Dramatiker Heiner Müller verwechselte das gar nicht so kratzige Nesselhemd mit dem verfluchten Nessushemd.

Weil sie stickstoffhaltige Böden mag, da wo Misthaufen rotten, Männer hinpinkeln und Leichen verfaulen, sucht die wilde Brennnessel seit 30 000 Jahren die Nähe des Menschen, das nennt sich dann Kulturfolger. Die Frau wob feines Tuch aus ihr und wusste schon früh um so „mancherlei Heilkräfte“ des brennenden Krauts.

Die fiesen Brennhärchen heizen schmerzenden Gelenken ein, Hippokrates empfahl sie als Tee zur Blutreinigung, die Samen knusperte man gegen Lungenleiden, Hildegard von Bingen riet zu Schläfenabreibungen gegen die Vergesslichkeit, und in Frankreich wurde sogar 2002 bis 2011 der private Ansatz und Gebrauch des gärtnerischen Wundermittels Brennnesseljauche verboten. Warum?

Leider begnügt sich der Autor mit der Anekdote. Der etwas gemütliche Märchenonkelstil sei dem emeritierten Literaturprofessor verziehen. Seine Skepsis gegenüber den spannenden neuen Erkenntnissen und Forschungen zur Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen (über Botenstoffe, Lichtimpulse, elektromagnetische Felder...) und zu ihren über traditionellen Aberglauben und Hexenwissen weit hinausgehenden medizinischen Wirkungen und nachweislich mineralischen Kräfte, ist etwas schade.

Und dass der 78 Jahre alte Kräuterhobbyologe sich so neumodische Brennnessel-Smoothies mixt, das glauben wir nun echt nicht.

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