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Brecht-Biografie „Das Leben als Leidenschaft“

Stephen Parker legt eine monumentale und faire Brecht-Biografie vor.

Bertolt Brecht
„Aus den denkbar extremsten Elementen zusammengesetzt“: Bertolt Brecht. Foto: epd

Als Privatmensch war er nicht sehr sympathisch. Als Künstler agierte er in der Manier eines Boxkämpfers. Schon der junge, laut und fordernd den Ruhm suchende Bertolt Brecht hielt in einem Brief fest: „Das Gestampfe Kämpfender beruhigt mich, die sich zerfleischen, stoßen Verwünschungen aus, die mich sättigen, und die kleinen bösen Schreie der Verdammten schaffen mir Erleichterung.“ In seiner monumentalen und erfreulich nüchternen Brecht-Biografie stellt Stephen Parker fest: „Er denunzierte die Arbeiten der anderen Künstler und propagierte beharrlich sein eigenes Werk.“

Zum Sozialisten wird er durch den Krieg und angesichts des Zerfalls der Weimarer Republik. Er unterstützt die deutschen Kommunisten auch dann noch, als sie blind den Direktiven der Moskauer Führung folgen. „Die Gläubigkeit der proletarischen Klasse an ihren Endsieg gefällt mir sehr“, notiert er 1938. Er lebt allerdings bis zu seinem Tod wie ein Kapitalist und verhandelt mit der Gerissenheit eines Handelsvertreters mit Verlegern oder Intendanten um Honorare, Tantiemen und Mitspracherechte. In seinen autobiografischen Aufzeichnungen findet sich 1934 die ironische Anmerkung: „Ich bin Stückeschreiber. Eigentlich wäre ich gerne Tischler geworden, aber damit verdient man natürlich zu wenig.“ Wo immer er ist und materiell dazu die Möglichkeit hat, kauft er sich Häuser und Grundstücke. Er ist so von seiner Intelligenz und geistigen Überlegenheit überzeugt, dass er auch noch in den Jahren seines DDR-Aufenthaltes glaubt, seine sozialistischen Ideen und Reformpläne für das Theater der Zukunft gegen die Macht der Bürokraten und Parteibonzen durchsetzen zu können. Um am Ende resigniert einzugestehen: „Wenn die Irrtümer verbraucht sind / Sitzt als letzter Gesellschafter / Uns das Nichts gegenüber“ (Der Nachgeborene).

Brecht bleibt, das kann Parker detailreich ausführen, in schrecklichen Zeiten ein listiger Überlebenskünstler, der angesichts des stalinistischen Terrors vielfach schweigt, Fakten verdrängt oder illusionär auf eine bessere Zukunft verweist. Nach Stalins Tod notiert er: „Ich lobe ihn aus vielen Gründen. Aber zumeist, weil unter seiner Führung die Räuber geschlagen wurden. Die Räuber, meine Landsleute.“ Während des Aufstandes vom 17. Juni 1953, dessen gewaltsame Niederschlagung Brecht rechtfertigt, fordert er in einem Brief an Walter Ulbricht illusorisch von der Regierung „die große Aussprache mit den Massen“ und schließt mit den Worten: „Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszudrücken.“ In seinen „Geschichten vom Herrn Keuner“ heißt es: „Als der Denkende in einen großen Sturm kam, saß er in einem großen Wagen und nahm viel Platz ein. Das erste war, dass er aus seinem Wagen stieg. Das zweite war, dass er seinen Rock ablegte. Das dritte war, dass er sich auf den Boden legte. So überstand er den Sturm in seiner kleinsten Größe.“ 

Sein britischer Biograf lässt aber keine Zweifel an Brechts Genie als Schriftsteller aufkommen. Wundervoll in ihrer Zart- und dabei Direktheit ist seine Lyrik. Und bis heute findet der Theaterbesucher in den modernen Regiearbeiten deutliche Spuren des von Brecht „erfundenen“ Epischen Theaters. Allerdings auch von seinem gelegentlich schlicht daherkommenden Hang zur „Belehrung“ seines Publikums. Parker beschreibt das kenntnisreich und behutsam in den Bewertungen.

Im Zentrum seines Buches steht jedoch das außergewöhnliche Leben eines Intellektuellen in außergewöhnlichen Zeiten. Brecht wächst in Augsburg in einer gutsituierten Familie auf. Die gläubige Mutter prägt ihn tief. „Brechts spätere Parteinahme für Atheismus und Marxismus, nicht zu vergessen sein bravouröser pseudo-lutherischer Tonfall, können nur vor dem Hintergrund seiner tiefgehenden religiösen Erziehung verstanden werden.“ Ein Frühbegabter ist der junge Brecht. Seine Schul- und Studentenfreunde wird er bald ebenso mit seinen Gesängen und Balladen faszinieren, die er mit rauer Stimme und Gitarre präsentiert, wie später seine vielen Frauen und Dichterfreunde. 

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