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Brasilien Schreiben am offenen Herzen

„So enden wir“: Der neue Roman von Daniel Galera ist aufregend dicht an der Wirklichkeit.

Gedanke
„Mich reizte der Gedanke, dass ich mich verlaufen könnte.“ Foto: rtr

Der knapp vierzigjährige brasilianische Autor Daniel Galera genießt international inzwischen außerordentliche Anerkennung. 2013 erschien auf Deutsch sein Roman „Flut“, der von der Presse gefeiert wurde; nun liegt ein weiteres Buch von ihm vor: „So enden wir“. Diesmal hat der Schriftsteller das Ohr dicht am Puls der Zeit. Er beschreibt eine Gruppe von jungen Männern und Frauen, die alle um 1980 geboren sind und sich in nahezu jeder Hinsicht als Avantgarde verstehen.

Sie suchen eine Gegenkultur zur herrschenden zu entwickeln, autonome Zonen innerhalb der brasilianischen Gesellschaft zu schaffen und die Stadt Porto Alegre, wo sie leben, aus ihrer Provinzialität herauszuführen. Sie setzen sich mit aktuellen poststrukturalistischen Theorien auseinander und beteiligen sich an Demonstrationen gegen die Staatsgewalt. Vor allem sind sie Zeugen des Siegeszugs des Internets. Sie verstehen es als neuartiges Publikationsmedium zu nutzen, stellen alles Mögliche ins Netz, Texte für alternative Nachrichten-Seiten, pornografische Geschichten, Filmkritiken oder künstlerische Manifeste.

Im Mittelpunkt der Gruppe steht Andrei Dukelsky, Sohn jüdischer Einwanderer. Er gilt als ungemein talentierter Schriftsteller, dessen Bücher sehr erfolgreich sind, und der ebenfalls im Internet veröffentlicht hat. Der Roman setzt damit ein, dass Dukelsky tot aufgefunden wird, ermordet von einem Straßenräuber. Die Freunde und Freundinnen rätseln nun um diesen allzu frühen Tod, um Geheimnisse, die „Duke“, wie sie ihn nannten, möglicherweise mit ins Grab nehmen wird, um das Schicksal seines Nachlasses.

Galera lässt die Problematik der Gegenwart grell hervortreten. Die digitale Revolution ist Ausdruck und Vollendung einer totalen Quantifizierung des Lebens, einer restlosen Beherrschung von Mensch und Natur. Konstatiert wird die „Profanierung all dessen, was einmal vage, unbegreiflich und erhaben war.“ Marx, Nietzsche und Freud haben Recht behalten, denn ihre Analysen sind gültiger denn je: das Großkapital, der Wille zur Macht und auch die Sexualität drängen nach überbordender Vermehrung. Deshalb werden die jungen Leute auch von apokalyptischen Visionen heimgesucht. Überbevölkerung droht; Nahrungs- und Wassermangel sowie der Klimawandel könnten der Zivilisation den Garaus machen.

Zu bewundern ist, wie Galera auf dieses bedrohliche Szenario als Literat antwortet. Meisterhaft gestaltet er Ambivalenzen, die jener Fixierung von Eindeutigkeit widersprechen, wie sie doch Ziel der hochtechnisierten Moderne ist. So verströmt die Filialleiterin einer Bank großzügig aufgetragenes, sinnlich verwirrendes Parfum, das damit im diametralen Gegensatz zum nüchternen Bankensystem steht, das sie vertritt.

Der Verkehr der Geschlechter ist sowohl von Zärtlichkeit als auch von Gewalt geprägt (der Verweis auf Marquis de Sade und die Widersprüchlichkeit seiner Beschreibungen sexueller Lust ist in dem Buch darum unumgänglich). Erschrocken sieht sich der Mensch hin und hergerissen zwischen der Gier nach Promiskuität und der Sehnsucht nach dem großen, Treue fordernden Liebesdrama. Der Autor weiß sehr genau, dass es erst in solcher Schwebe gelingen kann, das Dargestellte plastisch werden zu lassen.

Es ist ein anderes Denken, das er dem Leser hier vorführt. Er lässt die Geschichte von mehreren Figuren erzählen; auf diese Weise wird der Monolog aufgesprengt und abermals Schwebe erzeugt. Aurora, die eine ökologisch engagierte Doktorarbeit über Zuckerrohr verfasste, mit deren Einsichten sie die Ernährung der Menschheit zu sichern hoffte, begibt sich am Ende von den Millionenstädten weg und hinein ins wilde, dünn besiedelte Innere des Landes. Beherzt wagt sie Desorientierung und Selbstverlust, also gerade den Abschied vom Herrschaftswillen des Subjekts und dessen krampfhaftem Festhalten an Identität: „... mich reizte der Gedanke, dass ich mich tatsächlich verlaufen könnte und womöglich nie mehr zurückfand. Ich ließ die Orientierungspunkte von meinen letzten Spaziergängen hinter mir.“

Jetzt erst – mehr wird nicht verraten – kann es zu eigentlicher Naturbegegnung kommen. In dieser Konsequenz liegt auch, dass am Horizont dieses Romans sogar die Ahnung auftaucht, dass die Romanform mittlerweile selbst fragwürdig geworden sein könnte. Im Bücherregal des Duke findet sich ein Buch des Japaners Mishima, das mit folgendem Satz beginnt: „Seit einiger Zeit spüre ich in mir alle möglichen Dinge, die sich durch eine objektive künstlerische Form wie den Roman nicht angemessen ausdrücken lassen.“

Galera schreibt derart dicht an der Wirklichkeit, dass diese heiß und flüssig vor uns ersteht. Er ist vielleicht der Autor, von dem Ernst Jünger immer geträumt hat und der er nicht hat werden können. Literarische Direktübertragung, Wachheit, Schreiben am offenen Herzen! Aber während Jünger sich vom Bann des dumpfen Mythos und der Vorstellung vom fühllosen, stählern gepanzerten Ich letztlich nicht lösen konnte, kennt der Brasilianer solche Beschränkungen nicht; er schreibt schwerelos, eine Prosa gleichsam im offenen Hemd.

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