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Botho Strauß Sei gegrüßt, Vergessenes. Und erhebe dich, Liegengebliebenes

Das neue Buch von Botho Strauß ist eine Sammlung aus Miniprosa und Aphorismen – sowie eine Überraschung.

Dickie Beau als Ariel und Peter Simonischek als Prospero
Auch Luftgeistern geht es an den Kragen: Dickie Beau als Ariel und Peter Simonischek (r.) als Prospero, 2016 bei den Salzburger Festspielen. Foto: afp

Am Ende dieses Bandes notiert Botho Strauß: „Mein Weg war der der konsternierten Nachfrage ... Wie denn? Wie ist’s nur möglich?“ So meint man diesen Dichter, Essayisten, Welt- und Worteabschmecker zu kennen. Nicht rückwärtsgewandt, aber im Rückwärtigen Tiefe, Trost und Tragfähigkeit erwartend, stets von der Angst begleitet, dass es „bald nichts mehr auf der Welt“ gibt, „dem meine Sprache entspricht“. 

So kennt man ihn aus seinen früheren Sammlungen von Miniprosa, Aphorismen, Gedankenfetzen. Als einen, der wie jetzt in seinem jüngsten Band „Der Fortführer“ ruft: „Sei gegrüßt, Vergessenes. Erhebe dich, Liegengebliebenes!“ Man könne ja gar nicht anders, „man muss einer bestimmten Erkenntnismelodie hinterher.“ Die Melodie des konsternierten, leicht ressentimentgeladenen, vergänglichkeitsseligen Nachfragens, „Intimpartner der Alten“. 
Aber das stimmt nicht. „Der Fortführer“, wieder ein Sammelbuch aus Kürzestprosa und Denkstücken, beweist eindrücklich, dass es durchaus möglich ist, „mit dem eigenen Zungenschlag zu brechen“.

Die Welt mit aufgesperrten Augen betrachten

Botho Strauß tritt hier als ein Mann auf, „der mit sich geteilter Meinung ist“. Der sich befragt, mit sich ringt, zweifelt. Der jenem „zwischen seinen aufgestützten Armen den Kopf hängenlassenden Mann“ gleicht, „der in tiefer Entschlusslosigkeit seine Worte wählt und gleich wieder zurücknimmt“. Der den Leser also an der Gedankenfindung, am Denken selbst teilhaben lässt und nicht zum Abfüllbehälter für Botschaften herabsetzt. Es ist in diesem Band entsprechend ein durchaus anderer, gewandelter Ton vernehmbar. Denn Strauß nimmt hier dankenswerterweise nicht den einfachen Ausweg in die verbitterte Selbststilisierung zum Außenseiter, wie in „Lichter des Toren“ (2013), auch nicht jenen ins selbstverliebte, bedeutungshuberische Raunen, wie in „Oniritti“ (2016).

„Ist das noch die Welt, vor der man getrost die Augen verschließen konnte?“, fragt Strauß jetzt – und findet sich unter jenen, „denen für ewig das Auge aufgesperrt bleibt“. Unter jenen also, die sich das bloße Meinen versagen, die schnellen, billigen Antworten. „Ist nicht alles wie nie?“, heißt es gleich im ersten der fünfzehn Kapitel, von denen nur das letzte einen Titel trägt, den des gesamten Buches. Und die Welt mit aufgesperrten Augen betrachten, heißt Widersprüche erkennen, Verwerfungen, Risse. 

„Ohne eine feindliche Kultur zu entdecken und abzuwehren, scheint die eigene kaum jemanden gewärtig zu sein“, schreibt entsprechend Strauß, und fügt hinzu: „Die feindliche suche man aber nicht zuvörderst in einer fremden, etwa der religiösen oder der sittlichen des Islam, sondern in der auftrumpfenden Banalität, den oberflächlichsten, politischen Bekundungen, mit denen man die Identifikation der eigenen betreibt.“ Das liest sich wie ein tagespolitischer Kommentar zur sogenannten Islam-Debatte – und ist zugleich ein Wink in Richtung der „Narreteien“ aller vereinfachenden Narrative, aller „Verkleinerungsgewinnler“. Strauß verlangt sich Differenzierung ab, gerade auch im Umgang mit der Tradition. In diesem Sinne will auch die Rede vom Fortführen verstanden werden: „Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort.“ Er führt aber auch die Leser fort, „entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften“, lässt sie anders und anderes sehen. 

Dennoch bleibt Strauß sich auch in diesem Buch treu. Dass in aller Hoffnung „ein Virus der Unerfüllbarkeit nistet“ wie es George Steiner gesagt hat, dass der „allem endlichen Leben anklebenden Traurigkeit“ nicht zu entkommen ist, diese seine „unbestechliche Empfindung für die Vergangenheit alles Seienden“ prägt auch viele der hier versammelten Stücke. Strauß nennt sie „Minuzien“, Fingerabdrücke, „noch lieber“ aber „scintillae acrissimae, bitterste Fünkchen“, fest davon überzeugt, dass sie „lautlos und deshalb unvernommen“ bleiben: „Es ist nicht Funkenzeit.“

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