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Boris Schumatsky "Die Trotzigen" Küsse auf den Barrikaden

Boris Schumatskys Schelmenroman „Die Trotzigen“ über den Augustputsch von Moskau, als Panzerfahrer aus der Taiga durch die Straßen irren.

12.08.2016 15:40
Von Cornelia Geissler
Es brannte damals vor dem russischen Weißen Haus. Foto: REUTERS

Anna Iwanowna ist gar keine Russin. Sie fühlt sich aber in Moskau so zu Hause, dass sie ihren deutschen Namen Adelheid russifiziert hat. Manchmal trägt sie sogar ein Kopftuch wie die Mütterchen auf der Straße, nur darf keiner sehen, dass sie sich darunter die Haare rasiert hat. Sascha Potjomkin, ihr Freund und Ex-Freund, perfekt deutsch sprechend, Beinahe-Vater ihres Fast-Kindes, möchte mit ihrer Hilfe nach Deutschland kommen. Er könnte sich auch als Jude einbürgern lassen. Oder vielleicht als schwuler Freund eines gewissen Wolfgang, der sich russischen Homosexuellen zur Verfügung stellt, denn die werden in ihrer Heimat verfolgt.

Es gilt, die bürokratischen Möglichkeiten auszuschöpfen, solange es nicht wieder neue Regeln gibt. Denn der Roman „Die Trotzigen“ von Boris Schumatsky spielt in einer Zwischenzeit. Die Menschen wissen kaum, was die nächste Woche, der nächste Monat bringt. In einem Jahr kann die Gesellschaftsordnung eine völlig andere sein.

Schumatsky konzentriert sich in seinem rasant erzählten Roman auf Anna und Boris, erfindet wichtige Ereignisse zwischen 1989 und 1991 nach und setzt seine Figuren da hinein. Eine knappe Inhaltsangabe findet sich auf dem Cover, direkt unter dem Buchtitel: „Die Geschichte der Revolutionen der Anna Iwanowna und des Sascha Potjomkin zu Zeiten des Augustputsches und wie sie in Kohlenkellern und auf Barrikaden tanzen, vor Ämtern und auf die Liebe warten, miteinander reden und schlafen, von Moskau nach Berlin und wieder zurück.“

Sascha ist in Ost-Berlin, als Gorbatschow zum DDR-Geburtstag zu Besuch kommt und später mit einem Satz über das Zuspätkommen zur Legende wird. In Moskau wartet auf Sascha der Einberufungsbefehl zur Armee, der ihm Alpträume bereitet – es droht der Einsatz in Afghanistan. Anna verteilt Brote und Suppe an die Barrikadenkämpfer vor dem Moskauer Weißen Haus, Seite an Seite mit Saschas Mutter, während der sich von einer Dispatcherin auf dem Puschkinplatz eine Hure zuteilen lässt. Jelzin hält eine abwiegelnde Rede, als Panzerfahrer aus einem Taiga-Städtchen noch durch Moskaus Straßen irren; schließlich nehmen sie Sascha als ortskundigen Anhalter mit. Und natürlich wird das Felix-Dserschinski-Denkmal genau dann gekippt, als Anna davor steht.

Im Stile eines Schelmenromans mischt Schumatsky Realistisches und Fantastisches, dass es ein Vergnügen ist. Vieles, was erfunden scheint, passt in die deutsch-deutsch-sowjetisch-russische, ideologisch aufgeladene Geschichte. Der Autor jongliert lässig mit Fakten und Folklore. Lässig agieren auch seine Helden, Kugeln und Kanonen können ihnen nichts anhaben. Boris Schumatsky studierte in Moskau und Berlin, veröffentlichte 1999 den Roman „Silvester bei Stalin“ und arbeitet heute beim Deutschlandfunk. Als sein Sascha Potjomkin zum zweiten Mal in Berlin ist, bietet man ihm einen Schlafplatz in einem besetzten Haus – in der Rigaer Straße, er befindet sich also wieder hinter einer Barrikade.

Boris Schumatsky: Die Trotzigen. Roman. Blumenbar, Berlin 2016. 384 Seiten, 20 Euro.

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