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Boris Pasternak Ohne Schiwago

Der zweite Band der Boris-Pasternak-Werkausgabe ist da und kommt wirklich gut ohne „Doktor Schiwago“ aus. Die Gedichte und Prosastücke lassen immer wieder betörende Sprachmelodien wahrnehmen.

24.07.2016 18:34
Oleg Jurjew
Boris Pasternak mit seiner Frau Zinaida, 1958 in ihrer Datscha. Foto: AFP

Im Mai 1934 klingelte bei Boris Pasternak das Telefon. „Hier Stalin. Du setzt dich für deinen Freund Mandelstam ein, stimmt’s?“, fragte die unverwechselbare Stimme. Dass er geduzt wurde, verriet der Lyriker erst viel später. Pasternak, ein in der sowjetischen Hierarchie damals hochgestellter Autor, versuchte tatsächlich, das Schicksal Mandelstams zu mildern, doch antwortete er in wahrscheinlichster Zusammenfassung oder doch in etwa so: „Es gab nie eine Freundschaft zwischen uns. Eher im Gegenteil. Seine Gesellschaft war mir immer lästig. Mit Ihnen zu sprechen war jedoch immer mein größter Wunsch!“ – „Wir alte Bolschewiken verleugnen unsere Freunde nie. Worüber wolltest du denn mit mir sprechen?“ – „Über das Leben und den Tod“, antwortete Pasternak. Stalin legte auf.

Boris Pasternak (was übrigens der Pastinak oder die Pastinake bedeutet) wurde 1890 in Moskau als Sohn des Malers und Tolstoi-Illustrators Leonid Pasternak (1862–1945, im Exil) geboren, studierte Philosophie in Moskau und Marburg, träumte von einer Laufbahn als Komponist, hatte jedoch seine musikalische und seine philosophische Berufung aufgegeben und wurde Lyriker, quasi als leichtere Übung. Zu Lebzeiten Stalins hatte er, trotz des zitierten Telefonats, keine besonderen Schwierigkeiten. „Lassen Sie diesen Himmelsbewohner in Ruh‘“, soll der Herrscher gesagt haben.

Freilich war der Dichter im Laufe der Zeit von der „vordersten Front der sowjetischen Literatur“ abgedrängt worden, einfach wegen des im Laufe der 30er und 40er Jahre stark geänderten offiziellen Literaturgeschmacks, für den er nicht zeitgemäß und nicht volksnah genug war (obwohl er sich immer bemühte, seine Poetik in diesem Sinne zu verändern). In den 30er Jahren wurde er noch in wichtige Gremien des Schriftstellerverbands gewählt, in den 50ern hatte er keine Posten inne, übersetzte Shakespeare und Kleist, verdiente entsprechend sehr gut und konnte vielen, die nicht sein Glück hatten, also im Lager waren, mit Geld helfen. Und schrieb an seinem Roman.

1957 erschien „Doktor Schiwago“. In Mailand, auf Italienisch. Heute schlägt die Hypothese Wellen, dass die ein Jahr später erschienene russische Ausgabe, eine Voraussetzung für den Nobelpreis, mit Hilfe und auf Initiative der CIA zustande gekommen sei. Für die von der CIA geplante Kluft zwischen den sowjetischen intellektuellen Eliten und dem Staat habe man Helden gebraucht. Und Märtyrer. Der Nobelpreis von 1958 brachte Pasternak Weltruhm ein und machte seiner Beziehung zum sowjetischen Literaturleben endgültig den Garaus. Die Folge – so Jewgenij, der Sohn des Dichters, als Kommentar zur CIA-Geschichte – sei sein verfrühter Tod gewesen.

Eine Art Sowjet-Konsalik

Wir müssen hier Gott sei dank nicht über „Doktor Schiwago“ sprechen – das ist ein schlechtes Buch, eine Art Sowjet-Konsalik. Nicht nur, weil es einer veralteten Roman-Gattung angehört – dem Familienroman des 19. Jahrhunderts, der unter Einfluss von Eugéne Sue und Maxim Gorki zu einer Mischung aus Groschenheft und Philosophielehrbuch verkommen war. Selbst nach den Regeln dieser Literatur ist er unsicher geschrieben und komponiert. Bereits bei Hausvorlesungen staunten alte Freunde und Bewunderer Pasternaks darüber... Wir sprechen erfreulicherweise über die von Christine Fischer herausgegebene Werkausgabe Pasternaks. Dreibändig, zwei Bände sind da, der dritte, letzte Band ist in Vorbereitung.

Diese ersten zwei Bände umfassen frühere Gedichte und Prosastücke, d.h. aus den ersten dreißig Jahren des 20. Jahrhunderts, Texte, die Pasternak zum Abgott der Moskauer Literaturszene machten – das ist der Boris Pasternak, der diesen Namen verdient! Dies bedeutet durchaus nicht, dass jedes Gedicht und jedes Prosastück des „Vorkriegs-Pasternak“ ein Meisterwerk ist, die Verse entstehen bei ihm aus einer Intonation der freien Rede, einem kapriziösen Sprachfluss heraus, der eine Momentaufnahme des psychischen Zustandes und der Sprache des Autors darstellt und den Leser so mitreißt, dass er mitunter nicht den (beinahe immer sehr einfachen) Sinn, sondern die hypnotisierende Sprachmelodie wahrnimmt. Dabei können immer eine Zeile oder ein paar Zeilen entstehen, die so atmen und so klingen, dass sie in die Blutzusammensetzung der russischen Sprache eingehen, darin liegt die eigentliche Größe Pasternaks und nur selten in ganzen Gedichten.

Als großen Vorteil muss man dieser Ausgabe eine massive Einbeziehung der alten und nicht so alten ostdeutschen Übersetzungen und dadurch deren Rettung vor dem Vergessen anrechnen. Im großen und ganzen müssen wir für diese Übersetzungen dem Buch „Boris Pasternak. Gedichte und Poeme“ (Aufbau 1996, hrsg.von Fritz Mierau) einen besonderen Dank zollen. Es handelt sich um bedeutende Dichter wie Elke Erb oder Richard Pietraß, Christian Döring, Andreas Koziol, oder Heinz Czechowski, die für dieses Buch nachgedichtet haben.

Hier einige Kostproben, einfach um den Leser hören zu lassen, wie sich Pasternak in diesen Übersetzungen anfühlt: Elke Erb: „Da deklamiert das Dachgeschoss,/ Neigt Rahmen erst und Winter sich.“ (Aus: „Über diese Verse“). Andreas Koziol: „Gräm dich nicht, weine nicht, greif den Verlust / Der Kräfte nicht an, schenk dir die Herzqual.“ (Aus: „Gräm dich nicht...“ – dieser zauberhafte syntaktische Rhythmus!..). Heinz Czechowski (mitunter grandios!): „Wie im Trab liefen die Blätter / Mit dem Wind aus dem Gebüsch, / Hüpfend wie ein Bernhardiner, / Gelb durch der Platanen Plüsch. “ (Aus: „Der Künstler“).

Auch Prosa wurde von Lyrikern übersetzt (etwa „Der Schutzbrief“ von Elke Erb). Diese Prosa ist kein „Schiwago“ – lesen Sie nur „Schenja Lüvers Kindheit“ (übersetzt von Marga und Roland Erb), über die Jurij Tynjanow, wohl einer der größten russischen Literaturwissenschaftler aller Zeiten, schrieb: „In diesem unverhofften Text hat man ein sehr seltenes Gefühl, das seit Lew Tolstoi nicht mehr aufgetreten ist, beinahe den Geruch des Neuen.“ (Aus: Literarisches Heute, 1924)

Die Eigenschaft Pasternaks, von Zeit zu Zeit Verse, oder Strophen, oder gar ganze Gedichte zu produzieren, die in der Sprache für immer bleiben, vermag natürlich keine Übersetzung wiederherzustellen. Aber seinen wunderbaren Duktus, diese syntaktische Energie, diese atmenden, sich mit dem Atem oder dagegen bewegenden Zeilen bringen die Übersetzer der beiden Bände glänzend und massiv herüber. Deshalb darf man auf den dritten Band (Spätgedichte) mit Freude und Ungeduld warten.

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