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Bodo Kirchhoff Gegenteil von Erfinden und Lügen

„Dämmer und Aufruhr“: Bodo Kirchhoff erzählt zu seinem 70. Geburtstag virtuos und intensiv aus den frühen Jahren.

Alassio
Der Erzähler/Bodo Kirchhoff hat sich in Alassio im Beau Sejour eingemietet. Foto: Imago

Auch wenn uns nichts näher steht als unser Gedächtnis, sind die Gründe, den eigenen frühesten Erinnerungen zu misstrauen triftiger als die Beweise ihrer Verlässlichkeit. Es ist seltsam mit diesen Jahren, die mit Wissen aus zweiter Hand angefüllt und erst dadurch zu eigenen gemacht werden, jenen Jahren, schreibt Bodo Kirchhoff, „an die es nur verwischte Erinnerungen gibt, Bilder von sprachloser Wahrheit, die in Worte gefasst, eine Brücke zum Wahrscheinlichen bilden: Ja, wahrscheinlich ist es so gewesen, alle Bilder sprechen dafür. Und doch könnte ich nicht einmal sagen, ob ich im Alter von drei, von vier, ein eher glückliches oder eher unglückliches Kind war ... Gab es also den, der sich hier erinnert, bereits als das Kind, an das er sich kaum erinnert?“

Ja, er denke schon, schreibt Bodo Kirchhoff dann und handelt danach: Erzählt und bezweifelt, rekonstruiert Szenen, in denen die Lesenden so sehr direkt daneben stehen, dass sie sie nicht mehr vergessen werden (auf die Weise in Erinnerung behalten, in der man eben literarische Szenen in Erinnerung behält). Oder auch: Dass sie nicht glauben können, was sie eben gelesen haben. Dann bleiben Unsicherheit und Unbehagen, wie für den, dem das passiert ist, so oder ungefähr so.

Dann tritt der Autor wieder einen Schritt, nein, viel weiter zurück und fremdelt mit sich. Dann tastet er Fotografien mit akribischer Sorgfalt ab, die Bilder, die immerhin garantiert von damals sind. Dann macht er wieder klar, dass wir es mit einem Schriftsteller zu tun haben, einem Erfinder, der das Erfinden früh und aus außerberuflichen Gründen erlernt hat. „Schwindeln, lügen, eine Geschichte erfinden, damit man für sich bleiben kann, unbehelligt, oder etwas auftischen, damit andere staunen, man ebenso für sich bleibt, als der Bestaunte ... .“

Auf eine so klassische wie wirkungsvolle Form greift Bodo Kirchhoff, der am heutigen Freitag seinen 70. Geburtstag feiert, zurück, um von seiner Kindheit und Jugend zu erzählen. „Dämmer und Aufruhr“ heißt sein neues Buch, „Roman der frühen Jahre“, so dass er sich alle Möglichkeiten offen hält (schwindeln, lügen, eine Geschichte erfinden, damit man für sich bleiben kann …). Aber eigentlich wirkt das meiste akribisch und bedacht.

Es gibt eine Rahmenhandlung, in der der Erzähler – dem der Umzug nach Kirchzarten als kleines Kind wegen der sanften Namensverwandtschaft gefiel und der auch sonst kein Hehl daraus macht, Bodo Kirchhoff zu sein – als Mann fast von heute einen Spätsommer / Frühherbst im ligurischen Küstenstädtchen Alassio verbringt. Er hat sich im Beau Sejour eingemietet (Google zögert keine Sekunde: legeres all-inclusive-Hotel aus den 1930er Jahren, mit gemütlichen Zimmern, Privatstrand und lokaler Küche), wo seine Eltern vor Jahrzehnten einmal ein paar glückliche Tage verbrachten.

Es gibt außerdem die Zeitebene der Jahre vor 2014, die Besuche bei der alten Mutter kurz vor ihrem Tod mit 89 Jahren. Sie ist unausgesprochen das Zentrum des Romans, lebhaft, liebevoll, sehnsüchtig. Dass es sich um die Schauspielerin und Schriftstellerin Evelyn Peters handelt, sagt der Erzähler nicht ausdrücklich. Wer nicht ohnehin im Bilde ist, kann aber Detektiv spielen und aus dem Copyright des im Buch ausführlich beschriebenen Umschlagfotos Schlüsse ziehen.

Dazwischen geht der Erzähler chronologisch vor: die sehr jungen Eltern und ihr erstes, 1948 geborenes Kind, dem noch eine kleine Schwester folgt; die Schwierigkeiten des technisch talentierten Vaters – der im Krieg ein Bein verloren hat, wie man so sagt, aber Kirchhoff erinnert auch an den Graus der Amputation –, beruflich Fuß zu fassen; der Umzug von Hamburg nach Kirchzarten, wo es besser werden soll, aber nicht besser wird. Das Kind lernt aufmerksam Dialekt-Wendungen, ein Spaß, eine Aufgabe, eine Überlebenstechnik.

Dann die zeitgemäß diskret erfolgende Trennung und spätere Scheidung des Paares, während der Sohn aufs evangelische Internat in Gaienhofen am Bodensee kommt. Dazwischen Sommerferien mit Sommerbeschreibungen, dass wir uns noch im Januar daran wärmen und ermuntern werden. Nach dem Abitur, dem Militärdienst und einer Amerikareise schließlich die Studienjahre in Frankfurt, wo die Mutter lang schon wohnt und optimistische Romane schreibt und wo der Sohn das Haus in der Lindenstraße anschaut, „an der Wand im rechten Winkel zum Eingang stand der Name des Verlags wie ein anderes Wort für Welt“. Er sendet Texte ein, mit höflichen Anschreiben versehen, erst führt es zu nichts, dann aber doch.

Dass der ehrgeizige Sohn markanter (auch schöner), aber im bürgerlichen Sinne mäßig erfolgreicher und finanziell etwas beengter Eltern Jahre später (und außerhalb von „Dämmer und Aufruhr“) dem mit dem Vater verkrachten Verlegersohn zu einem neuen, weniger berühmten Verlag folgt: Psychologisch interessierte Personen kommen in Kirchhoffs Geschichte auf ihre Kosten.

Die Schlussteile von „Dämmer und Aufruhr“ werden zunehmend zur konventionelleren, wenngleich sich vorzüglich (mit Gier) weglesenden Autobiografie nebst Sittenbild der (Frankfurter) Siebziger. Neben dem verschwundenen „plüschigen Schwille“ oder dem weiterhin von ungezogenen Kellnern geprägten Gemalten Haus gehören die Trümmer und Baustellen dazu, die Politik und „die Achtundsechziger“, mit denen der Erzähler allerdings nichts zu schaffen haben will. „Er lebt völlig für sich, gar nicht so weit weg vom Autismus“, schreibt Kirchhoff, der immer wieder auch die dritte Person Singular auffährt, um sich noch ferner von sich zu halten.

Es sind aber die Kindheits- und Internatsjahre, in denen das Spiel und die Notwendigkeit von Nähe und Fremdheit, erster und dritter Person, Unmittelbarkeit und Skepsis voll zum Tragen kommt. Mündliche Rede mischt sich ein, abgelauschte Wendungen der Mutter, deren Art zu sprechen individuell und doch generationstypisch erscheint; schnoddrig und pompös zugleich. Etwas ist ein „Wunder“ und im nächsten Halbsatz ist es ein „Ding“. Neben zahllosen Details – und sie interessieren einen alle – dient das meiste dazu, drei Bereiche zu umkreisen und auszubreiten.

Der eine, der argloseste, ist die tief ankernde Liebe zu Italien, bei der Mutter kennengelernt (von der sentimental-verschwommenen, auch eher undurchführbaren Seite), vom Schriftsteller am Gardasee umgesetzt.

Der andere, ebenfalls arglose, ist der Weg zum Schreiben (zum Erfinden, zum Lügen) als Beruf. Die schreibende Mutter erlebt den ad-hoc-Ruhm und -Reichtum Françoise Sagans: „die richtigen Worte, und all das ist zu schaffen, man muss sie nur hintippen“ (aber wie, aber wie?). Als der Sohn, das Kind, die erste kleine Erzählung auf der mütterlichen Maschine produziert, „Jagd um die Welt“, wird das „wahrgenommen allein von der Besitzerin der Schreibmaschine, das allerdings in einer Weise, die dem Debütanten das Gefühl gab, im Erfinden von etwas oder in dem in eine Form gebrachten Lügen könnte seine ganze Zukunft liegen“.

Der Dritte, der gar nicht Arglose ist die Sexualität, die das Kind, von dem hier erzählt wird, nicht selbst entdeckt, die in ihm entdeckt wird. Zuerst aber ist da eine fabelhaft kipplige Szene, eine frühkindliche Sommerfrischeszene mit der Mutter. Sie ist peinlich und erstaunlich, aber da steht sie nun. „Dort ist die Luft erdrückend, und die Schauspielerin ruft Ich ersticke! Aber sie erstickt gar nicht, sie zieht sich aus. Ich muss mir die Kleider vom Leib reißen, sagt sie, nur ist es auch kein Reißen, es ist ein Pellen und Fallenlassen. ... Komm, sagt sie, auch ausziehen, ja?“ Der „Mutterleib ist ein vaterloses Gebiet, der Sohn reißt es sich unter den Nagel und prüft seinen Wert ...“.

Den Missbrauch dann in Gaienhofen durch einen Musik- und Sportlehrer, hier der „Kantor“ genannt, ein Roth-Händle-rauchender, langhaariger Winnetou, kein unangenehmer Mann, im Gegenteil, hat Bodo Kirchhoff schon seit den 90er Jahren gelegentlich thematisiert. In „Dämmer und Aufruhr“ ist der Moment, in dem der Lehrer dem Zwölfjährigen erstmals die Hand auf den Bauch legt, „der Augenblick, in dem alles Verlorensein dieser ersten ewigen Internatszeit wie in einem Kippbild plötzlich als ein horrendes Glück im Unglück erscheint“. Das Kind weiß nicht, wie ihm geschieht, „der Geküsste wagt es sogar, mit seiner Zunge zu antworten – ohne zu wissen, wie er damit das Zeichen ganzer Gewährung gibt“. Und: „Noch immer weiß er nicht, wie ihm geschieht, erschreckender aber ist, was er weiß: Dieser so still Daliegende mit geöffneten Beinen (wohl noch verzweifelt bemüht, den Sinn des eben Geschehenen zu erfassen) ist kein anderer als er selbst, ein Junge mit Taschentuch zwischen den Schenkeln, der sich im Kerzenschein als Mädchen sieht, eins, das alles mit sich machen lässt.“

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