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Bodo Kirchhoff „Eine Sprache ohne Eros ist eine tote Sprache“

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff spricht im Interview über Sexualität in der Literatur, sein Misstrauen gegenüber der Masse und warum jeder Mensch das Recht hat, auf sein Glück zu hoffen.

Bodo Kirchhoff
„Mich hat mein Schreiben verändert, und dadurch hat sich auch mein Schreiben verändert.“ Foto: imago

Es ist ein früher Anruf am Gardasee, im Haus des Schriftstellers in Torri del Benaco. Später am Tag erwartet er die Teilnehmer eines Schreibkurses, deshalb bleibt nur jetzt Zeit zum Reden. Kirchhoff ist in durchaus aufgeräumter Stimmung, aber auch ein wenig nervös wegen der unbekannten Gäste. Es fällt ihm stets aufs Neue schwer, sich mit so vielen Menschen zu umgeben. Wir kennen uns schon lange, deshalb können wir ohne große Umstände zur Sache kommen.

Herr Kirchhoff, vor 40 Jahren haben Sie Ihr erstes Manuskript in den Briefkasten des Suhrkamp Verlages in Frankfurt geworfen. 
Das ist richtig. 

Das war die Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“. 
Nein, ich hatte schon vorher Theaterstücke an Suhrkamp geschickt, die aber liegenblieben, weil das Lektorat gewechselt hatte. Bei der Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“ kam erst eine Absage, die aber zugleich voller Respekt war. Und dann plötzlich wurde sie doch veröffentlicht. 

Was wäre mit Ihnen geschehen, wenn es bei der Absage geblieben wäre? 
Wenn ich keinen Fuß in den Verlag bekommen hätte, wäre das Schreiben sicher weitergegangen. Aber ich wäre wohl auf der düsteren Schiene hängengeblieben, ohne den Glauben, mich schreibend aus dem eigenen Sumpf ziehen zu können. 

Sie waren damals auf der Suche nach Orientierung. Sie haben studiert in Frankfurt, sie haben in einem Zimmer im Ostend gelebt. Dass das Manuskript veröffentlicht wurde, bedeutete für Sie auch eine Rettung, oder? 
Ja, es war eine Art Rettung. Die wichtigere aber war, dass ich meine spätere Frau kennengelernt habe. Und das bereits in dem Gefühl, dass es zum Schreiben für mich keine Alternative gibt. Die erste Verbindung zu Suhrkamp war deshalb für mich ein großer Anschub. Ich war endlich in dem Verlag, in dem die meisten Autoren waren, an denen ich mich damals orientiert habe. Ein Teil dieser Welt zu sein, war für mich bereits die Welt. 

Der Branzger aus „Ohne Eifer, ohne Zorn“ spiegelt diese Situation wider. 
Ja, er spiegelt das wider in seiner Vereinzelung, in seiner Einsamkeit. Der hatte Züge von mir, ohne Zweifel. 

Sie versuchen in Ihrem Werk, Sexualität und Sprache miteinander zu versöhnen. 
Versöhnen ist ein etwas euphemistischer Ausdruck. Ich versuche, Sexualität und Sprache in eine Nähe zueinander zu bringen und nicht in einen Gegensatz. Sie aus einem dummen Gegensatz herauszulösen. Wer sich nur der Sprache bedient, versucht sich mit ihrem elaborierten Code über die Sexualität zu erheben – und in der Unmittelbarkeit der Sexualität glaubt man sich oft der Sprache überlegen. Es ist aber so, dass die Sexualität der Sprache bedarf, um sich über die Fortpflanzung hinaus zu entfalten. Und eine Sprache ohne den Eros ist eine tote Sprache. Das erzählend darzustellen, war mir von Anfang an wichtig. Aber erst als erfahrener Schriftsteller habe ich es bewusst verfolgt, das galt etwa mit Veröffentlichung des Romans „Parlando“ im Jahre 2001. 

Wenn man die „Einsamkeit der Haut“ liest aus dem Jahre 1981, wo Sie ins Frankfurter Bahnhofsviertel eintauchen und Ihre Bordellbesuche schildern, wird die Nähe von Sprache und Sexualität schon sehr deutlich. 
Ja, sie ist als Bestreben schon zu spüren. Aber da ist es mir eher unterlaufen, als dass ich es bewusst gestaltet habe. Die Erzählungen in dem Buch haben ja auch keinen dokumentarischen Charakter, sondern ich breite eine Atmosphäre aus, die auch die innere Atmosphäre des Protagonisten ist. 

Kann Sprache das überhaupt leisten, Sexualität zu beschreiben? 
Was sie leisten kann, ist das Drama der Details zu erzählen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Ohne das zu schreiben, was man „Stellen“ nennt. „Stellen“ interessieren mich nicht. Ich habe den Sexualvorgang nie referiert. Ich habe einmal in dem Buch „Wo das Meer beginnt“ eine lange erotische Passage geschrieben. Aber nichts in der Art von Harold Brodkey und seiner Erzählung, in der er einen Geschlechtsverkehr bis zum Orgasmus wiedergibt, das hat für mich etwas Lächerliches. 
 
Es ist eine Banalität. 
Ja, es ist absolut banal. Man kann die Sexualität mit der Sprache immer nur umkreisen und einkreisen. Es bleibt aber eine leere Mitte. 

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