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Bobachtungen im Ausnahmezustand In Wolkenländern

Die „Kriegsaufzeichnungen aus Paris“ gehören zum Avanciertesten, Dichtesten und Eindrücklichsten, was der seit 1945 verschollen geltende Schriftsteller Felix Hartlaub hinterlassen hat.

16.06.2011 15:28
Renate Wiggershaus
Ein kühler, sondierender Blick: Felix Hartlaub.

Am 22. Juli 1941 schrieb der 28-jährige Felix Hartlaub aus dem von deutschen Truppen besetzten Paris an seinen Vater: „Aus meinen um bestimmte Kristallisationspunkte gruppierten tagebuchartigen Aufzeichnungen ergibt sich langsam eine Reihe von Wortgravüren, die vielleicht später einmal ein Ganzes bilden könnten.“ Diese privaten Skizzen – Schilderungen von alltäglichen Erlebnissen in Cafés und Straßen, Beschreibungen von Architektur, Landschaften, Wolkenformationen – entstanden zwischen dem 2. Dezember 1940, als Hartlaub als Historiker der Archivkommission des Auswärtigen Amtes nach Paris kam, und dem 1. September 1941, als er als Soldat nach Rumänien abkommandiert wurde. Sie erschienen erstmals vollständig 2002 in der zweibändigen Hartlaub-Ausgabe, die Gabriele Lieselotte Ewenz edierte.

Die „Kriegsaufzeichnungen aus Paris“ gehören zum Avanciertesten, Dichtesten und Eindrücklichsten, was Felix Hartlaub hinterlassen hat. Daher ist es zu begrüßen, dass gerade diese Texte des seit den letzten Kriegstagen 1945 als verschollen geltenden Schriftstellers mitsamt den eingestreuten expressiven Zeichnungen in der Bibliothek Suhrkamp noch einmal erschienen sind.

Das Nachwort von Durs Grünbein allerdings wird dem Gegenstand nicht gerecht. Es ist großenteils identisch mit einem Mitte der 90er Jahre erschienenen Zeitungsartikel. Hinzugekommen sind unter anderem Zitate aus Briefen „an die Eltern“, womit aber nur Briefe an den Vater gemeint sein können, da die Mutter zu jener Zeit bereits mehr als zehn Jahre tot war. Es klingt poetisch, trägt aber wenig zum Verständnis bei, wenn Hartlaubs innerer Werdegang als eine Art Rückwärtsverpuppung geschildert wird: „Aus dem Schmetterling, flügelschlagend im Zwischenkriegsfrühling wurde durch Schrumpfung die froststarre Larve, ... der einsam Reisende, ... der isolierte Student ... Zum Schluss kamen das Raupenstadium, die Jahre der Wehrmachtsuniform ... .“

Felix Hartlaub, 1913 in Bremen geboren, wuchs in Mannheim auf, wo sein Vater, Gustav Hartlaub, bis zu seiner Entlassung 1933 durch die Nationalsozialisten Direktor der Städtischen Kunsthalle war. Wie seine 1915 geborene Schwester, die spätere Schriftstellerin Geno Hartlaub, besuchte Felix die freigeistige Odenwaldschule. Zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr schuf der hochbegabte Jugendliche ein visionär anmutendes zeichnerisches Werk, in dem er Traumwelten mit präzisen Beobachtungen der Wirklichkeit zusammenführte. Er unternahm ausgedehnte Reisen, studierte in Heidelberg Romanistik, Geschichte und Kunstgeschichte und promovierte 1939 in Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs war er meist als Historiker eingesetzt. Nach der Pariser Zeit war er später als Sachbearbeiter in den Abteilungen „Kriegstagebuch“ und „Kriegsgeschichte“ für das Oberkommando der Wehrmacht tätig. Was die Pariser Aufzeichnungen auszeichnet, sind ein kühler, sondierender Blick und der stets spürbare Versuch, die Einmaligkeit eines Augenblicks in seiner atmosphärischen Dichte einzufangen, um so das Wesen der Dinge zu erfassen. Das Flüchtige, Fragmentarische der Notate rührt zum einen daher, dass Hartlaub immer erst nach einem ausgefüllten Arbeitstag zu Eigenem kam. Hinzu kam aber auch, dass private Tagebuchaufzeichnungen verboten waren. Die Skizzen brachte er im Urlaub bei seinem Vater in Heidelberg in Sicherheit.

Hartlaub benutzt nicht die Ich-Form, sondern die dritte Person Singular. Das erlaubt eine Beobachter-Perspektive und damit Raum für genaues Hinsehen und experimentelles Beschreiben. Hartlaub beschreibt, was er sieht, nicht, was er weiß: rudernde Tujabäume am Ufer der Seine, Pappelkätzchen als Tausende von gelben Strichen, das halb aufgefressene Hakenkreuz in knatternder Ekstase, Wolkenländer, eine Mauer aus Licht.

Texte wie „Quartier Latin“, „Porte Saint Martin“ oder „Die Parkmauer“ erinnern an die filmische Wiedergabe in physikalische Gegenständlichkeit aufgelöster Welten, wie sie für den nouveau roman kennzeichnend ist. „Viele Kilometer lang läuft sie neben der Landstraße her“, beginnt das Prosastück „Die Parkmauer“. Es ist, als blickten wir durch ein langsam die Mauer entlangfahrendes Kameraauge, das Feldsteine, Flechten, Mörtel, das Ziegeldach oder die die Mauern umwuchernden Pflanzen genau registriert.

Der Krieg beziehungsweise die Aktivitäten der Besatzungsmacht kommen nur am Rande als ferner Kanonendonner oder als satirische Miniaturreportage über deutsche Landser vor. Zuweilen machen sie sich im Vokabular bemerkbar, wenn es etwa von raupenzerfressenen Ulmenblättern heißt, sie seien ganz „zersiebt“, oder wenn von einer „Truppe“ stämmiger Disteln die Rede ist.

Man könnte die Pariser Aufzeichnungen mit dem Skizzenbuch eines Malers vergleichen. Es geht ihm weniger um die Gegenstände als um seine inspirierte Reaktion auf sie. Ob seinen Szenerien eine Moral innewohnt oder ob sie frei von jeglicher Botschaft sind – das zu entscheiden, bleibt den Lesern überlassen.

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