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„Blasse Helden“ Als das Weiße Haus brannte

Und als die Neuen Russen feierten: In „Blasse Helden“ erlebt ein junger Deutscher Moskau als Spielfeld.

Moskau
Verfassungskrise 1993: Am 4. Oktober brennt das von Aufständischen besetzte Moskauer Parlamentsgebäude. Foto: afp

Die meisten Menschen, die heute über Russland als Macht sprechen, meinen den Staat Wladimir Putins. Seit dem Jahr 2000 amtiert er an höchster Stelle. Vorher gab es die Sowjetunion, von Stalin zerrüttet, in der Stagnation zermahlen, von Gorbatschow vergeblich geweckt. Aber da war doch noch was. Der Roman „Blasse Helden“ führt in diese Zwischenzeit, als Geld jegliche Ideologie ersetzte. Der Sozialismus ist vorbei, der Kapitalismus wächst in rasender Eile.

Anton ist nach Moskau gekommen, als ihm Deutschland langweilig wurde. Er hat schnell eine Schlüsselposition in einem Energieunternehmen, das mit Kohle und Gas handelt, egal zu welchem Preis und mit welchem Partner. Anton tritt auf wie ein Bourgeois alter Schule, aber in neuen Schuhen: Für die Entscheidungen in der Firma ist der Chef zuständig, für komplizierte Berechnungen die fleißige Assistentin. Dafür stehen dem Westler Anton bei Verhandlungen andere Türen offen als ihnen. Er interessiert sich für schöne Frauen, für die Literatur, für Musik. Um ins Bolschoi zu gelangen, strengt er sich schon mal an, pünktlich zu sein. Im Konservatorium erlebt er den genialen Pianisten Swjatoslaw Richter. In St. Petersburg soll eine sensationelle Sopranistin auftreten, „Netrebkowa oder so ähnlich“, Anton will den Nachtzug nehmen, sie zu hören. 

„Blasse Helden“ heißt der Roman, eigentlich müsste er „Blasser Held“ heißen, denn die Nebenfiguren haben deutlichere Konturen als die Hauptperson. Noch besser passte: „Ein Held unserer Zeit“, aber den Titel gibt es schon, von Michail Lermontow. Der vorliegende Roman ist erkennbar von Lermontows 1840 erschienenem Novellenkranz inspiriert. 

Interessiert, aber eher unbeteiligt bewegt sich Anton durch das letzte Jahrzehnt des Jahrtausends. Er genießt die neuen Bars und Clubs, den Dienst-Mercedes und den eigenen Fahrer als Statussymbol, er kennt keine Skrupel im Geschäftlichen und im Umgang mit Frauen, er wähnt sich unberührbar gegenüber Gewalt. 

Das war, als die Zensur der Partei durch „die Zensur des Marktes“ abgelöst worden war, als beim Aufstand 1993 das Moskauer Weiße Haus brannte und der Richtungskampf im Lande anhielt. „Als Romantiker hatte er sich nach solchen Erlebnissen gesehnt, und hier nun traf er plötzlich auf diese irrwitzige Leidenschaft, für eine Idee oder Sache zu sterben. Das Revolutionspathos konnte ihm nicht kitschig oder artifiziell genug sein.“ 

Zugleich aber bewundert er Menschen, die sich nicht um die Zukunft scheren, einen Maler zum Beispiel, der gerade im Kunstmarkt oben angekommen war, der „lebte ausschließlich im Hier und Jetzt. Ein Privileg der Russen, dachte Anton.“ An einigen Stellen lesen sich die Beschreibungen „der Russen“ oder der russischen Frauen klischeebeladen. Da ist nicht immer klar, ob der Autor nur mit den Klischees spielt, wie etwa, wenn er einen leibhaftigen russischen Bären auftreten lässt, kein Abend ohne Trinkgelage endet. Über Humor verfügt er immerhin auch. Ein Fitnessclub, der keine Prostitution duldet, besetze „eine originelle Marktnische“. Alten Kommunisten gegenüber, die ihn bedrohen, gibt sich Anton als Teil einer Zelle „Freiheit für Honecker“ aus und bleibt ungeschoren. Der deutsche Bundeskanzler geht zweimal mit Jelzin in die Sauna, und Anton wird gefragt, ob es im Land der Dichter und Denker keine Saunen gebe. 

Aus dem Roman spricht auf jeden Fall eine sehr gute Kenntnis jener Jahre, in denen der Typus des Neuen Russen geboren wird und die Klinikärzte ohne Lohn bleiben. Der Autor habe Philosophie, Politik und Ökonomie studiert und in England, den USA, Russland und Kasachstan gearbeitet, informiert der Klappentext. Heute lebe er in Australien. Sein Anton verlässt Russland ziemlich überstürzt. Womöglich ist der Autor auf ähnliche Weise abgereist. Der angegebene Name Arthur Isarin ist nämlich ein Pseudonym. 

Es ist der erste Roman dieses Autors. Manchmal tritt er erzählerisch zu lange auf der Stelle, meist aber wechseln statische und bewegte Passagen in gutem Rhythmus. Viele kleine Szenen wirken wie Schlüssel für heutige Fragen: Der Ex-KGB-Mann, der erst seine Vergangenheit verschleiert, trumpft bald wieder auf. Konflikte mit den südlichen einstigen Sowjetrepubliken beginnen zu lodern. Und wer eine offizielle Funktion hat, ob es der Soldat an der Straßensperre ist oder die Deschurnaja auf der Hoteletage, kann seine Macht grenzenlos ausnutzen. 

Gegen Ende des Buches beginnen die Konzerne der Oligarchen zu wackeln. Und was sagt man über Putin, den kommenden Mann? „Er hat kein Alkoholproblem. Das ist die Hauptsache.“ 

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