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Biographie Hans-Werner Henze Westfale, etwas südlich geraten

Jens Rostecks seriös-erzählerische Biografie über den Komponisten Hans-Werner Henze und die italienische Existenz als Trick, der ermöglicht, das eigene Leben zu führen. Von Hans-Jürgen Linke

Zeit für eine große Biografie und eine umfangreiche Werkschau bei der Kulturhauptstadt Ruhr 2010: Hans-Werner Henze. Foto: Lennart Preiss / ddp

Freies Geleit braucht man in feindlicher Umgebung. Dass der Komponist Hans-Werner Henze die Landschaften und Umstände seines Aufwachsens als feindlich empfunden hat, und zwar mit guten Gründen, hat er schon in seiner Autobiografie erkennbar gemacht; sein früh gereifter Entschluss, in Italien zu leben, entsprang weniger einer Extravaganz als existenziell empfundener Notwendigkeit. Die seit den frühen 50er Jahren überwiegend ausländische Existenz erlaubte ihm, sein Leben ungestörter zu leben, als es in Deutschland möglich gewesen wäre. Nicht, dass Italien ein grundsätzlich besseres Land wäre, es war wohl eher der Status des Ausländers, der Henzes Lebensgefühl entsprach und Freiheitsgrade (sowie, nebenbei, bessere Wetter- und Lebensmittellagen, schönere Gärten und Landschaften) bot. Freiheit, das heißt auch, entscheiden zu können, wie weit einen die Umgebung, in der man lebt, wirklich etwas angeht.

Die italienische Existenz als Trick, der ermöglicht, das eigene Leben zu führen, war schon Thema in Henzes Autobiografie "Reiselieder mit böhmischen Quinten" . Sie ist auch ein Leitmotiv in Jens Rostecks jetzt erschienener Biografie. Freies Geleit: Der Wunsch oder die Forderung könnte wie ein Motto über der Lebensbeschreibung stehen. "Die Erde will ein freies Geleit ins All / jeden Tag aus der Nacht haben / daß noch tausend und ein Morgen wird / von der alten Schönheit jungen Gnaden" , heißt es in dem Gedicht dieses Titels von Ingeborg Bachmann.

Wenn man die akademische Avantgarde nicht für den einzigen Nabel der zeitgenössischen Musikwelt hält, muss Henze einem fast zwangsläufig als bedeutendster deutscher Komponist des 20. Jahrhunderts erscheinen. Seine Distanz zur Avantgarde war nicht nur selbstgewählt, aber seiner inneren Haltung zum Komponieren und zum Leben durchaus angemessen. Gleichwohl hat er die Ausgrenzung schmerzlich empfunden und zornig kommentiert; sein nicht nur künstlerischer, sondern durchaus auch ökonomischer Erfolg als Komponist bot nie eine vollständige Kompensation.

Henzes Privatleben kommt in der Biografie diskret, aber präzise und gewissermaßen handverlesen vor; es ist bevölkert von einer überschaubaren Anzahl namentlich genannter Mitmenschen. Die zentralen Gestalten sind, neben den Eltern, Ingeborg Bachmann und Fausto Moroni. Woraus nach dem Tode der Bachmann im Oktober 1973 und nach Fausto Moronis Tod im April 2007 die Konsequenz entsteht, dass das letzte Kapitel der Biografie die Perspektive eines alten Mannes einnimmt, dessen wichtigste Mitmenschen nicht mehr bei ihm sind. Der Biografie-erfahrene Rosteck geht nicht in die emotionalen Fallen, die bei einer allzu geringen Distanz zum Gegenstand allenthalben warten; aber er wählt auch keine unpersönliche Distanz. Er schafft es, beides in seinem Text auszubalancieren: die mit Empathie, mit schriftstellerischer Verve und oft noch länger nachschwingender Formulierungskunst hergestellte emotionale Nähe und den objektivierenden Gestus des Chronisten.

Dazu gehört, dass er sich nie genau über die Schulter sehen lässt: Wie gut kennt er Henze und dessen Lebensumstände aus eigener Anschauung? Oder grundsätzlicher und methodologischer: Kann man ein Leben überhaupt beschreiben, ohne sich in dessen Nähe zu begeben, und ist eine solche Annäherung nicht auch notwendig eine emotionale? Rosteck lässt solche Fragen offen, behandelt sie nur implizit. Entscheidend ist die Verlässlichkeit und Schlüssigkeit des entstehenden Lebensbildes, die durch Nähe nicht gestört wird; entscheidend ist die Würdigung der Quellen und deren Transparenz. Und manchmal erscheint die Empathie des Biografen geradezu als literarischer Trick, um die Lesbarkeit seines umfangreichen Buches zu fördern; ein weiterer Trick ist übrigens der weitgehende Verzicht auf Werkanalysen und die gleichzeitige Verlegung von bedeutungsvoll verweisenden Spuren zwischen Leben und Werk.

Wer freies Geleit beansprucht, ist auf einen gewissen Respekt des Gegners vor althergebrachten Regeln angewiesen. Das hat für Henze nicht immer geklappt, aber er ist dennoch recht weit gekommen, auch wenn er selbst das im Lebensrückblick, wie Rosteck im Schlusskapitel zitiert, durchaus kritisch sieht: "Aber ich wusste, eines Tages werde ich dieses Haus haben, das wird so aussehen wie ein etwas südlich geratenes, mittelmeer-stilisiertes, westfälisches Bauernhaus mit einer großen Mauer drum herum, viel höher als die westfälischen Mauern meiner Kindheit waren."

Es ist durchaus offen, ob dieses Bild eines mythischen Lebenskreislaufs in Depression oder Versöhnlichkeit mündet. "Du sollst ja nicht weinen, / sagt eine Musik. /Sonst / sagt / niemand /etwas.", schrieb Ingeborg Bachmann.

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