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Biografie Lou Andreas-Salomé Das Über-Mädchen

Sie saugte Nietzsches Denken aus wie eine Schwarze Witwe und brachte Rainer Maria Rilke dazu, sein Frühwerk wegzuwerfen. Lou Andreas-Salomé war die Überwinderin bürgerlicher Konventionen. Kerstin Decker legt zu ihrem 150. Geburtstag eine empathische Biografie vor.

13.12.2010 12:41
Oliver Pfohlmann
Lou Andreas-Salomé (1861-1937). Foto: bpk

Ihr erster Mann war Gott, ihr letzter Sigmund Freud. Dazwischen gab es eine imponierende Reihe von Dichtern und Denkern, die diese „Sammlerin seltener, kostbarer Ichs“ (Kerstin Decker) studierte und bisweilen auch liebte. Was für ein Frauenleben!, möchte man nach der Lektüre von Deckers Biografie über Lou Andreas-Salomé ausrufen. Schon die 21-Jährige Lou schrieb selbstsicher: „Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ,unübersteiglichen Schranken’, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!“ Sie sollte recht behalten.

Ein solcher Kreidestrich war für Lou Andreas-Salomé die Vorstellung, eine Frau sei zum Heiraten und Kinderkriegen auf der Welt. Nicht zuletzt ihre souveräne Verachtung bürgerlicher Konventionen machte die junge, philosophiehungrige Russin für Friedrich Nietzsche so attraktiv, als sie sich 1882 ausgerechnet im Petersdom kennen lernten.

Damit, dass die Frau, die seine Gedanken besser verstand als er selbst, auch seinen Heiratsantrag ausschlug, hatte Nietzsche nicht gerechnet. „Ich bin nach dieser Gattung von Seelen lüstern“, schrieb der Möchtegern-Macho noch seinem Freund Paul Rée (ein weiterer Lou-Verfallener). Bald darauf hoffte der Entdecker des „Willens zur Macht“ nur noch kleinlaut, „wie ein Paquetstück in ein Zimmerchen des Hauses abgesetzt zu werden, in welchem Sie wohnen wollen. Oder im Hause nebenan, als Ihr getreuer Freund und Nachbar“.

Für Kerstin Decker machte die Begegnung mit Lou von Salomé Nietzsche zur „Testperson seiner eigenen Philosophie“. Mit eindeutigen Ergebnis: Nietzsche fiel glatt durch. „Der Philosoph des Über-Menschen gerät aus der Fassung, als er dem ersten Exemplar dieser Gattung begegnet: dem Über-Mädchen.“ Dass Lou in ihrem schwarzen Nonnenkleidchen ihn und sein Denken aussaugte wie eine Schwarze Witwe – und dann ohne Reue weiterging, ihn regelrecht sitzenließ, sich neue Lehrer suchte, konnte er kaum verkraften; sein „Zarathustra“, so Decker, zeige deutlich die psychischen Verletzungen Nietzsches.

Wie ein Kindermonster

Die spätere Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, 1861 als Tochter eines russischen Generals in Sankt Petersburg geboren, war Decker zufolge zeitlebens von einer „ungeheuren seelischen Unbedarftheit“. Andere Menschen habe sie nur als „Agenten eigener Wunscherfüllungen“ begriffen, nicht anders als die Kindermonster unserer Gegenwart. Schon das Kind betete nicht zu Gott, sondern diskutierte mit ihm auf Du und Du – und verließ ihn, als Gott sie einmal enttäuschte.

Dass diese Agenten, sofern menschlich, selbst verletzbare Gefühle hatten, war für Lou von Salomé stets eine Überraschung. Paul Rée etwa akzeptierte jahrelang, für sein „Schneckli“ nur das Schneckenhaus zu sein, der brüderliche Freund. Bis sie ihn 1886 mit der Mitteilung überraschte, sich mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas verlobt zu haben.

Dass sie den 15 Jahre älteren Andreas nur heiratete, weil dieser sich aus lauter Verzweiflung über ihre Verweigerung ein Messer in die Brust gerammt hatte, und nur unter der Bedingung, niemals das Bett mit ihm teilen zu müssen, konnte Rées Schmerz kaum mildern. Der Verzicht auf Sex war für Lou Andreas-Salomé lange der Preis für ihre geistige Autonomie. Als Frank Wedekind die jungfräuliche Gattin zu überrumpeln suchte, genügte ein verächtlicher Blick von ihr, und der Dramatiker ließ voller Scham von seinem Vorhaben ab. Erst dem jungen René Maria Rilke gelang das Kunststück – dafür erhielt er einen neuen Namen und eine erbarmungslose Kritikerin, die ihn sein Frühwerk in den Ofen werfen ließ.

Voll sprühender Sprachlust

Für Rilke wurde Lou buchstäblich zur göttlichen Instanz – nur dass diese Göttin Rilkes Hysterien bald so satt hatte, dass sie ihn auf dem Bahnsteig einfach stehen ließ. Noch die meisten von Rilkes „Stundenbuch“-Gedichten – „Lösch mir die Augen aus: Ich kann dich sehen“ – richten sich nicht etwa an Gott, sondern an seine Geliebte.

Kerstin Decker, die zuletzt über Else Lasker-Schüler schrieb, setzt auch diesmal gekonnt auf Empathie und vergegenwärtigt ein außergewöhnliches Leben und Denken mit den Mitteln von erlebter Rede und Präsens. Es ist vor allem Deckers sprühende Sprachlust, die dieses Buch zu einem Lesevergnügen macht.

Schon bevor Lou Andreas-Salomé die Schriften Sigmund Freuds entdeckte, war Rilke ihr erster Analysand. Für Freud wurde die „Liebste Lou“ bald zu seiner „Versteherin par excellence“. Wie vorher schon mit Nietzsche diskutierte sie jetzt mit den Wiener Analytikern über Erotik und Sadomasochismus. Warum aber die emanzipierteste Frau ihrer Epoche, zeitlebens kinderlos, in ihrem literarischen und kulturphilosophischen Werk die Bestimmung des „Weibes“ in der „Mutterschaft“ sah, bleibt auch nach Deckers Biografie ein Rätsel.

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