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Biografie Liebe, die fehlt

„Im Kreis treibt die Zeit“: Sigrid Damm, die große Schriftstellerbiografin, erforscht das Leben ihres Vaters.

Sigrid Damm liest Im Kreis treibt die Zeit bei der 12 Frühlingslese des Erfurter Herbstlese e V C
Sigrid Damm. Foto: Imago

Sigrid Damm hat in der deutschen Literatur eine neue Form des biografischen Erzählens begründet. Jetzt gibt es ein autobiografisches Buch von ihr. Seit ihrer 1985 zunächst in der DDR erschienenen Spurensuche zu Jakob Michael Reinhold Lenz, „Vögel, die verkünden Land“, wissen ihre Leser, wie akribisch fragend sie sich Lebensläufen und Arbeitsbiografien nähert. Sigrid Damms „Cornelia Goethe“, „Christiane und Goethe“, „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“ und „Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein“ wurden vielgelesene, vielverschenkte Bestseller und zugleich von der Kritik als literaturwissenschaftlich wertvoll geschätzt. Über sich selbst gab sie in Reisebüchern Auskunft, wenn sie unterwegs in Rom, Schottland oder Lappland über Landschaft und Lektüre erzählte.

Wenn sie nun in die eigenen Erinnerungen steigt, geben die ersten Sätze das Thema vor: „Mein gespanntes, um nicht zu sagen ablehnendes Verhältnis zu meinem Vater. Fast lebenslang.“ Am Ende des dritten Abschnitts stimmt sie den Leser genauer auf das Vorhaben ein: „Mit dem Vater durch die Geschichte Gothas wandern, dabei etwas über sein Leben erfahren, Antworten auf nie gestellte Fragen finden.“ Das unternimmt sie im typischen Sigrid-Damm-Ton: tastend, fragend, von einer Quelle zur nächsten vorstoßend, reflektierend. Auch im Persönlichen formuliert sie ihre Erkenntnisse nicht als Gewissheiten, sondern als Angebote.

Sigrid Damms Vater wurde 1903 im thüringischen Gotha geboren. Als er 1936 heiratet, eine Kontoristin aus Erfurt, war ihm als Bankangestellten bereits eine ernste Ermahnung durch die „Deutsche Arbeitsfront“ erteilt worden, dass er „die neue Zeit scheinbar noch nicht verstanden“ habe. Er hatte seinem früheren Chef, dem Direktor des Bankhauses Gebrüder Goldschmidt, sein Beileid zum Tod von dessen Frau ausgesprochen.

Wie sehr diese Maßregelung sein späteres Verhalten geprägt, ihm Schranken gesetzt hat, darüber sprach er nie. Nur einmal, erinnert sich Sigrid Damm, 1940 in Gotha geboren, holte ihr Vater den Brief heraus. „Als Oberschülerin machte ich meinem Vater heftigste Vorwürfe, ich, die den Faschismus von der Vernichtung der Juden, von seinem Ende her sehe, ich, die täglich in der Schule vom Widerstand vor allem und fast ausschließlich der tapferen Kommunisten höre.“ Das sei der Alltag gewesen, habe der Vater damals gesagt. „Für einen Moment schien es eine Brücke zwischen uns zu geben.“

Es ist die Trauer um eine nicht empfundene Liebe, die sie antreibt. Die Autorin schildert, wie sie aufwuchs mit dem Gedanken an eine Scheidung der Eltern, vom verehrten Großvater der Mutter gegenüber mehrfach ins Gespräch gebracht. Streit endete oft mit dem Vater-Satz „Wären wir doch nach dem Westen gegangen.“ Sie erlebte ihre Eltern nicht als Paar. Der Vater wurde spät zur Wehrmacht eingezogen, kam im August 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft frei, zog aber erst 1948 wieder nach Gotha. Die Mutter war mit den Kindern allein in schwierigen Jahren, als sowjetische Soldaten im Haus einquartiert waren, als die Stadt 17 000 Flüchtlinge aufnahm.

Die Autorin forscht im Leben ihres Vaters so, wie sie sonst die Schriftstellerbiografien ausleuchtet. Zwar verfügt sie kaum über Briefe oder andere Texte zur Interpretation, aber über Dokumente zu Arbeit und Eigentum. Sie verknüpft diese mit der Geschichte der Stadt Gotha, ihrem Adelsstolz, ihrer Wirtschaft und mit der Politik. In Gotha stellt 1930 schon die NSDAP den Bürgermeister. Dass im April 1945 der Leiter des Wehramts weiße Fahnen hissen lässt und die Stadt so vor der Zerstörung rettet, passte in der DDR nicht ins Bild. Die Autorin geht zum spät errichteten Denkmal für diesen Josef von Gadolla. Sie läuft Arbeits- und Spazierwege des Vaters ab, manchmal kreuzen die ihre anderen Helden. In der Gaststätte „Zur goldenen Schelle“ hatte Christiane Vulpius im Jahr 1797 einen Brief an Goethe geschrieben.

Sigrid Damm erzählt ihre eigene Entwicklung mit, bis sie über die besonderen zwei Jahre schreibt, die sie mit ihrem greisen Vater erlebte, als die Mutter schon gestorben war. Da wohnte sie selbst längst in Berlin, kam zurück und entdeckte die Stadt, von der sie sich gelöst zu haben glaubte. „Im Kreis treibt die Zeit“ hat sie sehr treffend als Titel gewählt, denn in Schleifen kreisend geht sie beim Schreiben vor: Bilder, Stimmungen, Lieder führen zu Fakten, leiten sie auch in die Gegenwart, zu Reisen mit den Söhnen und Enkeln. Wärme spricht aus diesem Buch. Es macht etwas mit seinen Lesern, es bringt den eigenen festen Platz ins Wanken.

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