Lade Inhalte...

Biografie Hindenburg hatte eigene PR-Abteilung

Mit der Biografie über Paul von Hindenburg ist Wolfram Pyta ein großer Wurf gelungen: Analytisch und präzise verknüpft der Historiker Politik- und Kulturgeschichte.

04.01.2008 00:01
RUDOLF WALTHER
DocCenter
Imagepflege: Eins von 500 Aufnahemen des Reichspräsident. Foto: ap

Paul von Hindenburg ebnete Hitler den Weg zur Macht. Einzigartig ist sein Aufstieg vom Offizier zum Kriegshelden und vom Generalfeldmarschall zum Reichspräsidenten schon: Der 1847 geborene Hindenburg absolvierte eine gewöhnliche preußische Offizierskarriere und sammelte in den deutschen Einigungskriegen von 1866 - 1871 Kriegserfahrung. 1911 ging er in Pension.

Als seine eigentliche Karriere mit dem Kriegsausbruch 1914 begann, war er bereits 67 Jahre alt. Nur dank guter Beziehungen wird er überhaupt reaktiviert. Ende August 1914 gelingt der 8. deutschen Armee ein Sieg gegen numerisch überlegene russische Truppen. "Hindenburgs Anteil an den Planungen" dafür "tendiert gegen Null", schreibt sein Biograf Wolfram Pyta. Hindenburg war eine dekorative Figur. Die eigentliche strategische und taktische Stabsarbeit lag in den Händen des als genial geltenden Erich Ludendorff.

Er schlief während des Kampfs

Dank seines Talents, die Gunst der Stunde zu nutzen, gelang es Hindenburg trotzdem, den ersten großen Sieg auf seinem Konto zu verbuchen. Er gab der Schlacht, die tatsächlich bei Gilgenburg und Ortelsburg stattfand, während er selbst schlief, den Namen "Tannenberg".

Damit spielte er auf eine 504 Jahre zurückliegende und verlorene Schlacht des Deutschen Ordens an. Hindenburgs Gespür für Symbolpolitik machte aus der Schlacht bei Tannenberg eine Revanche und stilisierte sie massenwirksam zum Kampf gegen die slawische Gefahr aus dem Osten.

Da der Krieg im Westen an der Marne ins Stocken kam, wurde der "Sieger" Hindenburg über Nacht zum Kriegshelden und zur nationalen Vaterfigur. Hindenburg nutzte dies geschickt zur Profilierung einer auf seine Person zugeschnittenen Herrschaftsform und zur Pflege seines Charismas. Er selbst erfand und pflegte fortan den Hindenburg-Mythos. Für sein Image schuf er eine Presseabteilung mit 50 Stellen. Er ließ sich 500 Mal porträtieren, billige Drucke hingen in jeder Wohnung.

Als der Krieg 1918 verloren ging, gelang es Hindenburg ebenso virtuos, die Schuld von der Obersten Heeresleitung, die er seit 1916 inne hatte, abzuwehren und sich vom Vorwurf zu befreien, er selbst habe Kaiser Wilhelm II. - mit falschen Informationen - zur Flucht nach Holland gedrängt. Seinen Mitarbeiter Ludendorff, den er als "Gehilfen" herabsetzte, ließ er angesichts der Niederlage fallen und schob ihm die Verantwortung für falsche militärische Entscheidungen zu, die er selbst als Chef zumindest abgesegnet hatte.

Idee der nationalen Einheit

Die Weimarer Republik begann mit der doppelten Hypothek, dass die militärische Elite im Amt blieb und die politische Elite ebenso wie die Öffentlichkeit die Niederlage mit der "Dolchstoßlegende" drapierte, wonach die untreu gewordene Heimat dem Heer in den Rücken gefallen sei wie in der Sage "der grimmige Hagen" mit "dem hinterlistigen Speerwurf" (Hindenburg) dem Recken Siegfried.

Nach dem plötzlichen Tod des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert wurde der 77-jährige Hindenburg mit 48,3 Prozent der Stimmen zum Nachfolger Eberts gewählt. Hindenburg verstand sich als überparteilicher Präsident und erwartete auch von der Regierung eine Politik jenseits von parteipolitischen Kalkülen. Für das demokratische Spiel von Regierung und Opposition hatte er keinerlei Verständnis. Oberste Leitidee war für ihn die nationale Einheit und eine Politik im Namen der eingebildeten Volksgemeinschaft jenseits von Interessen und Klassen. Dem widersprachen die politischen Realitäten in der Weimarer Republik, die gezeichnet war von einer scharfen Rechts-links-Polarisierung.

Der Greis lavierte

Diese Polarisierung spitzte sich immer mehr zu. Regierungsfähig blieb das Land nur noch mit präsidialen Notverordnungen, die das Parlament jedoch aufheben konnte, was dann regelmäßig zu Neuwahlen führte, von denen Kommunisten und Nationalsozialisten profitierten. 1932 entschloss sich der 85-jährige Hindenburg zu einer zweiten Amtsperiode, um seinen Traum von der nationalen Einheit vollenden zu können. Er war kein seniler Greis, sondern agierte selbstständig. Er ließ Brüning einfach fallen und lavierte 1932/33 zwischen der Billigung eines offenen Verfassungsbruchs, wie ihn Franz von Papen, General Kurt von Schleicher und andere planten, und einer Duldung der legalen Übergabe der Macht an Adolf Hitler.

Ein Demokrat war er nicht

Hindenburg war kein Demokrat, aber einen Verfassungsbruch wollte er nicht riskieren. Deshalb steuerte er Pyta zufolge "die Entparlamentarisierung des Regierungssystems" an. Am 30. Januar 1933 übernahm Hitler die Macht legal und schaltete die ihm als Aufpasser in die Regierung delegierten konservativen Minister nach und nach aus.

Dem Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta ist mit dieser Biografie ein großer Wurf gelungen. Er hat das immense Material aus fast 100 Nachlässen und Archiven durchgearbeitet und ist doch nicht im Papier ertrunken, sondern hat es mit präzisen Fragestellungen analytisch durchdrungen. Methodisch verschränkt der Autor Politik- und Kulturgeschichte. Darüber kommen wirtschaftliche und soziale Aspekte des Niedergangs der Weimarer Republik und des Aufstiegs des Nationalsozialismus etwas zu kurz. Doch dazu gibt es bereits eine breite Spezialliteratur, während eine Gesamtdarstellung einer der wichtigsten Schlüsselfiguren bislang fehlte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen