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Biografie Bedrohliches Gemurmel

Michael Opitz erzählt das Leben des großen Dichters Wolfgang Hilbig.

Wolfgang Hilbig
Wolfgang Hilbig am Seitpferd. Foto: Rolf Kummer

Im Herbst 1963 wird Wolfgang Max Hilbig aus der Nationalen Volksarmee entlassen. Er hatte den Grundwehrdienst bei einem Nachrichten-Bataillon im brandenburgischen Waldsieversdorf geleistet, musste allerdings einige Zeit länger bleiben, um seine Arresttage abzusitzen. Man warf ihm sein „ständiges unmilitärisches Verhalten“ vor. So habe er sich geweigert, Leitungsmasten zu tragen, da ihm das als Geräteturner schaden könne. Ambitionierter Geräteturner war Hilbig tatsächlich, Armeeverächter auch. Seine Vorgesetzten baten deshalb seine Mutter, „bei der Erziehung Ihres Sohnes behilflich zu sein“. Und tatsächlich erschien sie bei einer FDJ-Veranstaltung in der Kaserne.

Nur half das nichts. Hilbig ließ sich nicht zum Mitläufer umerziehen. Er schrieb, auch während seiner Armeezeit schon, an seinen eigensinnigen Texten, an der Erzählung „Nach unten“ etwa: „Was denke ich, wenn ich mir diese Welt von einem hohen Berge aus betrachte“, fragt er damals.

Das blieb bestimmend für seine Literatur: die radikale Selbstbefragung, die unverstellte Weltbetrachtung, gerade jener DDR-Welt, die er bestens kannte. Er hat als Bohrwerkdreher gearbeitet, als Rohrschlosser, als Abräumer, Montagehelfer und zehn Jahre als Heizer. Er schrieb davon, was er sah, roch, erlebte und blieb doch nie einem planen Realismus verhaftet. Gerade deshalb wurde er von der Staatssicherheit, die ihn seit 1964 observierte, erst als „notorischen Nörgler“, später als „Feind“ betrachtet, so in einer Stasi-Notiz zu Hilbigs Erzählung „Die Einfriedung“ von 1979. Hilbig galt bei den Staatswächtern als einer, der „gegen den Sozialismus und seine Gesetze“ schreibt: „Faschistischer waren die in der faschistischen Zeit geschriebenen Texte auch nicht“. Kurz nachdem im Westen mit dem Gedichtband „abwesenheit“ Hilbigs erstes Buch erschienen war, hat der DDR-Staat ihm den größtmöglichen Vorwurf gemacht – und mit Zensur reagiert.

Das hat Hilbig erbost, er schrieb dem DDR-Kulturminister einen gepfefferten Brief und seiner Freundin Margret Franzlik, dass es „Feindschaft gegenüber der Freiheit“ sei, wenn man glaube, „man könne mit Wörtern umspringen wie mit Geld oder Falschgeld“. Die Worte beherrschen, die Literatur zensieren? „Welch finsterer Glaube“. Sein Credo entlieh er sich von Ingeborg Bachmann: „Keine neue Welt ohne neue Sprache“.

Anders als Heiner Müller oder Volker Braun etwa, denen es oft um eine direkte Wirksamkeit ihres Schreibens ging, hat Hilbig stets die Sprache, das Bewusstsein erforscht. Das Wirken der Literatur fing für ihn bei den Wörtern an, nicht bei den Ideen, den Botschaften. „Ich werde meine / eigene grammatik konstruieren / müssen“, schreibt er 1968. Anders als Müller oder Braun hat er eben auch nie auf die Segnungen des real existierenden DDR-Sozialismus gehofft, er kannte die „Grausamkeiten des Schicksals“ zu genau, mit denen er in „Nach unten“ nicht nur sein eigenes Arbeiterdasein, sondern auch das seines Landes im Blick hatte.

Schon früh wollte er nicht länger Schichtarbeiter, auch nicht mehr Boxer und Turner sein, sondern eben „Schreibender“. Aber erst ab 1980 wird Hilbig freiberuflicher Schriftsteller, es brauchte dafür eine eigene Steuermarke und eine Veröffentlichung, für die sich Franz Fühmann „mit aller Brachialgewalt“ einsetzte, so in einem seiner Briefe an Hilbig. Im Heft 6 der wichtigen Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienen darauf sieben seiner Gedichte, und ab November durfte er offiziell registrierter Schriftsteller sein.

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