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Bildband Felis silvestris silvestris

Ein Bildband dokumentiert die Wiederausbreitung der Wildkatze – und fängt sehr kunstvoll ihre Schönheit ein.

Von der Höhle ins Helle gelockte Wildkatze. Foto: Klaus Echle/Knesebeck

Ein Katzenkopf, der wie eine Erscheinung aus dem Dunkel aufpoppt. Der konzentrierte Blick aus waldgrünen Augen, deren Pupillen sich im Licht wohl eben erst verengt haben, geht nach vorne, unten, die Ohren sind akkurat ausgerichtet, die weißen Schnurrhaare scheinen wie elektrisiert in der Unschärfe des Bildes, dessen Fokus auf der Stirn des Tieres liegt. Eine Katze auf der Jagd. Genauer, auch wenn man das aus dieser Perspektive nicht zweifelsfrei sieht: Eine europäische Wildkatze, von Klaus Echle als Inbild der Präzision fotografiert, körperlos, aber die Vorstellung ergänzt sich das Fehlende mühelos: angespannter Schulterbereich, sprungbereite Hinterläufe, der Schwanz tief. 

Anders als es das Vorurteil vom irgendwie ziellos triebgesteuerten Wesen suggeriert, ist es ja die vollkommene Körperkontrolle, die Tiere auszeichnet. Ihre Absicht formuliert sich in jedem Muskel, ihre Prioritätensetzung ist, mathematisch gesprochen, eineindeutig, und sie identifizieren sich vollständig damit. No second thoughts. Wenn da Hunger ist, wird gejagt. Und zwar das, was da ist. So lange, bis es erlegt ist. Und dann ist Ruhezeit. Oder Spielzeit. Sie sind ja nicht kulturlos, die Tiere. Und dass sie ihrer selbst nicht bewusst wären, ist bloß eine Vermutung gemäß unserer Maßstäbe (und Verwertungsabsichten). Vielleicht stellen Tiere sich ja nur deshalb nicht in Frage, weil sie die Antwort schon haben. Ist uns indessen das Tier ein Rätsel, mag es an unserem Mangel an Aufmerksamkeit liegen. Und an zu viel Fantasie.

Im Schatten von Digitalisierung, Globalisierung und Klimakatastrophe ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs das Wilde in den westlichen Alltag zurückgekehrt. Durchschnürt und durchwandert ihn, beschnuppert seine Hinterhöfe und nutzt auch Kulturlandschaften, wenn die Waldgebiete von Autobahnen durchschnitten sind. Der Wolf ist zurück, den Luchs gibt es wieder, der Elch schaut vorbei, für Bären ist kein Platz, aber gegen die Wildkatze konnte eigentlich noch nie jemand ernsthaft etwas haben. 

Trotzdem galt sie, die schon vor bis zu  500 000 Jahren in Europa ihre Wühlmäuse fing, dem Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts, der sich den Wald erschloss, plötzlich als Fressfeind. Aber vielleicht war das auch nur der Vorwand, um ohne Gewissensbisse an ihr Fell zu kommen – jedenfalls war sie in Baden-Württemberg schon fast hundert Jahre ausgerottet (eine letzte Sichtung gab es 1912) als 2006 am Kaiserstuhl wieder ein Exemplar gefunden wurde – tot am Straßenrand.

Seither gibt es an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg ein Wildkatzenteam, das die Wiederausbreitung des gerade mal wadenhohen und drei bis sechs Kilogramm schweren Raubtiers beobachtet, fördert und dokumentiert – und das jetzt auch einen beeindruckenden Band mit Berichten und, siehe oben, Bildern herausgegeben hat. Aber auch andere Akteure stellten Weichen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) etwa sorgte mit seinem Projekt „Wildkatzensprung“ bis 2017 in fünf Bundesländern für grüne Korridore zwischen Wäldern, die von Wildkatzen bewohnt werden. Auf 5000 bis 7000 Tiere schätzt der BUND den hiesigen Bestand derzeit, größere Populationen gibt es in Deutschland vor allem in der Eifel, im Hunsrück, im Pfälzer Wald, im Harz, im Hainich sowie im Bayerischen Wald. 

Von ähnlich gemusterten Hauskatzen unterscheiden Felis silvestris silvestris (was wie ein Neujahrswunsch klingt, tatsächlich aber Waldkatze heißt) auf den zweiten Blick der gedrungenere Körper, der buschige, stumpfe Schwanz, dessen Ende eine Zeichnung dunkler Ringen aufweist, und der schwarze Strich auf dem Rücken. Und natürlich die Gene. Die europäische Wildkatze ist nicht die Vorfahrin der Hauskatzen in Europa. Diese stammen vielmehr von der afrikanischen Wildkatze (Felis silvestris lybica) ab und sind in unsere Gefilde nur zugewandert. Als eine baden-württembergische Joggerin 2009 versehentlich zwei von der Mutter verlassene Wildkatzenbabys aus dem Wald mit nach Hause gebracht hatte, fauchten sie fortgesetzt böse und die vorhandenen Hauskatzen trauten sich nicht in deren Nähe. In dem Buch „Wildkatzen“ des Knesebeck-Verlags beschreiben die Freiburger Wildkatzenforscherinnen und -forscher Sabrina Streif, Rudi Suchant und Sarah Veith ihren Monitoring-Alltag (zu dem auch gehörte, sich um den Fund der Joggerin zu kümmern) sehr anschaulich und fassen zusammen, was es über die Wildkatze heute zu wissen gibt. Von fast verstörender Schönheit sind indessen die Porträts und Stillleben des Försters, Naturschützers und Waldtierfotografen Klaus Echle aus den letzten zwölf Jahren, die dieses Naturbuch ganz absichtslos auch zu einem Kunstband machen. 

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