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Bibliotheken in Deutschland Verführungskraft der Buchrücken

E-Books, Open Access und Digitalisierung. Bücher sind schon lange nicht mehr, was sie einmal waren. Hinzu kommt die Sparpolitik, die sich bei der Dichte und Ausstattung der Buchbestände schon massiv bemerkbar machen. Eine kurze Reise durch die deutsche Bibliothekenlandschaft.

Anders als es scheinen mag, spielen hier noch immer Bücher die Hauptrolle: Lesesaal des Grimm-Zentrums in Berlin. Foto: axel schmidt/ddp

Zur „erotischen Nacht“ war Sömmerda schon am Morgen in freudiger Erregung. Ein Bäcker brachte verführerisch anmutendes Gebäck herbei, und in der Bibliothek wurde alles für ausschweifende Tanzeinlagen vorbereitet. Man wolle mal etwas anderes machen, hatte Roswitha Leischner, die Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek im thüringischen Sömmerda gesagt.

Im Mittelpunkt der erotischen Nacht standen aber einmal mehr die Bücher und Vorleser der Einrichtung, die 2009 zur thüringischen Bibliothek des Jahres gekürt worden war. Das prächtig renovierte Haus der Kreisstadt bei Weimar beherbergt rund 65.000 Medieneinheiten und zählt etwa 37000 Besucher pro Jahr. Stolze Zahlen für die kleine Bibliothek mit Garten. Jeder Bürger Sömmerdas schaut statistisch gesehen zweimal pro Jahr vorbei.

Alles gut also in Deutschlands Bücherherbergen? Der in der vergangenen Woche vom Deutschen Bibliotheksverband (DBV) in Weimar präsentierte Bericht zur Lage der Bibliotheken 2010 hat eine andere Botschaft. „Die aktuelle Sparpolitik sowie strukturelle Defizite in Dichte und Ausstattung der Bibliotheken“, heißt es in einer Erklärung, „machen sich jetzt massiv bemerkbar. Die schleichende Aushöhlung der Bibliotheksangebote gibt Anlass zur Sorge, einige Standorte wurden bereits geschlossen.“

Zur Veranschaulichung der Lage hatte der DBV eine Reise organisiert, die die Teilnehmer auch nach Teutschenthal in Sachsen-Anhalt führte. Kein renovierter Altbau, keine schmucke High-Tech-Ausstattung. In Teutschenthal setzt man beinahe zwangsläufig auf den Charme des Selbstgemachten. Das Engagement der Leitung ersetzt einen hinreichenden Ankaufsetat, und der junge Bürgermeister ist regelmäßig Vorleser für die Kleinen.

Die Bücherei von Teutschenthal ist eine Art Gemeindezentrum. Fast jeden zweiten Tag findet eine Veranstaltung statt. Kürzlich hat Hannes Wader hier gesungen, und in der „Langen Nacht der Poesie“ begibt sich Lydie Auvray ans Akkordeon. Bürgermeister Andre Herzog, parteilos, ist 36 Jahre alt. Er war noch nie für längere Zeit aus Teutschenthal weg und wurde 2009 für sieben Jahre zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Zuvor war er der Friseur der schrumpfenden Kleinstadt. Weggehen war für ihn nie eine Option. Seinen Einsatz für die Bücherei betrachtet er als bürgerschaftliche Basisarbeit. Bücher, Bildung, miteinander reden – in der Gemeindebücherei von Teutschenthal wird eine emphatische Vorstellung von der Kulturtechnik Lesen evident.

Der Lagebericht des DBV ist indes bemüht, den allzu sentimentalischen Blick auf die Bücherstätten mit alarmierenden Zahlen zu kontrastieren. 59 Prozent aller Bibliotheken seien von Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung bereits jetzt oder in den nächsten Monaten betroffen. Es gebe bereits Einrichtungen, die in diesem Jahr ganz ohne Medienetat auskommen müssen. Wie alle Kulturausgaben gehören Bibliothekskosten in den kommunalen Haushalten zu den so genannten freiwilligen Leistungen. Oft bilden diese im laufenden Haushalt die einzige Möglichkeit, den Rotstift anzusetzen. Die Auszehrung vollzieht sich bei steigenden Kosten schleichend.

Die Landesregierungen von Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen haben deshalb vor einiger Zeit eigene Bibliotheksgesetze verabschiedet, die in der Praxis aber lediglich wohlfeile Absichtserklärungen darstellen. In keinem der Landesgesetze konnte man sich dazu durchringen, die Kosten für Bibliotheken zu kommunalen Pflichtausgaben zu erklären. In der kulturpolitischen Diskussion ist eine solche Verpflichtung denn auch umstritten. Die Umwandlung in Pflichtausgaben bedeutet nicht zwangsläufig mehr Geld, zöge aber ganz gewiss Eingriffe in die Autonomie der Institutionen nach sich. Der Lagebericht des DBV ist so gesehen auch der Versuch, im lauter werdenden kulturpolitischen Klagekonzert einen vernehmbaren Akzent zu setzten.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen Vorstellung, dass eine Bibliothek aus Regalen, Magazinen und mit Staub bedeckten Büchern besteht, hat sich unterdessen eine Revolution des Bibliothekswesens vollzogen. Diese wird bereits in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar deutlich. Zwar zieht der nach dem verheerenden Brand von 2004 wieder staatlich restaurierte Rokokosaal täglich große Besuchermassen an, aber daneben hat sich eine moderne, ausgiebig genutzte Wissenschaftsbibliothek etabliert.

Nur wenige hundert Meter davon entfernt beansprucht ein dezent in die Stadtlandschaft eingefügter Neubau seine Aufmerksamkeit. In der Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität hat der Münchner Architekt Andreas Meck, der in Berlin unlängst das Bundeswehr-Mahnmal im Bendlerblock errichtet hat, die landläufigen Vorstellungen von der Bibliothek als architektursprachliche Zitate aufgerufen. Der klassische Lesesaal ist hier nur noch eine von verschiedenen Möglichkeiten, das Buch oder den Laptop aufzuklappen. Daneben präsentiert sich die Bibliothek als vielfältiger Lernort, an dem es nicht mehr um Karteikästen, sondern W-Lan-Verbindungen geht.

Eine der spannendsten Diskussionen in der universitären Welt dreht sich denn auch um die Fragen zu E-Publishing, Open Access und der Digitalisierung. Hinter dem allgemeinen Bemühen, sich nicht als technisch unaufgeschlossen zu disqualifizieren, tobt ein Kampf um die Pole-Position bei der Digitalisierung und um die dafür zur Verfügung stehenden Fördermittel.

Schon mal forsch losgelaufen ist man diesbezüglich in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle. Unter dem Stichwort Retrodigitalisierung werden hier umfangreiche Archiv- und Sammlungsbestände erschlossen. So umfasst das VD17, das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts, etwa 10000 Drucke mit 900000 Seiten. Unter www.digitale.bibliothek.uni-halle.de werden demnächst vollständige Schriftgut-Archive im Internet zugänglich sein. Als gigantische Parallel-Aktion hat unterdessen das Unternehmen Google in ähnlicher Absicht weitreichende Verträge mit der bayerischen Staatsbibliothek abgeschlossen. Die Digitalisierung des Weltwissens läuft seit einiger Zeit in unterschiedlicher Qualität über sehr viele Scanner.

Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek von Leipzig, ist nicht grundsätzlich gegen die Digitalisierungsprojekte, sieht aber schwere Defizite in der Koordinierung und beklagt eine fehlgeleitete Förderpolitik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). So habe sich die Uni Halle zwar vorgenommen, die Monographien des gesamten 18. Jahrhunderts einzuscannen, nicht aber die Zeitschriften, die in dieser Zeit zum wichtigsten Medium im Strukturwandel der Öffentlichkeit wurden. Bei dem Versuch, das alte Wissen mit den Cyberwelten kurzzuschließen, scheint bislang nur bedingt Zeit für Sinn- und Strategiefragen zur Verfügung gestanden zu haben.

Tatsächlich stellt sich die deutsche Bibliothekslandschaft mit ihren fast 11.000 Einrichtungen als reiches Wissensreservoir mit sehr unterschiedlichen Aufbewahrungsphilosophien dar. Als das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin kurz nach seiner Eröffnung als Kathedrale des Wissens beschrieben wurde, wollte dessen Direktor Milan Bulaty nichts von einer solchen Sakralbezeichnung hören. Die Innenarchitektur des Gebäudes beeindruckt zwar durch seine terrassenartig angelegten Leseplätze. Die Hauptrolle spielen in der Uni-Bibliothek der Humboldt-Universität aber immer noch die Bücher.

Bis zu 6000 Besucher kommen täglich. Der Großteil des Bestands ist direkt verfügbar. Gegen den Trend einer digitalen Verwahrung der Wissensressourcen ist hier eine große Bestandsbibliothek entstanden, die auf die Verführungskraft der Buchrücken setzt. Milan Bulaty missfällt dabei das Wort Weltwissen. 90 Prozent dessen, was in Büchern zu finden ist, seien Irrtümer, Umwege, Sackgassen, Hoffnungen und Meinungen. Und noch immer sei die Wissenschaft auf glückliches Finden angewiesen, das sich eher zufällig am Regal einstellt. Deutsche Bibliotheken, das ergab die kurze Reise durch die Welt, in der Bücher aufbewahrt werden, sind bis auf weiteres unverzichtbare Orte gesellschaftlicher Kommunikation. Manche haben sogar durchgehend geöffnet.

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