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Bibel Und wieder kein Nichts

Aller Anfang ist schwer und ist nicht zwangsläufig der Anfang von allem: Jan Christian Gertz’ Übersetzung und Erläuterung der Genesis.

Bibelillustration von Gustave Doré
„Und es werde Licht“: Aus der Bibelillustration von Gustave Doré (1832-1883). Foto: imago

Auf knapp dreihundertfünfzig Seiten bietet das Buch des in Heidelberg lehrenden evangelischen Alttestamentlers Jan Christian Gertz eine Übersetzung und Erläuterung des ersten Buch Mose, der Genesis also. Es ist der erste Band von „Das Alte Testament Deutsch“ des Neuen Göttinger Bibelwerks. Wie richtig, wie falsch es ist, wo Gertz Neuland betritt, wo Gertz irrt, das alles kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, es ist eine Freude, sein Buch zu lesen. Ganz gleich, ob man sich in die komplexe Überlieferungsgeschichte der Sintflut-Passagen einführen lässt, in die verwirrende Paradiesgeschichte oder aber, ob man einfach am Anfang beginnt.

Gertz übersetzt: „Am Anfang hat Gott den Himmel und die Erde geschaffen. Und die Erde war ein Tohuwabohu und Finsternis lag über der Urflut und der Hauch Gottes schwebte über dem Wasser. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht.“

So weit, so gut und so vertraut. Die markanten Hammerschläge dieses Anfangs aller Anfänge sind alt, aber auch die Kritik an dieser Lesart ist alt. Gertz’ Buch ist groß darin, alternative Lesarten plausibel zu machen. Die Kritik an der gängigen Lesart lautet: Es fehlt der bestimmte Artikel. Also kann man nicht übersetzen an dem (am) Anfang. Im Hebräischen müsste auf „Anfang“ ein „der Welt“, „der Geschichte“, „der Liebe“, „des Bundes“ was auch immer, in jedem Fall aber Hauptwort im Genitiv folgen. Das ist hier aber nicht der Fall. Jüdische Interpreten des 11. und 12. Jahrhunderts schlugen darum vor, das sich anschließende „schuf Gott den Himmel und die Erde“ nicht als selbstständigen Satz zu verstehen, sondern als die nähere Bestimmung eines besonderen Anfangs.

Also nicht „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ sondern – jetzt übersetze ich – Anfang der Erschaffung von Himmel und Erde ... Wie die folgenden Elemente syntaktisch zusammenhängen könnten, führt Gertz so vor: „Am Anfang von Es-schuf-Gott-den-Himmel-und-die-Erde (war es), während die Erde als Tohuwabohu existierte, wobei Finsternis über der Oberfläche der Flut (lag) und ein starker Wind über der Oberfläche des Wassers ,rüttelte‘, da sprach Gott: Es werde Licht!“ Nichts wird einfacher, wenn man es kennenlernt. Auch dem ungeübten Leser dieser Zeilen fällt sofort auf, dass es sich nicht mehr um einen Anfang von allem handelt. Sondern um den Anfang des Schöpfungsaktes. Alle theologischen Debatten über die Frage der Schöpfung aus dem Nichts stellen sich hier nicht. Auch die zum Beispiel von Thomas Mann lustvoll beschriebenen Auseinandersetzungen darüber, was Gott wohl vor diesem „Anfang“ getan haben mag, verlieren an Brisanz. Denn diesem Anfang mögen Milliarden andere Anfänge anderer Projekte vorangegangen sein.

Mit den Augen Raschis und Ibn Esras gelesen, handelt das Buch Genesis nicht vom Anfang von allem, sondern vom Anfang der Schöpfung dieser Welt. Bei dieser Lesart verlieren große Teile abendländischer Reflexion ihre Textgrundlage. Kein Nichts nichtet mehr. Das macht sie nicht uninteressanter, geschweige denn überflüssig. Es raubt ihr aber den Charakter einer Offenbarung.

Hier, in Gottes Wort also, steht nichts von einem Anfang von allem, hier ist nur die Rede vom Anfang der Schöpfungsgeschichte. Im Fortgang plädiert Gertz dafür, den ersten Vers so zu lesen wie die jüdischen Exegeten das taten, ihn aber als Überschrift über das Folgende, als eine Art Motto voranzustellen, so dass die nächsten Verse den Zustand der Welt vor ihrer Erschaffung darstellen. Der erste Schöpfungsakt ist dann das: Es werde Licht.

Das Ganze wird natürlich nicht einfacher, wenn man in die Überlieferungsgeschichte auch dieser Passage einsteigt, wenn man zu verstehen beginnt, wie sich auch in ihr unterschiedliche Traditionen mal leicht identifizierbar nebeneinander legen mal unauflöslich mit einander verbinden. Es macht Spaß, Gertz zuzusehen bei seinen Versuchen, alle Stränge clare et distincte offen zu legen. Vor allem, wenn man daran denkt, dass um diese verschiedenen Zugänge zum Text keine Kriege mehr geführt werden, niemand mehr um einen Kopf kürzer gemacht oder auf einen Scheiterhaufen gestellt wird.

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