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Bertha Pappenheim Den Aufbruch leben

Die bewanderte Romanbiografie „Ich, Bertha Pappenheim“ von Franz Maciejewski.

Bertha Pappenheim.
Foto: Sascha Rheker

Anhaltend war auch die Wanderschaft der Bertha Pappenheim. Was blieb, war kein Ankommen. So kann man deren Lebensgeschichte lesen. Am Ende keine Bleibe auf Erden, nirgends, so muss man die Romanbiografie Franz Maciejewskis verstehen.

„Ich, Bertha Pappenheim“ ist eine Romanbiographie, die die Ichsuche der 1859 geborenen Frau groß schreibt, die Recherche nach einer (weitgehend) vergessenen Jüdin, Frauenrechtlerin und Autorin. Als sie sich im Mai 1936 in „matter Seligkeit“ zurücklehnt, um zu sterben, liegt die eine oder andere lebensbedrohliche Situation hinter ihr, in der sie sich gesagt hat: „Bangemachen gilt nicht.“

Ein Leben als bürgerliche Ehefrau ist ihr in die Wiege gelegt, doch sie widerspricht. Man nennt sie kapriziös, man nennt sie Hysterikerin, man lässt ihr eine „Redekur“ angedeihen. Bertha Pappenheim - das ist die berühmte „Anna O.“, die „Primadonna“ der frühen Psychoanalyse: „Freud schaffte das Kunststück, die überdrehte Kranke in eine Lichtgestalt zu verwandeln.“

Der Selbstironie der Bertha Pappenheim entgeht keine böse Pointe, in einem immer wieder schnoddrigen Ton begehrt sie auf gegen ihr Puppenheim. Die Redekur lässt sie hinter sich, von der Körperdressur, ein Foto im Anhang des Buches zeigt die junge Frau im Reitkostüm, wie „gestriegelt“, macht sie sich los.

Bertha Pappenheim geht daran, sich stark zu machen - und das tut sie für sich selbst, um auch andere stärken zu können. Sie ruft den Jüdischen Frauenbund ins Leben, sie streitet für die Mitsprache der Jüdinnen in allen Gemeindeangelegenheiten, sie bestreitet einen männlichen Gott. Autorin, die sie auch ist, verlässt sie ihren Schreibtisch, bereist Galizien, Polen und Russland, wo sie die Prostitution und den auch in Mitteleuropa davon profitierenden Mädchenhandel bekämpft. In Neu-Isenburg gründet sie ein Heim für „gefallene“ jüdische Mädchen, weil dort, vor den Toren Frankfurts, liberalere Gesetze herrschen, während den Delegierten des Jüdischen Frauenbunds Frankfurt wie das „neue Jerusalem“ erscheint. Sie wird von dem US-Präsidenten Woodrow Wilson als Beraterin ernst genommen ebenso wie vom Völkerbund.

Franz Maciejewski ist ein bewanderter Kulturwissenschaftler. Er hat Bücher über die Psychoanalyse verfasst, die Moses-Frage, Echnaton und Nofretete, den Monotheismus - über das kulturelle Gedächtnis. Er hat sich immer wieder intensiv der Frage des Eignen und des Gegenübers gewidmet, einer Frage, wie sie auch seine Protagonistin extrem beunruhigt wegen ihrer Doppelrolle als Frau, als Jüdin.

Maciejewskis Romanbiografie ist die Fortsetzung einer Redekur, einer Selbstenthüllung mit gemischten Gefühlen. Zur Emanzipation der jungen Bertha gehört eine Selbst-Entlarvung, das Ablegen der Larve, die ihr die Konventionen auf den Leib geschrieben hatten. Gespiegelt wird diese Selbst-Entlarvung wiederum in der Verpuppung der emanzipierten Frau, die dem Maler Leopold Pilichowski (1869 - 1934) Modell steht im Kostüm der Glückel von Hameln.

Zur Maskerade gehört der Kosename, Glickl, war sie es doch, die ab 1691 daranging, als erste Frau eine jüdische Autobiografie zu verfassen. In der Maskerade zeigt sich die Herausgeberin dieser Schriften, Bertha, als Doppelgängerin der Glickl, zur Rückblende gehört die Überblendung. Zur Selbstenthüllung im Portrait des Vorbilds allerdings auch, dass es mit dem Auge eines (männlichen) Malers geschieht. Reizvoll das Einverständnis von Maler und Modell.

Maciejewskis Roman einer vielfach vertrackten Biografie ist ein weises Buch, das auch außerordentlich klug ist. Aus der Ich-Perspektive erzählt, weiß es ähnlich viel wie ein allwissender Erzähler. Die Selbstreflexion der Protagonistin wird gelegentlich zur Abhandlung, aus ihr spricht ein illustrer Geist. Im Spannungsfeld von Realem und Imaginären hat sich die selbstbewusste Frau bewegt, die ein Bewusstsein von sich selbst auch durch die Psychoanalyse bekam. Eingeladen ins mondäne New York wird sie von ihrer Krankengeschichte heimgesucht, die ein Dr. Freud, auf USA-Tournee, unter das Fachpublikum bringt: Sigmund, „der Zauberer“, die Geschäftstüchtigkeit in Person, ein „Wunderrabbi“. Die kamen ihr noch nie koscher vor, seitdem sie deren Rolle bei der Missachtung „armer Sünderinnen“ durchschaut hatte.

Bertha Pappenheim lebte fortwährend den Aufbruch. Es war der Ausbruch aus dem, was ihr immer wieder wie ein Getto erschien: „die Einhegung der Weiblichkeit“, die Einhegung jüdischer Spiritualität durch die „Rechthaberei der Rabbiner“, die Einhegung von „Geschöpfen zweiter Güte“, die von Kindes Beinen an lernten, dass ihnen „nur ein Geschlechtswert zukam“.

Bertha Pappenheim weiß um ihre Rolle, sie weiß um ihren Ruf, es amüsiert sie, eine „geniale Kratzbürste“ zu sein. Schließlich erkennt sie in der Intellektuellen Margarete Susman eine Weggefährtin auf ihrer ewigen Wanderschaft, auf der Suche nach der verlorenen Zukunft. Im Disput mit der Intellektuellen geht es um den „unbegrenzten Urstoff“, um die Frage, woraus die Dinge entstehen, aus einem Gott, einem Geist, oder aber, gemäß vorsokratischer Lesart, einer „drängenden Naturkraft“.

Die Zukunft für eine jüdisch-deutsche Symbiose war erklärtermaßen das Ziel der Jüdin, dem latenten ebenso wie dem aggressiven Antisemitismus sah sie sich ausgesetzt. Nur ja keinen „Risches machen“: Nur nicht auffallen, stillhalten, dem Judenhass keinen Vorwand liefern, wurde zur Devise eines Judentums in Zeiten, in denen der Antisemitismus mörderisch aufrüstet.

Im April 1936, das „Tier“ frisst sich in ihren Eingeweiden voran, wird sie von der Gestapo in Offenbach vorgeladen. Obwohl ihr ein Arzt ein Attest anbietet, will sich die Todkranke „nicht wegducken“. Kafka wird zum Synonym für das Kafkaeske. Er, dessen Figuren sie soeben noch als Wiedergänger des ewigen Hiob erlebt hat, wird zum Sinnverwandten unschuldiger Schuld, in dieser „neuen deutschen Welt“ zum Synonym eines willkürlichen Unrechts, das Schuldlosigkeit nicht kennt.

Wenn Bertha Pappenheim dennoch das Gestapoverhör „glücklich“ übersteht, dann ist dieses Glück so etwas wie eine vorweg eingetretene Euphorie, einen Monat vor ihrem Krebstod am 28. Mai in Neu-Isenburg. Sie war, wie schon in ihrem Leben, wohl auch auf dem Sterbebett unerschrocken

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