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Bernd Stiegler Arthur Conan Doyle Sherlock und die Elfen

Bernd Stiegler beschäftigt sich mit dem überzeugten Spiritisten Arthur Conan Doyle und trägt herrliche und kuriose Details zusammen.

Conan Doyle angeblich mit seinem Sohn. Foto: Bibliothèque Cantonale, Lausanne

Er hat den vielleicht größten, jedenfalls berühmtesten Logiker der Literatur erfunden – und hatte doch eine erstaunliche Logik-Lücke in seinem Leben: Arthur Conan Doyle ließ Sherlock Holmes einen strikten Vernunftmenschen und Verächter jeder Geisterbeschwörung sein und war doch selbst ein überzeugter, ja leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus. Die Diskrepanz, die man in der Tat verblüffend nennen muss, hat den Literaturwissenschaftler und Philosophen Bernd Stiegler so beschäftigt, dass er ein faszinierendes, minutiös zusammengetragenes Buch darüber geschrieben hat: „Spuren, Elfen und andere Erscheinungen. Conan Doyle und die Photographie“. Die noch relativ junge Technik des Lichtbildes ist Stiegler Schlüssel für Conan Doyles, aus heutiger Warte, befremdlichen Aberglauben.

Schon als junger Mann, lang vor Sherlock Holmes, interessiert sich Arthur Conan Doyle (1859-1930) sehr für die Fotografie; nicht als Kunst, sondern als Mittel der Zähmung der „wilden“ Natur. Auf seinen Reisen bis nach Afrika führt er ein ganzes Fotolabor mit sich, da er überzeugt ist, es sei handlicher, gleich Abzüge herzustellen, als die belichteten Platten nach Hause zu tragen. Der spätere Schriftsteller ist mächtig stolz auf seine Bildtrophäen. Und begreift sie, so Stiegler, als „physisch-materiale Übertragungen des Gegenstandes“, als eben nicht rein visuelle Spuren.

Das könnte erklären, warum er später in so genannten „Geist-Fotografien“ einen schlagenden Beweis für die Möglichkeit eines Kontakts mit der Toten-Welt sah. Oder überzeugt war, dass Elfen und Gnome dank der neuen Technik quasi gestellt werden können. Am krassesten vielleicht im Fall der von zwei Mädchen, Frances und Elsie Wright, in einem Garten im englischen Cottingley gemachten Elfen-Fotos. Zwei Spezialisten von Kodak beauftragte Conan Doyle mit der Prüfung der Bilder; da diese ihm bestätigten, es handle sich um nur einfach belichtete, bei Tageslicht entstandene Fotografien, schob er den – freilich zarten – Hinweis der Kodak-Leute beiseite, die Elfen im Garten könnten Modelle, simple Papp-Figuren gewesen sein. Dem heutigen kritischen Bildbetrachter kommen sie durchaus papieren vor.

Die Geschwister Wright, meint Conan Doyle zudem, seien zu einem so elaborierten Betrug gar nicht fähig. Auch die offenbar verhuscht wirkende Ada Deane hält er für unbedingt rechtschaffen; sie kann angeblich ganze Gruppen von im Krieg gefallenen Soldaten abbilden. Die Zeitung „Daily Sketch“ entdeckt unter den Geister-Gesichtern bekannte (lebendige) Sportler, fordert daraufhin Deane heraus, eine solche Fotografie unter Aufsicht herzustellen. Ada Deane lehnt ab. Auch das macht den Sherlock-Erfinder keineswegs stutzig.

„Am Rand des common sense“

Im Jahr 1915 bekennt sich Conan Doyle öffentlich zum Spiritismus und wird zum „großen Kommunikator der Bewegung“ (Stiegler). 1921 entdeckt seine Frau ihre „mediumistische Empfänglichkeit“ und zeichnet „fortan jeden Tag einen nie enden wollenden Strom von Botschaften auf“. Stiegler weist freilich darauf hin, dass der Schriftsteller sich mit seinem Engagement damals lediglich „am Rand des common sense“ bewegte, dass es etwa gesellschaftlich weit verbreitete Praxis war, sich zu Séancen zu treffen. Als Beleg könnte man den jüngsten Woody-Allen-Film „Magic in the Moonlight“ heranziehen, in dem ein Magier es sich zur Aufgabe macht, ein attraktives „Medium“ als Schwindlerin zu enttarnen. Im Fall Conan Doyles war es der weltberühmte Entfesselungskünstler und Zauberer Harry Houdini, der vom Freund zum Gegner wurde.

Ebenfalls erstaunlich, dass der Autor bereits 1912 als Illustrationen zu seinem Roman „The Lost World“ (er diente als Vorlage für Steven Spielbergs „Jurassic Park“) Foto-Fälschungen vorgeschlagen hatte, etwa des Hochplateaus, auf dem die Dinosaurier überlebt haben sollten. Er scheint also allemal gewusst zu haben, wie man doppelt belichtet oder Fotocollagen herstellt.

Herrliche und kuriose Details hat Bernd Stiegler zusammengetragen. Etwa, dass der von Fotografie so faszinierte Schriftsteller in jungen Jahren doch auch die Zeitschriftenwerbung für „Watson’s Detective Camera“ wahrgenommen haben muss – und den Namen später möglicherweise mit einem Augenzwinkern verwendete. Während Sherlock Holmes derjenige ist, der, so ein schöner Gedanke Stieglers, wie eine Kamera funktioniert: Jede Einzelheit aufnehmend und sie objektiv, im Grunde völlig emotionslos verarbeitend.

Leider wollte Stiegler offenbar keine Mutmaßungen darüber anstellen, warum Conan Doyle so sehr an die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme mit Verstorbenen glauben wollte, dass er sich gar einreden ließ (selbst einredete?), sein Sohn sei mit ihm zusammen auf einem Bild erschienen. Es halfen keine Hinweise, dass die Ähnlichkeit nicht groß sei, dass zudem Sohn Kingsley (1892-1918) sich doch wohl in dem Alter zeigen würde, in dem er gestorben war, und nicht als Junge. Wiederum öffentlich und zu manchem Spott erklärte der Schriftsteller die Echtheit der „Geist-Fotografie“.

Man stellt sich Arthur Conan Doyle nach Lektüre Stieglers als jemanden vor, der einerseits fast immer auf der Höhe wissenschaftlicher Forschung war. Dem andererseits der Spiritismus vielleicht ein entscheidender Trost war.

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