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Berlin-Roman Der Gesang der Großstadt

Der Dokumentarfilmer Volker Heise hat einen atemlosen Berlin-Roman geschrieben.

Station Warschauer Straße in Berlin
Symphonie einer Großstadt: S-Bahn-Surren an der Station Warschauer Straße in Berlin. Foto: rtr

Volker Heise lässt es ganz schön krachen in seinem Romandebüt. Oder besser knallen. Es sind Pistolenschüsse, die hier fallen, und am Ende sind Menschen zu Mördern geworden, andere Menschen sind tot. Man hat nicht erwartet, dass die Wut sich derart gewalttätig Bahn bricht, tritt sie einem zu Anfang doch als stille Frustration entgegen. Heises Protagonisten sind lauter vom Leben gebeutelte Pechvögel, keineswegs unsympathisch.

Da ist Tobias Naujoks, Koch und Besitzer eines stadtweit bekannten Edelrestaurants. Für die neuen Menschen in den frischgemachten Eigentumswohnungen verarbeitet er seine proletarische Herkunft in seinen Gerichten. „Glückliche Tage“ heißt eines. Dafür hat er 30 beim Imbiss gekaufte Currywürste zerhäckselt, die Masse in ein Netz gefüllt und den Sud, der heraustropfte, auf geröstete Kartoffeln geträufelt. „Kubist der Küche“ hat ihn die Presse getauft. In seinem Nachwort warnt Volker Heise davor, die beschriebenen Gerichte nachzukochen.

Da ist Axel Hentschel, Polizeiobermeister, dessen Karriere abgebrochen ist, der wieder Streife fährt. Seine Frau geht mit seinem Vorgesetzten ins Bett, während nebenan der Sohn schläft. Und da sind Jan und Nadine, beide aus der kleinen Stadt in der norddeutschen Provinz, er aus dem Westen, sie aus dem Osten, beide verloren in der großen. Sie klammern sich aneinander, hoffen sich aus dem Schlick zu befreien, der ihre provinzielle Herkunft für sie bedeutet. Ihnen wünscht man das Glück am allermeisten. Jan glaubt es mit Nadine vor sich zu haben und meint: „Du musst es verteidigen, zur Not mit Faust oder Messer oder Sense.“ Aber so funktioniert das Glück nicht.

Das Buch spielt während einer einzigen Nacht, binnen sechs Stunden genau gesagt, und es spielt in Berlin, auch wenn dieser Name nicht ein Mal fällt. Die Stadt hat eine mindestens so große Rolle wie die Menschen in diesem Buch. Als „riesigen Organismus, für den die Menschen nur Rohstoff sind“, beschreibt Volker Heise sie, so als habe sie ein Eigenleben. Und ihre Bewohner nennt er einmal Dominosteine, so als hätten sie wiederum keines. Die Stadt fügt die Menschen mit ihrem Wollen und Streben auf eine Weise zusammen, dass am Ende nichts so ist, wie sie es sich erhofft haben. Sie ist ein Sammelbecken von Kreaturen, die das Leben zerzaust hat. Jeder ist auf seine Weise einsam. Und es ist eine bittere Einsamkeit, wie nur die Großstadt sie hervorbringen kann, deren „Grundsurren“ einen immer umgibt, als bittere Erinnerung daran, dass man inmitten all dieser vielen Menschen, die den Gesang der Großstadt hervorbringen, einsam ist. Es ist Berlin im Winter in diesem Buch, die Jahreszeit, die Heise ganz richtig als Urzustand der Stadt erkennt. „Der Sommer ist nicht mehr als ein Versprechen, das sich nie erfüllt.“ Eine Täuschung.

Volker Heise hat mit seiner großen Fernsehdokumentation „24 h Berlin – Ein Tag im Leben“ Furore gemacht. Diese Arbeit spiegelt sich in seinem Romandebüt. Wie eine Kamera schwebt der Blick des Autors in die Stadt ein, gleitet über Baumärkte und Discounter, Möbelmärkte und Tankstellen hinweg, bis er angekommen ist bei den Menschen, die wie Ameisen umeinander wuseln. Und so hat man den Eindruck als gäbe es von den Schicksalen, von denen Heise schreibt, noch viele mehr, und es sei nur ein Zufall, dass der Blick sich zu denen herabgesenkt hat, die einem hier entgegentreten. Wäre er einen Meter weiter geschweift, fände sich auch dort Eindringliches.

Immer wieder zieht Heise einen Querschnitt durch die Stadt. Alles geschieht gleichzeitig, nur dass er als Buchautor keine 80 Fernsehteams braucht, um diese Gleichzeitigkeit zu dokumentieren wie er es in „24 h Berlin“ getan hat. Die Simultanität ist bei ihm der Kern der Großstadt. Und so war es schon in Walter Ruttmanns Film „Berlin. Die Symphonie der Großstadt“ von 1927. Auch hier ist sie vor allem ein Ort, an dem viele Dinge gleichzeitig geschehen. So entsteht eine Dynamik, die etwas Atemloses hat.

Manchmal zieht Volker Heise auch einen Längsschnitt in die Zeit von brennenden Häusern, Bunkern und Luftschutzkellern. Oder er streift mit seinem Kamerablick einen bestimmten Menschen. Den Jungen auf Klassenfahrt etwa, der sich nachts aus dem Hostel in einen Schwulenclub schleicht, den Junkie, der sich für einen Euro eine Viertelstunde Ruhe von der Stadt erkauft, in einer Wall-Toilette. Geschichtenstoff alles.

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