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„Berlin Heart Beats“ Leerer als leer geht nicht

Der Foto- und Textband „Berlin Heart Beats“ ist eine sentimentalische Reise, die in den nicht nur wilden Neunzigern beginnt.

Berlin in der Nachwendezeit: Hier mit einem Elefanten. Foto: Hendrik Rauch / Bobsairport

Ja, tatsächlich. Es gab einmal eine Zeit ohne Mobiltelefone. Die Berliner Schriftstellerin Judith Hermann erinnert sich an die typischen Papierrollen, die man sich vor die Wohnungstür hängte, damit Leute, die vergeblich vorbeigekommen waren, Nachrichten hinterlassen konnten. Aber das Offene, Provisorische, Illegale und Freie löste sich irgendwann auf. „Die Papierrollen verschwanden“, gibt Judith Herrmann in dem Buch „Berlin Heart Beats“ zu Protokoll, herausgegeben von Anke Fesel und Chris Keller, die in Wort und Bild eine sentimentalische Reise zu den „wild years“ unternommen haben.

Wild, leer und experimentell, so denkt man sich das Berlin der Nachwendezeit. Und so war es wohl auch. Die friedliche Revolution von 1989 war jedenfalls nicht nur eine politische, sondern vor allem auch eine kulturelle Umwälzung. Und als der Schriftsteller Ingo Schulze sich darüber beklagt, dass die DDR, wie er sie kannte, plötzlich verschwunden sei, bemerkt Judith Hermann, die 1970 in Neukölln geboren wurde und dort aufgewachsen ist: „Mein Westberlin ist auch von der Landkarte gelöscht worden, auch das gab es nicht mehr.“

Manche benötigten für die Wahrnehmung des kulturellen Wandels etwas länger. Die Musikerin Christiane Rösinger hat sich zunächst innerlich dagegen gewehrt, dass die Musik nun im Osten der Stadt spielte. „Mir kam das alles so oldschool vor. Ich bin 91 oder 92 rum mal zum Tacheles gegangen. Da saßen Typen in Flokatiwesten im Kreis ums Lagerfeuer und haben Rotwein aus der Flasche getrunken und an Schrottskulpturen herumgeschweißt. Das kannte ich schon aus der Kreuzberger Hausbesetzer- und Punkszene.“

Aber dann trieb es Rösinger doch in den Osten, sie startete musikalisch mit ihrer Band Lassie Singers durch und gründete die Flittchenbar, einem bald legendären Treffpunkt, wo Musik gemacht wurde und skurrile Projektideen ihren Anlauf- und Ausgangspunkt fanden.

Alles muss man selber machen – das wurde nicht nur zum Lebensprinzip der Rösinger, es schien auch das Motto der Zeit zu sein. Leute, die sich ihre Projektideen in den achtziger Jahren oft nur ausgemalt hatten, fanden nun die passenden Räume, sie umzusetzen. Für Christiane Rösinger und ihre Bandmitglieder blieb es trotz des vorübergehenden Rufs, eine Kultband zu sein, bei dem zweifelhaften Gefühl, einer Lo-Fi-Boheme anzugehören, einer Art Lebenskunst-Elite, die sich auf niedrigschwelligem Niveau so durchwurschtelt.

Und die, die man versucht ist, zur echten künstlerischen Elite zu rechnen? Sie sehen die „wilden 90er“ ebenfalls als plötzlich auftauchendes Reservoir der Möglichkeiten. „Die Volksbühne war ein schöner Ort“, sagt deren Noch-Intendant Frank Castorf, „der war groß, die Flasche war leer, Zuschauer gab es nicht. Also konnte man bei null anfangen. Leerer als leer geht nicht.“ Das meiste, was danach kam, beschreibt Castorf aus der Empfindung des Verlusts. „In dieser Stadt Berlin war früher wirklich Kunst vorhanden, hier hat es wirkliche Intellektuelle, wirkliche Künstler gegeben.“

Danach gibt es nur noch ein danach, die alte Hegel’sche Weisheit, dass die Kunst ihrem höchsten Wesen nach etwas Vergangenes sei, ist oft auch nur eine Beschreibungsvariante derjenigen, die älter werden. Ganz in diesem Sinne kommt der Band „Berlin Heart Beats“ nicht um die Klippe herum, die frühen 90er-Jahre als untergegangene Antike zu durchschreiten.

Nicht alle sind dabei so schwermütig wie Castorf. Der Comic-Zeichner Ol staunt noch immer ein bisschen darüber, wie er wurde, was er ist: ein von seinen Fans, insbesondere den Lesern der Berliner Zeitung, innig geliebter Witzbildzeichner. „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ sind in die Jahre gekommen, aber Ol vermag immer noch über sie zu staunen. Und längst haben sie ein seltsames Eigenleben. „Ich kann diesen Müttern, die ich da zeichne, alles Mögliche in den Mund legen – und ein halbes Jahr später sagen sie es tatsächlich. Da staune ich und denke, das habe ich mir doch nur ausgedacht.“

Es liegt nahe, dass die Helden der 90er ihre Zeit bei alledem ein wenig verklären. Man konnte gewiss auch durch die Kulisse gestolpert sein, ohne von all den Projektionen etwas mitzubekommen. Und klar, es fehlt heute auch was. Es ist enger geworden in Berlin, saturierter, irgendwie aufgeräumter, selbst im hippen Neukölln. Die zahlreichen Fotos von Harald Hauswald, Ben de Biel, Ute Mahler, Rolf Zöllner und anderen zeigen ein raues, farbloses Berlin. Ruppig und unverfälscht, eine Nullstellung des bedingungslosen Eigensinns.

Vieles sieht nicht nur heroisch, sondern auch traurig aus. Und doch war da diese plötzlich aufbrausende Energie. Kreativität ist produktiver Ungehorsam, sagt Kunstkurator Klaus Biesenbach und scheint noch immer ein wenig darüber zu staunen, wie er über die Berliner Kunst-Werke, eine Art Proberaum der Unangepassten, den Weg in die Tempelhalle des New Yorker Museum of Modern Art fand.

Temps perdu? Die Stadt hält dagegen, schreibt der Journalist Niklas Maak im Vorwort, deshalb seien die Fotos in dem Buch denn auch weniger ein melancholischer Rückblick als vielmehr ein Versprechen für die Zukunft, „eine Erinnerung daran, was sein wird“.

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