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Beate Teresa Hanika „Das Marillenmädchen“ Die Marmelade aus dem Jahr 1944

Die Schriftstellerin Beate Teresa Hanika erzählt über den Holocaust und von den Versuchen der Erinnerung.

06.01.2017 16:52
Susanne Lenz
Der Anblick von Früchten konserviert in dem Roman die Erinnerung. Foto: Justin Sullivan/AFP

Dieses ist ein Buch über das Altsein und die Erinnerung, auch ein Buch über den Holocaust sowie den alten und neuen Antisemitismus. Und das Jungsein auch. Elisabetta Shapiro lebt in einem Haus in Wien. In dessen großen Garten steht ein Marillenbaum, aus dessen Früchten sie jedes Jahr Marmelade kocht. Es ist dies eine Tradition, die ihre Mutter begonnen hat. Die Gläser stehen nach Jahrgängen geordnet im Keller. Das Glas aus dem Jahr 1944 ist etwas Besonderes. „Es ist nur für den Notfall, Kezele“, sagte die Mutter damals zu Elisabetta. „Falls sie dir was tun wollen und ich dir nicht helfen kann.“

Die Shapiros sind nämlich Juden und nur deshalb noch nicht deportiert worden, weil der Vater als Arzt in seinem Krankenhaus unabkömmlich ist. Irgendwann, der Krieg ist fast vorbei – aber eben nur fast –, ist auch das egal. Nur Elisabetta kommt davon. Sie klettert an dem Nachmittag, an dem ihre Familie abgeholt wird, mit ihrem Freund Franz in ausgebombten Häusern herum. Als sie zurückkommt, stehen die Eltern und die beiden Schwestern Judith und Rahel noch im Wohnzimmer. Elisabetta schleicht sich wieder hinaus. Jetzt ist sie eine alte Frau, die sich erinnert.

Die Autorin Beate Teresa Hanika ist bisher als Jugendbuchautorin in Erscheinung getreten, als solche ist sie preisgekrönt. „Das Marillenmädchen“ ist ihr erster Roman für Erwachsene. Ihren lakonischen Stil hat sie für die neue Zielgruppe wohl beibehalten. Doch ihr neuester Roman beschäftigt sich mit einer Frau am Ende ihres Lebens.

Deren Gegenwart verschränkt die Autorin meist geschickt, manchmal aber auch verwirrend mit der nahen und fernen Vergangenheit, die genauso gegenwärtig ist, und mit der Geschichte der neuen Hausbewohnerin Pola, die sich schließlich mit der Elisabettas verbindet. Bei Elisabetta leben auch noch die in Dachau ermordeten Schwestern, als seien sie gar nicht tot. Kann Erinnerung so stark werden?

Den Leser schnippt dieses Buch mühelos hinein in dieses schwere Leben einer Überlebenden. Der Schrecken, von dem die Schwestern manchmal erzählen wollen, wird nur angespielt, dann ist man beim Ausmalen auf die eigene Vorstellungskraft angewiesen. Das funktioniert bei Lesern ab einem gewissen Alter sehr gut.

Ein wenig albern ist der Einfall, das Haustier der drei Schwestern – eine Schildkröte – Hitler zu nennen, um Sätze bilden zu können wie: „Ich erinnere mich daran, dass ich mit Hitler unterm Arm die Flugzeuge ansah. Diese breite Front, die über Wien zog.“ Voll untröstlicher Melancholie sind manche Überlegungen zum Alter: „Irgendwann hat man alles genug getan. Sich ins Bett gelegt und auf die Seite gedreht, beim Zähneputzen ins Waschbecken gespuckt, das, was man immer tut, und auch das andere.“

Meist wird es einem in dem Moment, in dem man es tut, nicht bewusst sein, dass man etwas zum letzten Mal getan hat, sondern erst wenn man zurückblickt. Da macht sich beim Lesen einen Ziehen in der Herzgegend bemerkbar. Elisabetta hat genug letzte Male hinter sich. Sie hat trotzdem nie zu der Marillenmarmelade aus dem Jahr 1944 gegriffen, die ihre Mutter mit Arsen vermischt hat, weil der Tod manchmal besser sein kann, als das, was das Leben für einen bereithält. Aber meist ist die Hoffnung stärker.

Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen. btb Verlag, München 2016. 254 Seiten, 19, 99 Euro.

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