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Barbara Es ist durchaus herrlich in Göttingen

Vor 20 Jahren starb die französische Sängerin Barbara – ihre „Unvollendeten Memoiren“ liegen erstmals auf Deutsch vor.

24.11.2017 10:38
Jörg Aufenanger
Die Sängerin Barbara
Barbara, 1987 in Paris. Foto: afp

Bisweilen ist die Entstehungsgeschichte eines Lieds abenteuerlich und von lauter Zufällen geprägt. So auch die des Chansons „À Göttingen“ der Französin Barbara. Davon erzählt sie selbst in ihrer Autobiographie „Es war einmal ein schwarzes Piano...“, den „Unvollendeten Memoiren“, die anlässlich ihres zwanzigsten Todestags nun auch auf Deutsch vorliegt.

Barbara, die eigentlich Monique Serf hieß, trat in den 1960er Jahren allabendlich in dem winzigen Pariser Cabaret „L’Écluse“ auf. Dorthin verirrte sich der Leiter des Jungen Theaters Göttingen Günther Klein und war hingerissen von ihren Liedern. Nach dem Konzert fragte er sie, ob sie zu einem Gastspiel nach Göttingen kommen würde. Barbara lehnte vehement ab. In Deutschland würde sie nicht singen. In diesen Jahren waren die Deutschen vielen Franzosen noch verhasst nach den Erfahrungen mit der Besatzung während des Kriegs. Von ihren eigenen Erlebnissen mit ihnen berichtet Barbara indes sehr zurückhaltend in ihren 1997, dem Jahr ihres Todes, verfassten Memoiren.

Ihre Kindheit und Jugend waren eine Vagabondage. 1930 in Paris in eine elsässisch-ukrainisch-jüdische Familie geboren, zog sie von einem Ort zum anderen auf einer erzwungenen Tour de France: Marseille, Poitiers, Blois, Chateauroux, Tarbes und nach dem Einmarsch der Deutschen in die sogenannte freie Zone, wo Juden die Deportation weniger fürchten mussten. Dennoch, die Familie wird denunziert, übersteht eine Razzia, lebt von nun an im Verborgenen. Und doch schreibt Barbara: „Die Fluchtwellen, das Hin- und Herziehen von 1939 bis 1945 haben mein Leben nicht mit Leid erfüllt. Wir haben nie den Judenstern tragen müssen, keiner von uns wurde deportiert.“ Aber sie sieht mit eigenen Augen, wie ein junger Widerstandskämpfer auf der Straße gefoltert und erschossen wird. Über die Libération schreibt sie: „Ich würde nun jüdisch sein können, ohne Angst zu haben, ganz ungehindert.“

Das ist der Hintergrund für Barbaras kategorische Absage, in Deutschland zu singen. Aber Günther Klein gibt nicht auf, er besucht weitere Auftritte von ihr und schließlich sagt Barbara zu, nach Göttingen zu kommen. Einzige Bedingung: Ein schwarzer Flügel.

Am 4. Juli 1964 kommt sie im Jungen Theater an. Doch auf der Bühne steht ein braunes Klavier. Sie weigert sich, zu singen. Was nun? Klein sucht einen Flügel, eine alte Dame ist bereit, ihren zu leihen. Zehn junge Männer tragen ihn auf die Bühne. Das Konzert beginnt mit zwei Stunden Verspätung. Ein Triumph.

Sie akzeptiert, noch an weiteren Tagen in Göttingen aufzutreten und entwirft ein Lied, „À Göttingen“, das sie am letzten Abend in einer Rohfassung vorträgt. „Dieses Chanson verdanke ich der dickköpfigen Beharrlichkeit Günther Kleins, einer mitfühlenden Dame und zehn blonden Studenten.“ Darin heißt es: „Klar, es ist nicht die Seine,/ es ist nicht der Bois de Vincennes/ und doch ist es durchaus herrlich/ in Göttingen, in Göttingen... und die Märchen unsrer Kindheit/ Es war einmal / sie beginnen in Göttingen, in Göttingen“. Ein großes Chanson ist geboren.

Nach dem Krieg war Barbaras zerrissenes Leben weitergegangen. Der Vater hatte die Familie verlassen, mit neunzehn riss sie aus. Nach Brüssel. Noch singt sie nicht, obwohl sie in Paris Gesangsunterricht genommen hatte. In einer Varietékaschemme spült sie Gläser, verkehrt in zwielichtigen Bars am Rand der Prostitution. Schon als Kind wollte sie nur eins: Singen.

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