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„Bad der Intelligenz“ Zur Sonne, zur Freiheit

Nach 1946 sollte aus dem Ostsee-Nest Ahrenshoop ein „Bad der Intelligenz“ werden. Hier packten Dichter und Denker damals die Badehose aus.

Ostseesteilk
Sonnenuntergang an der Ostseesteilküste bei Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland. Foto: Imago

Brecht blieb trocken: Der Dichter ging nicht baden. Schon gar nicht im Kollektiv der ost- und westdeutschen „Kulturschaffenden“. Die waren nach 1946 in Ahrenshoop buchstäblich aus dem Häuschen. Der 1948 aus dem Exil zurückgekehrte Schriftsteller hingegen zog es vor, die Ostsee wie eine Bühne zu betrachten. Angeblich ließ sich der stets bis zum Kragen zugeknöpfte Urlauber einen Klappstuhl in die Dünen hinterhertragen, von dem aus er auf die See vor Fischland-Darß blickte. Episches Baden. Für das romantische Erleben waren andere zuständig.

Allen voran der Kollege Johannes R. Becher, der Dichter der DDR-Nationalhymne, der es als ein Mann des KPD-Apparates 1945 zum Präsidenten des Kulturbundes gebracht hatte. Der Verein war in dieser Zeit noch nicht die harmlose Massenorganisation der späten DDR, sondern eine Vorläuferstruktur des 1953 zu gründenden Kulturministeriums, dessen erster Chef wiederum Becher werden sollte. 

In Ahrenshoop ließ er seinen Sentimentalitäten freien Lauf. Zur Sonne, zur Freiheit. Splitternackt soll Becher in den frühen Morgenstunden durch den Darß-Wald gelaufen sein. Noch als 59-Jähriger trieb er einen Kult um den Körper. Nicht nur den eigenen. Der Sommerliebe zu einer Ahrenshooper Bildhauerin wollte er seine Ehe opfern; die Partei war dagegen. Ein Skandal, wie gemacht für die kulturelle Dorfstraße. 1950 soll Becher das Ostseenest, das er zur Künstler-Idylle umgestalten wollte, fluchtartig verlassen haben. Danach ließ sich der Freikörperfreund nur noch kurzzeitig, schließlich gar nicht mehr auf dem Darß sehen.

Es sind Fotografien aus dem Album einer großen, in sich weltanschaulich und erotisch haltbar verstrittenen Familie, die die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ in ihrer aktuellen Ausgabe zum „Intelligenzbad Ahrenshoop“ ausbreitet. Sämtlich Paare und Passanten, die nach 1945 auf die ostdeutsche Karte setzten. Die Sommerfotos zeigen: Wie Funktionäre neigen Akademiker und Dramatiker offenbar eher dem blickdichten Strand-Outfit zu; man steht nicht nackt vor dem Volk, das man so gern belehrt. Dichter, Schauspieler und Musiker aber zeigen Haut.

Wunderbar das gehäkelte Strandmützchen, unter dem sich 1950 der nur mit einer Badehose bekleidete Komponist Hanns Eisler präsentiert, während er von seiner Frau Louise mit Sand bestreuselt wird. Die Schauspielerin Inge Keller, die als „diensthabende Gräfin“ noch Jahrzehnte am Deutschen Theater vor sich hat, steht 1949 nackt vor einer Düne; ein anderes Foto zeigt sie mit ihrem zweiten Ehemann, dem künftigen Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler – es gab für ihn, wie man sieht, ein Leben vor dem Kinnbart. 

Der Agitprop-Sänger Ernst Busch und der Theaterkritiker Herbert Ihering, der Verleger Wieland Herzfelde und die Schriftsteller Franz Fühmann und Christa Wolf: Sie alle zeigt das Heft am Strand der erträumten neuen Welt. Wobei jene, die nicht mehr träumten – etwa der Holocaust-Überlebende Victor Klemperer -, sich doch ein paar gute Tage gönnten. Heiner Müller – nur mit ausgezogenem Sakko ganz Dramatiker – blickt 1958 in die Fluten. „Herr Urlaubspoet“, notierte seine Frau Inge dazu.

Es war der Plan des Kulturbundes, in Ahrenshoop ein „Bad der Intelligenz“ zu schaffen, das Menschen aus allen Besatzungszonen für einen Neuaufbau nach sowjetischem Muster begeistern sollte. Das konnte nicht gut gehen, wie die Ahrenshooper Sommerakademie 1947 belegt. Auf der versuchte der vormalige Nationalbolschewist Ernst Niekisch die Kulturbund-Kader für den umstrittenen Schriftsteller Ernst Jünger zu begeistern. Das gelang, so lange der Becher-Clan nicht anwesend war, der am Tag darauf den Autor aus dem Kulturbund-Kanon stieß. Plötzlich regte sich keine Hand mehr für Jünger.

Die im Heft geschilderte Debatte um Jünger ist ein Paradestück in Sachen intellektuelles Mitläufertum. 1947, mit dem Verbot des Kulturbundes im Westen, erlahmte der Einheits-Schwung. Die Ost-Künstler reisten weiterhin an; das blieb so bis 1989. Wie für die Werktätigen das Erleben eines „Bonzen-Aquariums“, wie ein Tourist nörgelte; es gab Urlauber erster und zweiter Klasse. In den Aufsätzen von Ulrich von Bülow, Annett Gröschner, Marina Achenbach und Sebastian Kleinschmidt gewinnt die künstlerische und politische Sandburg Ahrenshoop Gestalt. Die wurde 1946 nach sowjetischem Vorbild entworfen, wie der Aufsatz über die Dichtersiedlung Peredelkino bei Moskau nahelegt, dort gab es ein „Haus des Schaffens“ und ein „Haus der Erholung“. Teile mit, flaniere mit, so hieß es für die in der DDR gelittenen Kulturträger.

Es gab in Ahrenshoop auch immer die anderen. Und solche, die sich künftig vom Staat entfernen sollten – wie die stets aufgeweckte Dichterin Sarah Kirsch. In den Tagebuch-Auszügen ihres Ahrenshoop-Sommers von 1965 zeigt sich schon die unabhängige, 1977 von der DDR lösende Frau, die künftig nach Cornwall statt Fischland reisen sollte. Darauf war sie bestens vorbereitet. Vom Schwoof im Ahrenshooper „Café Namenlos“ notierte sie 1965: „Es war sehr lustig, twist, shake und let-kiss, ham wa alles jekonnt.“ 
 
Zeitschrift für Ideengeschichte: Intelligenzbad Ahrenshoop. Ausgabe Sommer 2018. 128 Seiten, mit Abb., 14 Euro.

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