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Bachmann-Gewinnerin Otoo „Wir können sprachlich viel mutiger sein“

Sharon Dodua Otoo, Trägerin des diesjährigen Bachmann-Preises, über das Schreiben auf Deutsch, Rassismus und das Zusammenspiel von Literatur, Aktivismus und Mutterschaft.

Die Autorin Sharon Otoo lebt in Berlin. Foto: dpa

Frau Otoo, als Sie für Ihren Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ den Ingeborg-Bachmann-Preis bekamen und in den Tagen danach Ihr Bild in allen Medien zu sehen war: Woran dachten Sie, während Sie höflich lächelten?
(lacht) Zunächst war ich einfach verblüfft. Meine Geschichte ist so anders als die anderen Texte, die in diesem Jahr präsentiert worden sind, dass ich eigentlich davon ausging, dass es mindestens eine geteilte Meinung in der Jury geben würde. Ich habe mich natürlich sehr gefreut über die positive Resonanz in der Jurydiskussion und danach in der Berichterstattung. Dennoch muss ich gestehen, bin ich gespannt, inwiefern die weiteren Ebenen in der Geschichte noch rauskommen. Ich habe das Gefühl, einige der von mir angedeuteten Themen sind ein wenig verdrängt worden.

Spielen Sie an auf die Nebenfigur der Ada? Ich habe das Gefühl, sie hat noch viel zu sagen.
Das ist interessant. Denn als ich den Text geschrieben habe, war Ada für mich sogar die Hauptfigur. Ich kann natürlich nachvollziehen, warum so viele Leute über Loriot nachdenken, wenn sie den Text lesen. Aber es ging mir nicht so sehr um Helmut Gröttrup oder Irmgard, seine Frau. Diese Sachen, die ich nur angedeutet habe, es lohnt sich, da genauer hinzuschauen. Auch in unserem eigenen Alltag gibt es Dinge, die direkt vor unserer Nase sind, denen wir aber nicht so viel Beachtung schenken.

Ihre Novellen „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ und „Synchronicity“ haben Sie auf Englisch geschrieben, der Wettbewerbsbeitrag war Ihr erster deutscher Text. Wie unterscheidet sich für Sie das Schreiben in den beiden Sprachen?
Tatsächlich ist es der zweite Text. Ich habe mich irgendwann daran erinnert, dass ich schon mal eine Kurzgeschichte für den Terminplaner „Wir Frauen“ auf Deutsch geschrieben habe. Schon damals habe ich gemerkt, dass ich es sehr schwierig finde. Wissenschaftliche Texte sind in Ordnung, aber bei Belletristik spüre ich eine gewisse Unsicherheit, wie genau meine Bilder, Metaphern und Wortspielereien sind. Ich bin im Englischen sozialisiert, da kann ich besser einschätzen, was meine Sprache auslöst. Und Englisch ist ohnehin belastbarer, weil es von Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen gesprochen wird. Deutsch hingegen erlebe ich als eine Sprache, bei der sehr darauf geachtet wird, dass die korrekte Grammatik, der richtige Artikel verwendet wird. Wenn ich versuche, etwas Kreatives mit der Sprache zu machen, erlebe ich schnell, dass ich korrigiert werde, dass etwas so nicht ginge. Ich weiß dann oft nicht, ob das stimmt, oder ob es einfach am Konservatismus liegt. Deshalb ist es mir manchmal unangenehm, auf Deutsch zu schreiben. Ich bin dann darauf angewiesen, dass die Leute um mich herum mir Feedback geben. Dennoch wollte ich diesen Text auf Deutsch schreiben, weil es für mich eine so typisch deutsche Angelegenheit ist. Da fielen mir die Vokabeln auf Englisch gar nicht ein.

Fühlen Sie sich als Trägerin eines der wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur jetzt unter einen Druck gesetzt, weiter auf Deutsch schreiben zu müssen?
Ich fühle mich nicht unter Druck. Es ist eine schöne Herausforderung. „Herr Gröttrup setzt sich hin“ habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben und damals bereits das Feedback bekommen, das müsse ein Roman werden. Aber ich hatte nicht die Kapazitäten, die Geschichte auszubauen. Durch den Preis habe ich jetzt die einmalige Chance, meinen Alltag ganz neu zu planen, mir Zeit freizuschaufeln um zu schreiben. Ich finde aber auch, wir Autor_innen könnten viel mutiger sein mit Sprache (Anm. d. Redaktion: Otoo setzt beim Sprechen die Silbe „innen“ deutlich ab, um darauf hinzuweisen, dass es mehr als zwei Geschlechtsidentitäten gibt, wie es die genderneutrale Schreibweise „Autor_innen“ ausdrückt). Wir könnten mehrere Sprachen in einem Roman verwenden, versuchen, in der Literatur sprachliche Grenzen aufzubrechen – ich wäre dafür, ganz, ganz mutig zu werden. Noch bin ich ganz zahm.

Man merkt Ihren Texten den Mut zu Neuem aber durchaus an. Sie verwenden Begriffe aus dem feministischen Sprachgebrauch wie „jemensch“ statt jemand oder Cis-Mann (Anm. d. Redaktion: eine Person, die sich im Gegensatz zu Transpersonen mit dem ihr bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert) und benennen das Weißsein von Figuren. Würden Sie sagen, Literatur kann oder muss sich sogar diskriminierungsfreier Sprache bedienen?
Ich würde sagen, sie kann. Es gibt Menschen, die von Rassismus betroffen sind, die selber rassistische Sprache zu einem bestimmten Zweck bedienen – und das ist natürlich jedem, jeder Künstler_in überlassen. Es gibt aber auch Leute, die nicht von Rassismus betroffen sind und das tun, da schaue ich ein bisschen kritischer drauf. Weil ich glaube, dass es leicht zu Missverständnissen führt. Selbst wenn es meistens in der Absicht getan wird, antirassistisch zu sein, wird diese Botschaft dann übertönt vom rassistischen Sprachgebrauch. So wie ich nicht so gut einschätzen kann, wie etwas wirkt auf Deutsch, kann eine Person, die rassistische Sprache bedient, selber aber nicht von Rassismus betroffen ist, nicht wirklich gut einschätzen, wie das ankommt bei Personen, die von Rassismus betroffen sind. Der antirassistische Zweck dieser Kunst ist aber sinnlos, wenn sie zu weiteren Verletzungen führt.

In Klagenfurt hat sich dieser unterschiedliche Umgang mit Sprache deutlich gezeigt. Direkt nach Ihnen hat Astrid Sozio gelesen – Rollenprosa aus der Sicht und mit den Worten einer Rassistin. Fehlt der deutschsprachigen Literatur in dieser Hinsicht Sensibilität? Und sehen Sie Unterschiede zur englischsprachigen Literatur?
Ich sehe auf jeden Fall Unterschiede. Im englischsprachigen Raum gibt es ein viel größeres Bewusstsein für Rassismus und verschiedene Positionierungen. In Deutschland ist Diskriminierung sehr schwierig zu thematisieren und wird in der Regel heruntergespielt. Leuten, die von Sexismus oder Rassismus betroffen sind, wird oft gesagt, dass sie zu sensibel seien. In Bezug auf die Literatur gilt der Leitsatz „Kunst darf alles“. Ich würde dem sogar zustimmen. Das heißt aber nicht, dass eine Person, die rassistische Sprache bedient, davon ausgehen kann, dass sie anschließend dafür gelobt wird, weil sie antidiskriminierend handeln wollte. Das Ziel rechtfertigt nicht den Weg. Und ich frage mich, was wir als Gesellschaft verpassen, wenn wir fixiert sind auf diese Versuche, durch rassistischen Sprachgebrauch auf Rassismus hinzuweisen. Wir verpassen eine Menge, weil wir in die falsche Richtung schauen und den falschen Leuten Beachtung schenken. Es gibt so viele Autor_innen der afrikanischen Diaspora oder People of Colour, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft kaum beachtet werden. Der deutschsprachige Literaturbetrieb entspricht ja noch lange nicht der Heterogenität von Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Köln.

Ist es symptomatisch für diese falsche Blickrichtung, dass Literaturbetrieb und Feuilleton Sie vor Klagenfurt nicht auf dem Schirm hatten?
Ja, ich glaube schon. Es wurde oft von „dieser unbekannten Autorin“ gesprochen, die keiner kannte. Und ich habe mich am Kopf gekratzt, weil ich glaube, viele Leute kannten mich durchaus – die saßen nur nicht in den Verlagen, die entscheiden, wer gedruckt wird. Ich hatte schon einmal die Chance, wahrgenommen zu werden, als ich von Dietmar Dath in der FAZ erwähnt wurde. Ich dachte, wow, jetzt geht’s los – und dann passierte erstaunlich wenig. Ich war nicht sicher, woran das lag. Aber ich habe gedacht, ich schreibe eh nicht für die Leute, die schon viele Angebote haben. Ich schreibe für Leute wie mich, die sich nicht ausreichend repräsentiert sehen in der Literatur, und ich schreibe für Leute, denen gegenüber ich Privilegien habe und mit denen ich mich solidarisch zeigen möchte. Zum Beispiel ich als Cis-Frau möchte meinen anderen Cis-Personen sagen, guckt mal, wir tragen täglich dazu bei, dass Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann positionieren wollen oder können, ausgeblendet werden. Deswegen möchte ich in meiner Literatur keine Diskriminierung bedienen, die Transpersonen noch weiter verletzt.

Kann Literatur gesellschaftliche Realitäten beeinflussen oder gar ändern?
Ja. Auf jeden Fall. Das kann sie, das darf sie, das muss sie. Und es ist ein Wechselspiel. Die Literatur ist ein Ergebnis von gesellschaftlichen Handlungen und Veränderungen, von allem, was als wichtig oder unwichtig gewertet wird, was zentral, was neutral, was Randerscheinung ist. Alle, die literarisch produzieren, tragen in meinen Augen maßgeblich dazu bei, dass es eine Kultur gibt, eine Gruppe von Menschen, die sich als Nation versteht.

Sie sind auch Aktivistin, etwa in der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (Anm. d. Redaktion: Schwarz wird als politische Selbstbezeichnung groß geschrieben). Wie stark sind Ihre aktivistische und literarische Arbeit miteinander verknüpft?
Alles, was ich mache, ist sehr eng verknüpft. Ich finde es zum Beispiel sehr wichtig, mich als Mutter zu bezeichnen. Das erinnert mich daran, dass ich diese Aufgabe habe und dass es keine Sache ist, die ich nur abends mache. Alles, was ich tue, muss dazu führen, dass es meinen Kindern besser geht. Wenn ich in meiner aktivistischen Arbeit merke, dass ich etwas tue, das meinen Kindern schadet – sei es, weil ich zu oft weg bin von Zuhause, sei es, dass ich in den Medien auseinandergenommen werde und meine Kinder darunter leiden –, dann habe ich etwas falsch gemacht. Das, was wir als Aktivist_innen machen, muss auch dazu führen, dass es uns dabei gut geht. Und meine Literatur ist für mich ein Teil davon, weil sie Schwarzen Frauen die Möglichkeit gibt, wenigstens zwei Bücher zu lesen, in denen sie nicht ausgeblendet oder beleidigt werden. Dass sie eine Geschichte lesen können, wo sie selbstverständlich als Hauptfigur vorkommen – das alleine ist schon eine Form von Aktivismus.

Ist es nicht schwierig, als Aktivistin gesellschaftliche Veränderung anstoßen zu wollen und zugleich darauf zu achten, nicht zu viel Hass auf sich zu ziehen, um das persönliche Umfeld nicht zu belasten?
Das ist tatsächlich nicht einfach. Aber es ist schade, dass es so ist. Es wäre, glaube ich, möglich, Diskussionen und Auseinandersetzungen anzuregen, die nicht zu einer Polarisierung führen. Auch wenn es immer Leute geben wird, die sich von Fortschritt bedroht fühlen. Alle Personen, die eine gute Position haben in einer Gesellschaft, die auf Ungleichheit basiert, werden verunsichert durch gesellschaftliche Veränderungen, die zu mehr Gleichheit führen. Deswegen können wir wahrscheinlich nie ganz ausblenden, dass es diese heftigen Reaktionen gibt. Gewöhnlich finden Schwarze Stimmen in Deutschland erst dann Gehör, wenn etwas Schlimmes passiert ist und es zu einer Demonstration kommt. Auch wenn erfreulicherweise immer mehr Schwarze Personen in den verschiedenen Medien Fuß fassen. Ich freue mich darüber und wünsche mir, es würde noch selbstverständlicher. Die Demonstrationen, die Literatur, die Überarbeitung von Schulbüchern – all diese Schritte führen dazu, dass die Gesellschaft sich ändert und hoffentlich der Hass irgendwann weg ist – auch wenn ich und meine Kinder dann vielleicht schon nicht mehr leben.

Durch den Bachmannpreis sind Sie quasi über Nacht zu einem Teil des deutschen Literaturbetriebs geworden. Ist das für Ihre politischen Anliegen von Vorteil, oder ist es einfacher, Strukturen von außen zu kritisieren?
Beides hat Vor- und Nachteile und ich habe beides genossen. Vor dem Bachmannpreis stand ich ziemlich am Rande. Das hat den Vorteil für mich gehabt, dass ich überhaupt keine Risiken hatte. Als ich zum Bachmannpreis eingeladen wurde, hatte ich so gut wie gar keinen Druck. I had nothing to lose, ich konnte alles machen, was ich wollte. Jetzt, da ich Angebote von großen Verlagen habe, voll einzusteigen im deutschen Literaturbetrieb, habe ich ganz andere Möglichkeiten. Es ist ein Privileg, dass ich da mitmachen darf und ich werde dieses Privileg gut einsetzen, damit möglichst viele davon profitieren.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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