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„Avenidas“ Wo ist die Autorin Petra Menard?

Von Borges lernen: Was den Streit über Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an der Berliner Alice Salomon Hochschule beenden könnte

„Avenidas“
Eugen Gomringers ?Avenidas? an der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Foto: David von Becker (ASH Berlin)

Das sagt so viel über die Zeit aus, dass man denken könnte, das sei von einem Regisseur so inszeniert worden: Auf den breiten, prächtigen Boulevards Barcelonas herrscht seit Wochen ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, und hier diskutiert man, ob ein Gedicht, das diese Boulevards mit ihren Blumen und Frauen besingt, jemandes Gefühle verletzt. Ich war mit der Abgabe meines Manuskripts sehr beschäftigt und schaute nur flüchtig die Nachrichten. Es gibt, erfahre ich, eine Ausschreibung: Durch welchen Text könnte man das Gedicht auf der Wand ersetzen.

Ich habe eine Lösung, die alle versöhnen würde!

Der große Jorge Luis Borges hat für die heutige Zeit vorgesorgt. Er hat seine berühmte Erzählung „Pierre Menard, der Autor des Quijote“ geschrieben, in der ein gegenwärtiger Autor den „Don Quijote“ des Cervantes verfasst, sodass das Werk zwar wörtlich dasselbe bleibt, aber eine ganz andere Bedeutung bekommt, denn „Don Quijote“ von einem Menschen des 16./17. Jahrhunderts und einem des 20. können nur grundverschieden sein.

Also: Wenn Boulevards und Blumen und Frauen und ein Bewunderer von einer Frau betrachtet würden, dann würde das eine absolut andere Bedeutung haben, die unter anderem alle mögliche Kritik an den unverfrorenen Bewunderern beinhalten würde. Wer ist bereit, anstelle des Pierre Menard einzuspringen und den Text zu unterschreiben? Man kann die Lyrikerinnen auffordern, ihre Unterschriften unter das Gedicht zu setzen und damit das Meisterwerk der konkreten Poesie für den öffentlichen Raum zu retten. Die Autorenrechte von Eugen Gomringer würden dadurch zwar verletzt. Aber vielleicht ist das ein geringeres Vergehen als die Beseitigung eines Gedichts?

Olga Martynova, 1962 geboren, wuchs in Leningrad auf und lebt heute in Frankfurt. 2012 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr neuer Essayband erscheint im März bei S. Fischer und heißt „Über die Dummheit der Stunde“.

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