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„avenidas“ und #Metoo Von der Belästigung durch ein Gedicht

Nora Gomringer spricht in der FR über den Umgang der Alice Salomon Hochschule und der Öffentlichkeit mit ihrem Vater, dem Dichter der „avenidas“.

Berlin
Gomringers Gedicht soll übermalt werden. Was sagt seine Tochter dazu? Foto: Imago

Frau Gomringer, was missfällt Ihnen in der Diskussion über das Gedicht „avenidas“ und dessen Entfernung von der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule am meisten?
Dass das Lebenswerk eines gestandenen Autors, der zeitlebens niemals des Sexismus bezichtigt wurde, in so schäbiger Form angegriffen wird. Gottlob steht mein Vater nicht im Verdacht, eine Frau angefallen oder ein Kind missbraucht zu haben. Er ist ein Dichter, der gerade ein Problem hat – mit einem Gedicht an einer Wand in Berlin. Und doch passiert es mir inzwischen, dass Gespräche allen Ernstes mit der Frage beginnen: „Ist Ihr Vater Sexist?“

Und was antworten Sie?
Ich sage: nächste Frage!

Was macht es in diesem Zusammenhang für Sie aus, dass Sie Eugen Gomringers Tochter sind?
Das lässt sich nicht trennen. Ich bin die Tochter des Mannes, der diesen Text verfasst hat, und ich bin Germanistin mit einem eigenen Kopf und eigenen Gedanken zu diesem Text. Aber wenn ich das trennen wollte, kämen die Leute dennoch daher und würden mir eine Verbindung wieder auf die Stirn quatschen: „Ha, was Sie sagen, sagen Sie ja doch nur, weil Sie die Tochter sind!“ Was eigentlich ziemlich absurd ist.

Warum?
Weil wir im Grunde eine sehr entfremdete Familie sind. Heute sind wir so gut miteinander wie nie zuvor. Aber es ist eine sehr stark von mir selbst gestaltete, eine „erfundene Beziehung“, die ich zu meinen Eltern habe. Und ich kann heute über die familiäre Bindung mit einer solchen Selbstverständlichkeit sprechen, weil meine Eltern die Größe haben, da nicht einzugreifen.

Wie ist momentan Ihre Stimmung mit Blick auf den Streit über „avenidas“?
Besorgt. Besorgt, dass meine Eltern den ganzen Rummel durchhalten. Mein Vater ist 93, meine Mutter 76. Seit Monaten werden sie nun schon bombardiert mit öffentlicher Aufmerksamkeit. Inzwischen stürzt sich sogar die Weltpresse auf sie. Ich habe ihnen zwar gesagt, „ihr müsst darauf nicht eingehen, ihr könnt es ablehnen, zum hundertsten Mal das Gleiche zu sagen“. Aber da gehören sie zur alten Schule: Sie möchten zu Diensten sein.

Sie sagten, als Germanistin hätten Sie Ihre eigenen Gedanken zum Text. Welche?
Zunächst bin ich entsetzt und enttäuscht darüber, dass mutwillig Dinge hineingelesen wurden, die nicht darin stehen. Das Gedicht ist instrumentalisiert, verzweckt worden.

Wozu?
Als Hebel in der Auseinandersetzung zwischen der Leitung der Alice Salomon Hochschule und den Studierenden. Die haben gesagt: „Moment mal, da steht etwas auf einer Wand, worüber wir uns nicht demokratisch verständigt haben. Das wollen wir weghaben!“ Meinetwegen. Aber dann hätten sie genau darüber reden sollen und nicht über einen Angriff des Textes auf ihr Frausein.

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