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Autobiografie Hermann Sinsheimer Ein deutsches Autorenleben

In London, wohin er ins Exil gehen musste, schrieb der jüdische Intellektuelle Hermann Sinsheimer seine Erinnerungen. Es lohnt sich, "Gelebt im Paradies" anhand der Neuausgabe wiederzuentdecken.

15.05.2014 16:32
Wilhelm von Sternburg
Hermann Sinsheimer um 1950. Foto: vbb

Politisch – und da stand er unter den deutsch-jüdischen Intellektuellen seiner Zeit nicht allein – blieb er bis in die Schlussphase der Weimarer Republik ein naiver Betrachter des sich abzeichnenden Dramas. In einem Buch über München schrieb er 1928: „Auch Hitler ist, nein war (denn er ist kaum noch!) eine Saisonerscheinung. Man ließ ihn reden, man ließ ihn putschen – aus.“ Hermann Sinsheimer musste seinen Glauben an die Kraft eines bürgerlich-aufgeklärten Deutschlands zum Glück nicht mit dem Leben bezahlen. Im letzten Augenblick gelang es ihm 1938 über Palästina nach England zu fliehen und dort ein schwieriges, aber doch unbedrohtes Exil zu finden.

Ein Alt-Nazi betreute die erste Ausgabe

Krank und beruflich ohne Perspektive schrieb Sinsheimer in London seine Erinnerungen, die 1953, drei Jahre nach seinem Tod, in Deutschland erschienen. Es war eine gekürzte und politisch manipulierte Ausgabe, herausgegeben von dem ehemaligen Nazi-Propagandisten Gerhard N. Pallmann. Unter dem gleichen Titel – „Gelebt im Paradies“ – ist diese Autobiographie unter Berücksichtigung der Originalmanuskripte nun neu editiert worden. Die Herausgeberin der geplanten dreibändigen Ausgabe der Werke Sinsheimers, Deborah Vietor-Engländer, schreibt im Vorwort: „Die Edition der Werke Hermann Sinsheimers ist bemüht, die Hinterlassenschaft dieses heute fast vergessenen Autors zu bergen.“ Im Herbst wird der zweite Band vorliegen. Schon die Autobiographie lässt ahnen, dass es sich lohnt, Mann und Werk wiederzuentdecken.

Sinsheimer war in den zwanziger Jahren einer der bekanntesten Feuilletonisten und Publizisten in seinem Heimatland. 1883 wurde er in dem bei Mannheim gelegenen pfälzischen Dorf Freinsheim geboren. Er studierte in Würzburg und Berlin Jura. In Ludwigshafen ließ er sich als Rechtsanwalt nieder und veröffentlichte seine ersten größeren Theaterkritiken in Siegfried Jacobsohns „Schaubühne“. Vom Kriegsdienst befreit, leitete er von 1916 bis 1918 die Münchner Kammerspiele. Anschießend schrieb er als Kritiker in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ über die Theaterszene der Isar-Stadt. 1924 wurde Sinsheimer Chefredakteur der damals schon inhaltlich ins Trudeln geratenen Satirezeitschrift „Simplicissimus“. 1929 wechselt er als zweiter Theaterkritiker zum „Berliner Tageblatt“, wo der von ihm bewunderte und wenig geliebte Alfred Kerr unangefochten den ersten Platz besetzt hielt. Nach Hitlers Machtantritt versuchte Sinsheimer weiter für das Mosse-Blatt zu arbeiten. Er veröffentlichte noch einen mutigen Geburtstagsartikel über den bereits verfemten Max Reinhardt, wurde aber 1934 – wie alle jüdischen Journalisten – mit einem Berufsverbot belegt. Heinrich Mann, schon im Exil, nannte Sinsheimer wegen dessen Ausharrens und Weiterschreibens in der Nazi-Diktatur in seiner Essaysammlung „Der Hass“ einen „Verräter“. Ein ungerechtes Urteil, das eine lange Freundschaft zerbrechen ließ.

Hommage an Deutschland

Sinsheimers Erinnerungen sind eine Hommage an Deutschland, an seine Theater, seine Schauspieler und Künstler. Das München vor 1914 und das Berlin der Weimarer Jahre lebt wieder auf, ein Lebenskünstler und unermüdlicher Theatergänger (und deutscher Patriot) berichtet von einem „paradiesischen“ Zeitalter, zeichnet liebevoll-spöttische Porträts von Weggefährten wie Erich Mühsam oder Frank Wedekind, Max Halbe oder Roda Roda.

1942 als es für die Miterlebenden noch keineswegs gewiss war, dass Deutschlands Vernichtungskrieg in eine Niederlage einmünden würde und die „Endlösung“ zwar bereits geplant, aber noch nicht in ihrer ungeheuerlichen Konsequenz durchgeführt worden war, lehnte Sinsheimer jede „Kollektivschuld“ ab: „Schuld ist die Clique, die das deutsche Volk verführt hat, trotzdem hat das deutsche Volk die Verantwortung.“ Wie so viele assimilierte Juden hat auch der (erfolgreiche) Theaterkritiker und (erfolglose) Theaterleiter, Schriftsteller, Dramatiker und Journalist Hermann Sinsheimer das Land, in dem er geboren worden war, dessen Kultur sein Denken und Berufsleben tief prägte, geliebt.

Er zweifelte nie an seinem Deutschsein und stand selbstbewusst zu seiner jüdischen Herkunft. Er überhörte als Jude im wilhelminischen und im republikanischen Deutschland nicht die antisemitischen Tiraden. Aber dass in dem Land, dessen moderne Geistesgeschichte von Kant, Schiller oder auch dem von ihm bewunderten Frank Wedekind bestimmt worden war, unter dem Beifall der Mehrheit eine Horde von Massenmördern die Macht übernehmen würde, lag jenseits seiner Vorstellungskraft. Auch damit stand er nicht allein.

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