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Ausstellung Woraus die ganze Geschichte besteht

Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 hat in der Nationalbibliothek in Frankfurt eine eindrucksvolle Dauerausstellung eingerichtet.

Koffer Walter Meckauer
Ein Koffer des über die Schweiz, Italien, Frankreich und wieder die Schweiz in die USA emigrierten Schriftstellers Walter Meckauer, in dem er seine Kurzgeschichten aufbewahrte. Foto: Stephan Jockel/DNB

Der Finanzwissenschaftler Fritz Neumark zögert nicht, 1933 einen Ruf an die Istanbuler Universität anzunehmen, das Schreiben aus der Türkei ist höflich und ein unverhohlenes Rettungsankerangebot. Der kleine Thomas Häfner malt in Ceylon 1939 einen knallbunten Elefanten. Ernst Loewy, der todernste 15-Jährige auf dem Passbild, kann mit der Jugend-Alijah nach Palästina, weil die Eltern ihm Geld für zwei Jahre Lebensunterhalt mitgeben können. Der Rechtsanwalt Walter Zweig nimmt ein Säckchen „Erde vom Grab meiner lieben Mutter“ mit nach Kenia. Und in Shanghai unterschreiben die Glasers einen Mietvertrag, von dem sie kein Wort lesen geschweige denn verstehen können.

Seine Tochter Stefanie Zweig, die ihrer Liebe zu Afrika später literarisch ein Denkmal setzen wird, möchte 1945 lieber bleiben. Aber der Vater bekommt zum Geburtstag ein liebes Gedicht der Zwölfjährigen mit den Zeilen „Wir gehen in die Heimat dann, / wo der Papa wieder Rechtsanwalt werden kann“. In den Sonderausweisen für das heimgekehrte Ehepaar Zweig können zwar verschiedene Haftgründe eingetragen werden, Emigration ist aber nicht vorgesehen. Häfner muss bei der Rückkehr auf einem Meldebogen unter anderem angeben, ob er „jüdisch“ oder „Mischling“ ist und belässt es beim Eintrag „deutsch“. Ernst Loewy hat kein Abitur, zum Studium in Deutschland wird er darum als 40-Jähriger nach der „Begabtenprüfung“ zugelassen. Bis 1961 wird Neumark seinen türkischen Pass immer wieder verlängern lassen, obwohl er in Deutschland nach 1945 wieder eingebürgert worden ist.

Es kann gut sein, dass man zuerst unterschätzt, was das bedeutet: Hier sind ausschließlich Originale zu sehen, 250 Gegenstände, Schriftstücke, Fotografien. Kinder, Erwachsene, Greise haben sie jahrzehntelang aufgehoben, bis sie oder die Erben beschlossen haben, sie an das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 zu geben. Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 gehört zur Deutschen Nationalbibliothek am Standort Frankfurt und wurde bereits 1949 gegründet. Heute Abend wird hier zum ersten Mal eine Dauerausstellung eröffnet. Dafür musste Platz geschaffen werden – Wechselausstellungen soll es weiterhin geben –, eine ausgetüftelte Klima- und Beleuchtungstechnik und ein kluges Konzept.

Längst haben Ausstellungsmacher begriffen, dass nur eine sorgfältige Auswahl von Exponaten, niemals einfach eine große Menge gewünschte Wirkung erzielt. Aber so konsequent wird das trotzdem selten dargeboten. Drei Kapitel, acht so individuelle wie exemplarische Biografien, denen man im Einzelnen nachgehen kann, viele weitere Biografien, die einmal oder mehrfach eine Rolle spielen. Die Exponate stehen für sich, einerseits, andererseits lassen sich Beitexte und Übersetzungen lesen (alle Texte gibt es ohnehin auf Deutsch und Englisch), Schubladen aufziehen, Kläppchen öffnen, Kopfhörer anlegen, um mehr zu erfahren.

„Auf der Flucht“, „Im Exil“ und „Nach dem Exil“ heißen die großen Überschriften. Zur höhnisch korrekten Bürokratie kommt die mutige Hilfe. Als die Pianistin Lene Bruch schriftlich mitgeteilt bekommt, dass sie aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wird (also beruflich ruiniert ist), dagegen aber Beschwerde einlegen kann, ist sie bereits auf dem Weg nach Brasilien. Eine gefälschte Carte d’Identité von 1943 ermöglicht es Betty Isolani als Berthe Imbert in Frankreich zu überleben. Ausgestellt wurde der Pass in Dieulefit, einem Dorf im Südosten, wo vom Gemeindesekretariat aus mehr als tausend solcher Ausweise ausgegeben und wo außerdem mehr als 1500 Menschen, Juden und Widerstandskämpfer, Erwachsene und Kinder, erfolgreich versteckt wurden. Es muss einfach so gewesen sein, dass keiner der Einwohner etwas verraten hat. Die Brüder Erich und Hans Stein hingegen haben vergeblich versucht, auch ihre Mutter aus Deutschland nach Amerika zu holen. Sie haben die Nachricht aufgehoben, mit der sich eine Verwandte im Dezember 1941 verschlüsselt meldet: „Ich schreibe, weil Mutti seit 20. November verreist ist.“

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