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Ausstellung Hin zum Totalitarismus

Berlins Literaturhaus zeigt eine Ausstellung zu Hermann Hesse.

Hermann Hesse
Nobelpreisempfänger Hermann Hesse. Foto: Imago

Es ist eine kleine Ausstellung. Anlass ist die Öffnung des Nachlasses des Fotografen Martin Hesse (1911-1968), des dritten Sohnes von Hermann Hesse (1877-1962). Allein der erhaltene Briefwechsel zwischen den beiden umfasst 1000 Seiten. Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis er erscheinen wird. Einblick in diese ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung konnte man schon vergangenes Jahr gewinnen, als Teile des Briefwechsels der beiden im Hesse-Museum in Gaienhofen gezeigt wurden. Oder in der Ausstellung „Vater und Sohn. Hermann Hesse der Maler – Martin Hesse der Fotograf“, die in Schwerin 2015 zu sehen war.

Das alles haben wir Martin Hesses Tochter Sibylle Siegenthaler-Hesse zu verdanken. Sie gab den Nachlass ihres Vaters für die Forschung frei. Dazu konnten sich die Erben der Söhne Bruno (1905-1999) und Heiner (1909-2003) noch nicht durchringen. Auf den Briefwechsel mit Sohn Heiner, einem Linksradikalen, bin ich gespannt.

Aber zur Ausstellung. In ihr findet sich auch das Foto, das Hermann Hesse an die Bekannten verschickte, die ihm 1946 zum Literaturnobelpreis gratuliert hatten. Es zeigt den hageren, alten Mann auf dem Boden liegend mit seiner Enkelin Sibylle. Ein schöner Kontrast. Großvater Hesses schmallippige Konzentration bei der Kontaktaufnahme und die pausbäckige Lebensneugier des Babys. Auf die Rückseite des Fotos schrieb der frischgebackene Nobelpreisträger: „Nehmen Sie diese Aufnahme vom Sommer 1946, mit meiner jüngsten Enkelin, als Zeichen des Danks für Ihre Glückwünsche. Hermann Hesse“.

Keine Zeile von Hesse

Apropos Nobelpreis. Hans Habe war der für die deutsche Presse zuständige Offizier der amerikanischen Besatzungsmacht. In dieser Eigenschaft setzte er sich 1946 dafür ein, dass in den von den USA herausgegebenen Blättern keine Zeile von Hesse vorkam. Der habe sich nicht deutlich gegen die Nazis gewandt, sondern im Gegenteil immer versucht, seine Sachen in Deutschland veröffentlichen zu können. Der Brief, in dem Habe Hesse seine Haltung darlegt, ist in der Ausstellung zu besichtigen.

Was hat das mit dem Nobelpreis zu tun? Seine Verleihung muss wohl als politisches Statement gesehen werden. Ausgerechnet ein Jahr, nachdem Nazideutschland besiegt und vernichtet wurde, beschließt die schwedische Akademie, den Preis einem deutschsprachigen Autor zu geben, der zwar ganz sicher kein Freund der Nazis gewesen war, der aber auch sehr darauf achtete, nicht mit ihnen so zu kollidieren, dass seine Bücher im Deutschen Reich nicht mehr verkauft werden konnten.

In einer Vitrine liegen Seiten aus dem „Glasperlenspiel“, dem letzten großen Roman Hermann Hesses. Das Schöne an den hier im Berliner Literaturhaus ausgelegten Seiten ist, dass man lesen kann, was gestrichen wurde. Man sollte also nicht in die Ausstellung gehen, ohne sein „Glasperlenspiel“ mitzunehmen.

Der flüchtige Blick glaubt, es handele sich um Kürzungen gar zu vieler Details. Man glaubt, Hesse als Straffer entdecken zu können. Man erinnert sich: Jens Sparschuh gibt zur Zeit einen Kurs „Kreatives Streichen“ am Literaturinstitut Leipzig. Betrachtet man in der Ausstellung die gestrichenen Passagen, stellt man fest, dass bei mancher der vom Erzähler erwähnten feuilletonistischen, weltanschaulichen Entgleisungen die nationalsozialistische Zensur auf die Idee hätte kommen können, Hesse kritisiere eben nicht nur die Kommunisten, sondern auch den Nationalismus. Dass Hesse im Einvernehmen mit Peter Suhrkamp – oder war es umgekehrt? – diese Konkretionen strich, half ihm dann am Ende nicht. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda verbot im Sommer 1942 Peter Suhrkamp eine Veröffentlichung im S. Fischer Verlag. Es erschien in der für den deutschen Markt gekürzten Fassung in zwei Bänden bei Fretz und Wasmuth in Zürich. In dem Vertrag zwischen dem deutschen und dem Schweizer Verlag hatte der Roman noch den Titel „Der Glasperlenspielmeister“.

Es lohnt sich noch ein weiterer Blick auf die gekürzten Seiten. Da gab es zum Beispiel einen längeren Abschnitt, der den Begriff der „Totalität“ kritisierte. Er ist ganz gestrichen worden. Hesses Erzähler referiert ein von Hesse erfundenes Buch über das „feuilletonistische Zeitalter“, in dem ausgehend vom Konzept des „Gesamtkunstwerks“ nach und nach alles, das bis dahin nur ein Aspekt gewesen war, zur Totalität ernannt werden konnte. Er nennt in diesem Zusammenhang auch den Krieg. Goebbels’ Sportpalastrede vom 18. Februar 1943, die in der Frage gipfelte „Wollt ihr den totalen Krieg?“ ist darin wohl eher hellseherisch vorweggenommen als blitzschnell eingearbeitet. Das Propagandaministerium wusste, was es verbot.

Aber wir sollten nicht vergessen: Totalitär wurde erst nach der Niederlage von Faschismus und Nationalsozialismus kritisch gemeint. Der italienische Faschismus hatte den Begriff durchweg positiv verwendet. Er markierte den umfassenden Machtanspruch und mehr noch den Willen zu einer umfassenden Veränderung des Ganzen. Der Größenwahn war keine Krankheit mehr, kein ironisches Caféhausspiel, sondern wurde blutig ernst gemeint. Dagegen kam die Schönheit des Glasperlenspiels nicht mehr an.

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