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Auf dem Höllenfluss durchs Paradies

Hier ist Geschichte von Menschen gemacht und getragen: Salman Rushdie webt in seinem neuen Roman "Shalimar der Narr" mit stählernen Fäden das Lied von Liebe und Hass in Zeiten des Terrors

21.06.2006 00:06
INSA WILKE

Jedes Buch von Salman Rushdie würde gerade jetzt hohe Erwartungen auslösen. Doch nach einem, dessen Geschichte sich in einer der Regionen entfaltet, die in nuce ballen, was die Welt zum Hochdruckkessel werden lässt, greift mancher fast mit Gier.

Kaschmir bedeutet heute: atomare Gefahr, Terrorismus, Erdbeben. Die Erinnerung an ein früheres Kaschmir trägt andere Farben. Salman Rushdies erster großer Erfolg, der Roman Mitternachtskinder von 1981, nimmt seinen Ausgangspunkt in dem einstigen Himalaja-Staat. Mit seinem neuen Roman Shalimar der Narr kehrt Rushdie, dessen Familie aus Kaschmir stammt, dorthin zurück.

Das Dorf Pachigam in der Nähe Srinagars ist nach 1947 das Paradies auf Erden. Am plätschernden Muskadoon zwischen den alten wispernden Chinarbäumen wohnen Hindus und Moslems in Freundschaft zusammen. Allenfalls nachbarschaftliche Rivalitäten von komödiantischer Qualität wie der "Krieg der Töpfe" um den Vorrang in der Zubereitung des "Banketts-mit-mindestens-sechsunddreißig-Gängen" stören das Idyll. Die ideale Kulisse für eine Liebesgeschichte.

Rushdie ist in seinem Element: Der Weltenwanderer verschlingt die Lebensläufe seiner Figuren mit der Historie, webt ein wucherndes Gebilde aus Mythen, historischen Fakten, politischem Buch und Märchen, kombiniert innere Monologe mit Erzählerkommentaren.

Diesmal sind es vier Figuren, deren Schicksale sich ineinander verbeißen. Zwei von ihnen sind das schöne, selbstbewusste Hindu-Mädchen Boonyi und der harmlos-verträumte Noman alias Shalimar der Narr, der Moslem ist. Ihre unfreiwillige Liebesheirat zerbricht die Illusion eines einfachen Happy Ends des Romeo und Julia-Plots. Denn sie beginnt mit Boonyis inbrünstigem Wunsch "Bring mich weg von hier; von meinem Vater, von diesem langsamen Tod und noch langsameren Leben, fort von Shalimar dem Narren" und über ihr schwebt die Drohung Shalimars "Verlass mich bloß nicht, oder ich werde dir nie verzeihen und mich rächen. Ich bringe dich um, und wenn du von einem anderen Mann Kinder bekommst, töte ich auch deine Kinder."

In Gestalt des amerikanischen Botschafters, Held der Résistance und Don Juan, Max Ophuls, ergreift Boonyi ihre Chance und führt damit, wenn nicht die Erfüllung ihres Wunsches, so doch die der Drohung ihres Mannes herbei. Statt Liebe ist fortan der Hass die Melodie ihrer Geschichte. Shalimar wird Terrorist und Boonyi zur Verkörperung der These, der islamistische Terrorismus sei mit dem Niedergang des Patriarchats zu begründen. Unauflöslich sind Einzelschicksale und die Geschichte des Landes miteinander verquickt. Kaschmir schlittert mit seinen Menschen in einen Abgrund von Gewalt, in den bald kein Licht mehr dringen soll. Shalimar: "Mein Leben wollte das eine werden, der Tod hat es in etwas anderes verwandelt. Für mich gibt es keinen hellen Himmel mehr, und eine dunkle Flucht hat sich aufgetan. Jetzt bin ich aus Dunkelheit geschaffen, ein Löwe aber ist aus Licht."

Amerikanische Liebe hörtsich anders an

Einen Hoffnungsschimmer erlaubt die Geschichte Kaschmirs bei Rushdie nicht. Das deutlichste Bild dafür ist die vierte zentrale Figur: India, die uneheliche Tochter in Los Angeles. Die Geschichte ihrer Eltern ist das Fremde in ihr, eine eindringliche Anwesenheit in Form von Abwesenheit. Denn es ist nicht ihre Geschichte und ist es doch. Sie kann sie nicht verstehen und muss es doch.

Mit India beginnt Rushdies Roman, der gegen die Chronologie erzählt wird, bis am Ende Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Die Kunst Rushdies ist es, Historie als gegenwärtig und als von Einzelnen bestimmt zu erzählen. Bei ihm zeigen sich Systeme als das, was sie sind: von Menschen gemacht und getragen. Seine Geschichten erzählen so viele Welten wie sie Figuren aufbieten, und doch zeigen sie den großen Zusammenhang.

Üppig und überbordend zu erzählen, Pathos mit Komik zu brechen - das ist Rushdies Stil. Dieses Erzählen entstammt einer Kommunikationskultur, die sich über Nebenschauplätze und Nebenfiguren dem Wesentlichen nähert. Rushdie weiß um das Befremdende dieser Erzählweise, er weiß auch um deren Zauber, und er setzt beides ein: Kaschmir erzählt er anders als Amerika und Europa.

In Straßburg und in Los Angeles schweifen Erzähler und Figuren weniger in Mythen und Natur ab. "Liebe" auf amerikanisch hört sich so an: "‚Wie heißt du noch mal?', fragte sie, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, und die Frage amüsierte ihn auf seine supergewöhnliche Art. ‚Jock Flock', erinnerte er sie, als er zu lachen aufhörte. ‚Der Name ist dir ins Gedächtnis eingebrannt. Er wiederholt sich unaufhörlich in deinem Kopf, eine Endlosschleife, ein Ohrwurm, den du nicht vergessen kannst.'" In Kaschmir dagegen: "Noman ging hinauf in den Kiefernwald hinter dem Dorf und wisperte den Affen Boonyis Namen zu. Auf der blütenübersäten Wiese von Khelmarg, dort, wo er sie zum ersten Mal geküsst hatte, murmelte er auch den Wiedehopfen ‚Boonyi' vor. ‚Boonyi', erwiderten Vögel und Affen feierlich und ehrten seine Liebe."

Ein, zwei gelegentliche Tote gehören dazu

Die "Welt neu zu sehen" hat Rushdie einmal die Aufgabe des Romans genannt. Ob ihm das gelingt, fragt man sich kurzfristig, wenn er mit einer weiteren Rückwende auch noch die Geschichte der Résistance einflicht. Doch jede Faser des vor Farben strotzenden Erzählteppichs bleibt letztendlich als solche erkennbar und hat ihren Platz. Rushdie tritt nicht in die Luft, auch wenn er auf dem Grat erzählt. Er ist Meister, nicht Zauberlehrling.

Shalimar der Narr erzählt die Gewaltspirale, die Kaschmirs Geschichte ist - und ist damit zugleich Resonanzboden für globale Zusammenhänge. Unmöglich, Max Ophuls, der sich in Anspielung auf den gleichnamigen Regisseur als Weltenschöpfer versteht, nicht pars pro toto für die janusköpfige Politik der USA zu lesen. Unausweichlich der Gedanke an andere Orte, wenn die Rede ist "von versehentlichen Schüssen, versehentlichen Schlägen, dem versehentlichen Gebrauch von Elektroschockern, ein, zwei versehentlichen Toten". Wenn es militaristische Euphemismen prasselt, wenn Hassprediger aus dem Westen und dem Osten sein könnten, dann wird alles "ein Spiegelbild von allem anderen".

Rushdies Roman ist eine Frage, eine Hilflosigkeit und ein Prisma, das Wahrheit in tausend unterschiedliche Strahlen aufbricht. Wirklichkeit ist abwesend. Und wie der Leser sehnt sich jede der Figuren danach, sie in Händen zu halten und verkennt das eigene "Unvermögen zu begreifen". Einzig Max ahnt dies, als "seinem westlichen Verstand der Konflikt in Kaschmir zu groß und zu fremd erschienen war, um ihn verstehen zu können", und er ist versucht, dem Impuls zu folgen, "sich wie in einen Schal wieder in seine eigenen Erfahrungen zu hüllen". Bei aller Fülle ist Rushdies Buch ein Buch über Abwesenheit, vor allem über die Abwesenheit von einfachen Wahrheiten.

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